Von Franz Walter
Das alles erfordert berufliche Anspannung beider Elternteile und mindert so bei ihnen die Zeit für Aufsicht und Erziehung gegenüber den Kindern, was dann durch außerfamiliäre Betreuungspersonen und -einrichtungen kompensiert werden muss. Auch das ist mit hohen Kosten verbunden; und es verschafft den Eltern der sozialen Mitte zugleich ein chronisch schlechtes Gewissen, den Lernprozess ihrer Kinder nicht ausreichend individuell begleitet zu haben.
Dieses traurige Bild jedenfalls vermitteln die Ergebnisse der Sinus-Expertise: In der Mitte der Gesellschaft hat sich im Kampf um Chancen über Bildung eine erbarmungslose Rivalität aufgetan. Die Familien wirken im Zuge des allgegenwärtigen Wettbewerbsdrucks erschöpft, verunsichert, von der Furcht gepeinigt, gravierende Fehler zu machen, die ihrem Nachwuchs die Zukunft kosten könnte. Und alle sind verbittert über Staat und Politik, von denen sie sich im Chancendarwinismus alleingelassen fühlen.
Liest man diese geradezu beklemmend anmutende Untersuchung, dann wird einem Seite für Seite deutlich, das die Kategorie der "Chance" keineswegs die Klassiker der "sozialen" oder "solidarischen Gesellschaft" abzulösen vermag - wie es die "modernen Sozialdemokraten" gern hätten. Auch wenn das untere Fünftel durch Frühförderung und Ganztagsschulen künftig chancenfähig gemacht würde - was unzweifelhaft das Ziel jeder demokratischen Gesellschaft zu sein hat - entsteht dadurch allein noch keineswegs eine gute, gerechte, zivile, kommunitäre Gesellschaft.
Die Chancengesellschaft - eine kalte, rohe Angelegenheit
Im Gegenteil: Der offene Zugang zu Chancen in einer ansonsten gleichbleibenden Gesellschaft mit riesigen Einkommensdifferenzen, Machthierarchien, Klassenunterschieden, Distinktionen in Rang, Reputation und Renommee wird zu einem kompromisslosen Hauen und Stechen um weiterhin privilegiert angesiedelte Positionen führen.
Wer in dieser individualisierten Schlacht durch rigide Chancennutzung nicht mithält, hat rundum und ein für allemal verloren. Denn fortan gilt er als "gerecht" gescheitert, weil er im fairen Chancenwettbewerb versagt hat, die Leistung nicht zu erbringen vermochte, also selbst für sein negatives Schicksal verantwortlich ist, genauer: gemacht wird.
Die moderne Chancengesellschaft, die den Kontext altchristlicher Barmherzigkeit oder altsozialdemokratischer Solidarität verlässt, wird eine ziemlich kalte und rohe Angelegenheit. Sie wird massenhaft Scham erzeugen, zum Verlust der Selbstachtung beitragen.
In den 1950er Jahren hatte der sozialdemokratische Kulturpolitiker und Intellektuelle Carlo Schmid Bildung noch als "Widerstand gegen die Verzweckung des Lebens" bezeichnet. Denn: "Wo reine Anpassung erfolgt", so Carlo Schmid damals, "stehen wir außerhalb der Dialektik des Humanen".
Ein bisschen alte Sozialdemokratie könnte den modernen Bildungs- und Chancenideologen der kapitalistischen Wettbewerbsgesellschaft gar nicht schlecht tun.
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