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Gestresste Eltern Hauen und Stechen in der Chancengesellschaft

2. Teil: Chancenschlacht: Wer nicht mithält, hat ein für alle Mal verloren

Das alles erfordert berufliche Anspannung beider Elternteile und mindert so bei ihnen die Zeit für Aufsicht und Erziehung gegenüber den Kindern, was dann durch außerfamiliäre Betreuungspersonen und -einrichtungen kompensiert werden muss. Auch das ist mit hohen Kosten verbunden; und es verschafft den Eltern der sozialen Mitte zugleich ein chronisch schlechtes Gewissen, den Lernprozess ihrer Kinder nicht ausreichend individuell begleitet zu haben.

Dieses traurige Bild jedenfalls vermitteln die Ergebnisse der Sinus-Expertise: In der Mitte der Gesellschaft hat sich im Kampf um Chancen über Bildung eine erbarmungslose Rivalität aufgetan. Die Familien wirken im Zuge des allgegenwärtigen Wettbewerbsdrucks erschöpft, verunsichert, von der Furcht gepeinigt, gravierende Fehler zu machen, die ihrem Nachwuchs die Zukunft kosten könnte. Und alle sind verbittert über Staat und Politik, von denen sie sich im Chancendarwinismus alleingelassen fühlen.

Liest man diese geradezu beklemmend anmutende Untersuchung, dann wird einem Seite für Seite deutlich, das die Kategorie der "Chance" keineswegs die Klassiker der "sozialen" oder "solidarischen Gesellschaft" abzulösen vermag - wie es die "modernen Sozialdemokraten" gern hätten. Auch wenn das untere Fünftel durch Frühförderung und Ganztagsschulen künftig chancenfähig gemacht würde - was unzweifelhaft das Ziel jeder demokratischen Gesellschaft zu sein hat - entsteht dadurch allein noch keineswegs eine gute, gerechte, zivile, kommunitäre Gesellschaft.

Die Chancengesellschaft - eine kalte, rohe Angelegenheit

Im Gegenteil: Der offene Zugang zu Chancen in einer ansonsten gleichbleibenden Gesellschaft mit riesigen Einkommensdifferenzen, Machthierarchien, Klassenunterschieden, Distinktionen in Rang, Reputation und Renommee wird zu einem kompromisslosen Hauen und Stechen um weiterhin privilegiert angesiedelte Positionen führen.

Wer in dieser individualisierten Schlacht durch rigide Chancennutzung nicht mithält, hat rundum und ein für allemal verloren. Denn fortan gilt er als "gerecht" gescheitert, weil er im fairen Chancenwettbewerb versagt hat, die Leistung nicht zu erbringen vermochte, also selbst für sein negatives Schicksal verantwortlich ist, genauer: gemacht wird.

Die moderne Chancengesellschaft, die den Kontext altchristlicher Barmherzigkeit oder altsozialdemokratischer Solidarität verlässt, wird eine ziemlich kalte und rohe Angelegenheit. Sie wird massenhaft Scham erzeugen, zum Verlust der Selbstachtung beitragen.

In den 1950er Jahren hatte der sozialdemokratische Kulturpolitiker und Intellektuelle Carlo Schmid Bildung noch als "Widerstand gegen die Verzweckung des Lebens" bezeichnet. Denn: "Wo reine Anpassung erfolgt", so Carlo Schmid damals, "stehen wir außerhalb der Dialektik des Humanen".

Ein bisschen alte Sozialdemokratie könnte den modernen Bildungs- und Chancenideologen der kapitalistischen Wettbewerbsgesellschaft gar nicht schlecht tun.

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insgesamt 109 Beiträge
tomrobert 16.03.2008
Der Autor beschreibt das ganz richtig.Mit Chancengleichheit hat das Ganze natürlich nichts zu tun.Was hier geformt wird sind zweckgerichtete Psychophaten die der Gesellschaft letztlich nochmehr kosten. Unter dem Aspekt, dass [...]
Der Autor beschreibt das ganz richtig.Mit Chancengleichheit hat das Ganze natürlich nichts zu tun.Was hier geformt wird sind zweckgerichtete Psychophaten die der Gesellschaft letztlich nochmehr kosten. Unter dem Aspekt, dass Wissen inflationär ist, dass durch dieses blödsinnige Leistungsstreben keine Elite geschaffen werden kann, nährt sich der Verdacht, man beabsichtigt die Leute mögen sich möglichst mit sich selbst beschäftigen als mit der Unfähigkeit ökonomischen und politischen Management.Gnadenlos wird das Spiessbürgerliche ausgenutzt. Verantwortliche Politik schafft die Strukturen für ein lebenslanges Lernen und berücksichtigt entwicklungs und reifebedingte Unterschiede. Es zeigt sich hier ganz deutlich wie überfordert die Politik ist. Diese Leute sind nicht mehr in der Lage zu führen.
…eine überaus treffende Darstellung der aktuellen bundesrepublikanischen Zustände. Interessant auch, wie in einem Nebensatz elegant der Ball an diejenigen zurückgespielt wird, die tatsächlich dafür verantwortlich sind: Wir [...]
…eine überaus treffende Darstellung der aktuellen bundesrepublikanischen Zustände. Interessant auch, wie in einem Nebensatz elegant der Ball an diejenigen zurückgespielt wird, die tatsächlich dafür verantwortlich sind: Wir nämlich! Trotz aller Verschwörungstheorien und abstruser Politikerschelte in derlei Foren wird gerne vergessen, dass wir doch am Ende noch immer eine Demokratie sind, in der das Volk die Politik wählt (oder eben abwählt), die sie haben will. Und der Großteil der arrivierten Mittelklasse will eben einfach nur die besten Chancen für sich und seinen Nachwuchs. Der Rest soll sehen, wo er bleibt. Im Zweifelsfall ist er halt selber Schuld.
Wabalu 16.03.2008
Der Druck war Angang der 50er Jahre genau so gross wie heute. 40 Schüler in der Volksschule. Der Wechsel in das Gymnasium war allein von der Schulnote abhängig, ein Mitsprachrecht gabe es nicht. Der Wechsel in die Sexta erfolgte [...]
Der Druck war Angang der 50er Jahre genau so gross wie heute. 40 Schüler in der Volksschule. Der Wechsel in das Gymnasium war allein von der Schulnote abhängig, ein Mitsprachrecht gabe es nicht. Der Wechsel in die Sexta erfolgte nach der 4. Klasse! Die Benotung war sehr streng zur damaligen Zeit: Ein Fehler im Diktat oder in den Rechenaufgaben und eine eins war futsch. Zudem wurde damals in den Schulen noch körperlich gezüchtigt. Es gab Fleissmärkchen! Dagegen herrschen heute in den weiterführenden Schulen was Klassengrösse, Ausstattung usw. betrifft paradiesische Zustände. Und früher mußten die Eltern Schulgeld bezahlen. Lernmittelfreiheit war ein Fremdwort! Aber in Deutschland ist es heute modern geworden: In allen Bereichen jammern auf hohem Niveau!
usti 16.03.2008
Ich empfinde als ganz besonders bedauerlich, dass Bildung und Lebensqualität nicht mehr als Werte an sich betrachtet werden, sondern alles ökonomisch bewertet wird
Ich empfinde als ganz besonders bedauerlich, dass Bildung und Lebensqualität nicht mehr als Werte an sich betrachtet werden, sondern alles ökonomisch bewertet wird
georgeskoch 16.03.2008
Es hat, ob man/frau es wahrhaben will oder nicht, ganz klar Einfluss auf die Einstellung und damit die Zukunft des Kindes, in welcher "Schicht", "Class" das Kind sich aufhält, bewegt, Kontakt hat. Unser Sohn [...]
Es hat, ob man/frau es wahrhaben will oder nicht, ganz klar Einfluss auf die Einstellung und damit die Zukunft des Kindes, in welcher "Schicht", "Class" das Kind sich aufhält, bewegt, Kontakt hat. Unser Sohn ist ein gutes Beispiel. Durchaus lernwillig, sich Mühe gebend,auf Realschule-Niveau mit dem Ziel sich fürs Gymnasium zu qualifizieren, bekam er nach dem Wechsel in eine Gesamtschule Kontakt zu Mitschülern, die das Ziel Hauptschulabschluss für ausreichend erachteten. Mit denen hatte er Gemeinsamkeiten in puncto Freizeitgestaltung und verbrachte entsprechend seine Zeit mit ihnen. Die Lehrer!!, warnten uns rechtzeitig vor dieser Entwicklung. Seine Noten wurden schlechter, das Gymnasium rückte in weite Ferne, schließlich erschien sogar der Realschulabschluss gefährdet. Die Rettung war ein Internat. Er selbst sagte, er sähe keine andere Möglichkeit, als einen kompletten Wechsel seines Umfelds. Auf dem Internat, inzwischen auf schlechtes Realschulniveau abgesackt, schaffte er innerhalb von 6 Monaten eine spektakuläre Wende. Als erst zweiter Schüler in der Geschichte des Internats und als erster Junge, wechselte er wegen seiner phantastisch verbesserten Leistungen nach 6 Monaten, von allen Lehrern befürwortet, in den gymnasialen Zweig über. Alles klar, soweit??!!
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