Von Nadine Michel
Berlin - Im April 2007 schien die Welt der chinesischen Olympia-Organisatoren noch in Ordnung. Da präsentierten sie stolz in Peking den längsten Fackellauf in der Geschichte der Spiele. Er werde mehr Menschen zusammenbringen und größere Gebiete als je zuvor abdecken, hieß es bei der feierlichen Präsentation der 137.000 Kilometer langen Route über fünf Kontinente. Auch Tibet sollten die Läufer durchqueren - und dabei mit Spezialausrüstung den Mount Everest besteigen, den höchsten Berg der Welt.
Das Motto: "Entzünde die Leidenschaft, teile den Traum."
Fackellauf für Athen 2004 in München: Ein sportliches Symbol, das in China politisch werden könnte.
Die chinesische Regierung will bislang an dem Fackellauf durch Tibet festhalten. Dazu erklärte Parr, das sei ein gutes Zeichen. "Es wäre ein Symbol dafür, dass man aufeinander zugehen und sich versöhnen möchte", so der Liberale, der aus seiner Sympathie mit den Tibetern keinen Hehl macht: "Den Tibetern ist nicht zu verdenken, dass sie die jetzige Situation nutzen, um auf die Probleme aufmerksam zu machen. Es ist gut, dass sie den Mut haben, sich zu artikulieren."
Parr will den Fackellauf - ist aber gegen einen Boykott der Spiele, wie er jetzt in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Man dürfe den Sport nicht überfordern, sagt er. Damit liegt er auf einer Linie mit den meisten seiner Kollegen im Bundestag.
"Ein Boykott verhärtet die Fronten nur weiter"
"Ich halte nichts von einem Boykott", sagt etwa Norbert Barthle, sportpolitischer Berichterstatter im Haushaltsausschuss des Bundestags. "Die Erfahrungen zeigen, dass so eine Maßnahme die politische Situation wenig verändert." Damit würde man nur die Sportler bestrafen, die sich vier Jahre lang intensiv vorbereitet hätten, so der CDU-Politiker zu SPIEGEL ONLINE. "Wenn wir Druck ausüben wollen, haben wir politische Mittel. Der Sport hingegen kann die Welt nicht verändern."
Dieser Meinung schließen sich auch Politiker der anderen Parteien an. "Die Gewalt ist auf jeden Fall ein großes Problem", sagt Michael Leutert, menschenrechtspolitischer Sprecher der Links-Fraktion, SPIEGEL ONLINE. "Wenn man jedoch die Olympischen Spiele boykottiert, verhärtet man dadurch die Fronten nur weiter und verhindert einen notwendigen Dialog", so der Linkspolitiker.
Olympische Spiele wurden in der Vergangenheit für symbolische Aktionen genutzt - am stärksten prägte sich 1968 in Mexiko der Auftritt der US-Sportler Tommie Smith und John Carlos ein. In den USA waren damals gewalttätige Rassenunruhen an der Tagesordnung. Die beiden schwarzen Sprinter - Smith gewann Gold, sein Kollege Bronze - ballten auf dem Siegerpodest ihre rechte Faust, die in einem schwarzen Handschuh steckte. Sie unterstrichen damit ihre Sympathie für die "Black-Panther"- Bewegung. Ihr Auftritt wurde zur Bildikone, die Sportler selbst wurden aus ihren Teams ausgeschlossen und mussten in die Heimat zurückkehren.
Könnte es Ähnliches in China geben? In der Tageszeitung "taz" wurde heute vorgeschlagen, die Sportler sollten aus Protest einen Trauerflor tragen. Ein Vorschlag, den der FDP-Politiker Parr jedoch ablehnt. Mit dem Tragen eines Trauerflors beziehe man eine zu extreme Position. "Man muss offen in Gespräche gehen und keinen einseitigen Blick haben", so Parr.
Ohnehin gehen Sportler mit dem Tragen eines Trauerflors das Risiko ein, vom weiteren Verlauf des Wettkampfs ausgeschlossen zu werden. Denn politische Manifestationen sind ihnen nur eingeschränkt möglich. Nach der Charta des IOC ist es Aktiven untersagt, bei Zeremonien und auf den Wettkampfstätten politische Symbole zu tragen oder zu zeigen.
"Die Olympischen Spiele an sich sind ja Politik"
So hält auch der Linken-Politiker Leutert nichts von einem Trauerflor: "Die Olympischen Spiele an sich sind ja Politik. Indem sie stattfinden, wird diskutiert. Die Probleme rücken nun ins Zentrum und werden wahrgenommen."
Auch der Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck von den Grünen lehnt es grundsätzlich ab, in der aktuellen Lage über Maßnahmen während der Olympischen Spiele im Sommer zu reden. Stattdessen richtet Beck eine klare Forderung an das Internationale Olympische Komitee (IOC). Dieses müsse sich nun aktiv einmischen, "um den Chinesen klar zu machen, dass die Gewaltausbrüche nicht ohne Auswirkungen auf die Olympischen Spiele bleiben können. Es kann nicht sein, dass man in Peking fröhliche Spiele zeigt und gleichzeitig in Lhasa blutige Auseinandersetzungen stattfinden."
Dieser Forderung an das IOC schließt sich Dagmar Freitag an - wenngleich die sportpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion und Vizepräsidentin des Deutschen Leichtathletik Verbandes (DLV) wenig Hoffnung hat, "dass sich China von einem Kommentar des IOC beeindrucken lässt".
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Deutschland | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH