Von Franz Walter
Chancengesellschaft - das ist der programmatische Schlüsselbegriff nahezu aller Parteien in Deutschland, gewissermaßen von links bis rechts. Und als Türöffner schlechthin einer solchen Gesellschaft gilt die Bildung. Vor fünf Jahren, auf dem Höhepunkt der Agenda-Wende, hatten die Sozialdemokraten unter dem damaligen Generalsekretär Olaf Scholz gar einige Monate lang erwogen, die Zielperspektive der "sozialen Gerechtigkeit" fallen zu lassen, auch Abschied von der traditionellen Sozial- wie Umverteilungspolitik zu nehmen. Denn die beste Sozial- und Gerechtigkeitspolitik sei diejenige, die über frühe und offene Bildungswege Chancen zur gesellschaftlichen Teilhabe bereitstelle.
Damals - und nicht erst unter Kurt Beck, wie erstaunlicherweise gerne unterstellt wird - sank die SPD ins Bodenlose. Wer immer auf Parteiversammlungen das neue Projekt der Chancen- und Bildungsgesellschaft verkündete - und damit zugleich Abstriche an Sozialleistungen zu legitimieren versuchte - erntete eisiges Schweigen. Und als zündende Slogans für Wahlkämpfe tauchten die Teilhabe-, Chancen-, Bildungspostulate auch nicht. Die Wahlkampfniederlagen der SPD waren historisch beispiellos.
Das verwirrt bis heute noch viele Interpreten des politischen Geschehens. Schließlich ist der Bildungsimperativ einleuchtend, sind die Aussichten auf gleiche Chancen mustergültig demokratisch. Und dennoch mobilisierte es nicht das bildungsbenachteiligte untere Fünftel der Gesellschaft. Dort verband und verbindet sich mit "Bildung" nicht Hoffnung, sondern die Erinnerung an Demütigung, Versagen, Scheitern - letztlich die Alltagserfahrung des Abgehängtseins gegenüber denen, die leichter lesen, besser rechnen, problemlos fremde Sprachen lernen konnten.
Eltern in der Druck- und Konkurrenzsituation
Doch auch die neue Kernklientel der Sozialdemokratie und die klassische Anhängerschaft der CDU, die sozialen Aufsteiger in der neuen Mitte hier, ältere Mittelständler wie traditionelle Eliten dort, legten sich keineswegs für das Modell einer neuen Chancen- und Teilhabegesellschaft aktiv ins Zeug. Auch das irritierte nicht wenige Beobachter, die darauf verwiesen, dass doch zumindest die sozialdemokratischen Aktivisten Initiatoren und Gewinner der ersten Bildungsreform während der 1960/70 Jahre waren.
Doch gerade weil etliche sozialdemokratische Menschen seinerzeit den Aufstieg aus der Proletarität schafften, gerade darum hatten sie nun - ganz wie schon in früheren Jahrzehnten die etablierten Mittel- und Oberschichten - kein Interesse an weiteren Emanzipationsschüben von unten, da das für sie zusätzliche Konkurrenz, auch die Entwertung der eigenen, mühselig erworbenen Bildungsabschlüsse und Statusposition bedeuten musste. Soziologen pflegen einen solchen Vorgang als "soziale Schließung" zu bezeichnen.
Wie sehr die Höherwertung von Chancen durch Bildung nicht zu einer sozialen oder solidarischen Gesellschaft, sondern zu einer zunehmend tribalistischen Gesellschaft sich scharf abgrenzender Schichten und Lebenskreise führen mag, das zeigt auf fast bedrückender Weise eine neue Studie des Heidelberger Sinus-Instituts in Kooperation mit der Konrad-Adenauer-Stiftung über Lebensbedingungen und Einstellungen von Eltern in der bundesdeutschen Gegenwart.
Das klassische Bildungsbürgertum achtet neuerdings mehr als in den vergangenen drei Jahrzehnten darauf, dass ihre Sprösslinge nicht mit den "Parvenüs" aus dem Mittelstand ihre Freizeit verbringen. Und die kleinbürgerliche Mitte unterbindet entschlossen Begegnungen mit Familien aus der "Underclass". Denn dort wittert sie kulturelle Verwahrlosung, haltlosen Konsumismus, unheilstiftende Disziplinlosigkeiten.
Die Note wird zum Seismograph für Tüchtigkeit und Erfolg
Die soziale Mitte in Deutschland ist geradezu in Panik, dass sie für ihre Kinder lebensentscheidende Gelegenheiten verpassen, die Weichen für künftige Karrieren nicht rechtzeitig stellen könnte. In den Haushalten der Mitte findet man Beziehungsratgeber aller Art, Bücher zur frühkindlichen Förderung, Publikationen über Lese- und Lernstoff für den reibungslosen Übergang von der Grundschule zum Gymnasium, Tipps für ein Auslandsjahr von Schülern nach Abschluss der Mittelstufe. Die Mitte will partout nichts falsch machen, will um nichts in der Welt eine Chance zur besseren Ausbildung und Qualifikation ihrer Kinder versäumen.
Im Zuge dieses Chancen-Nutzen-Drucks über Bildungszugänge aber hat sich das Eltern-Kinder-Verhältnis zu einen eisernen Förderungs- und Forderungsverhältnis transformiert, in der nunmehr Schule, Unterricht, Lehrer und vor allem Noten vollauf im Mittelpunkt stehen. Chancen und Noten verschmelzen miteinander; die Note wird zum Seismograph für Tüchtigkeit, Leistungsbereitschaft, Erfolg im gnadenlosen Chancenwettbewerb. Und insofern wird die gute Note in der Familie der Mitte und des Establishments weithin finanziell prämiert.
Vor allem Familien der gesellschaftlichen Mitte gehen dabei bis an die Grenze ihrer Belastungsfähigkeit. Das Förderungs- und Belohnungssystem für die Zukunftsinvestitionen in den eigenen Nachwuchs zehren an den materiellen und psychischen Ressourcen. Klavier- und Ballettunterricht kosten, die Nachhilfe ebenfalls, die Reitstunde und der Sprachaufenthalt in England erst recht.
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