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18.03.2008
 

SPD-Krise

Beck sucht Trost an der Basis

Von Carsten Volkery, Rendsburg

Wochenlang musste SPD-Chef Beck einstecken, jetzt geht er in die Offensive: Auf Deutschland-Tournee will er die Basis überzeugen, dass er kein Linker ist. Die Genossen reagieren skeptisch - und beklagen das Chaos in Berlin.

Rendsburg - Kurt Beck steht nah bei den Menschen, so nah, dass sie die Schweißperlen auf seiner Stirn zählen können. Das Licht im Saal ist auf Wohlfühlatmosphäre gedimmt, und die Zuhörer lassen sich vom Beck-Sound berieseln. Sanft ist der, beruhigend, und in der ersten Reihe entsteht sogar ein Surround-Effekt wie im Heimkino, so nahe stehen die Lautsprecher.

Beck redet vom Ehrenamt und der "inneren Zufriedenheit", die das Engagement für andere verschaffe. Das Wir vor das Ich setzen, die Menschen nicht mit den Risiken allein lassen, den permanenten Druck der Unsicherheit bekämpfen - es sind Phrasen, die tausendfach auf ihre SPD-Tauglichkeit getestet sind, und tatsächlich ertönt im Kulturzentrum von Rendsburg hier und da ein "Bravo".

Der SPD-Chef ist auf Tournee, um sein Image aufzupolieren. Seine Umfragewerte sind im freien Fall. Und die SPD kommt nicht zur Ruhe. Er sagt, er sei gekommen, um zuzuhören und Anregungen aufzunehmen. In Wahrheit muss er die Basis davon überzeugen, dass er kein heimlicher Linker ist. Nach vier Wochen Streit um Rot-Rot-Grün muss er die Mitte zurückerobern.

Geplant war der "Deutschland-Dialog" seit langem - weit vor den Wirren der vergangenen Wochen. Unter dem Motto "Nah bei den Menschen" will die Berliner Parteiführung bis zum Herbst ausschwärmen und die Beschlüsse des Hamburger Parteitags unters Volk bringen. Dem angeschlagenen Vorsitzenden kommt die Tournee wie gerufen für eine Gegenoffensive, nachdem er wochenlang nur einstecken musste. "Ein bisschen PR tut ihm gut", sagt ein wohlmeinender Parteifreund aus Berlin.

"Warum klappt das bei uns oben nicht?"

Einfach ist die Mission nicht. Das zeigt schon der erste Tag der Kampagne in Schleswig-Holstein. Ob bei der Pressekonferenz im Plöner Schloss, in der Polizeischule von Eutin oder am Abend im Kulturzentrum von Rendsburg - den SPD-Chef verfolgen die immergleichen Fragen. Warum hat er die Debatte über die Linke angestoßen? Was heißt das für den Kurs der SPD? Und warum zerfleischt sich die SPD seit Wochen selbst?

"Ich habe als Fraktionsmitglied gelernt: Gestritten wird hinter verschlossenen Türen", beschwert sich eine SPD-Ratsfrau aus Kiel unter großem Applaus. "Die Medien können nicht berichten, wenn sie nicht gefüttert werden. Warum klappt das bei uns oben nicht?" Da seufzt der Vorsitzende und sagt: "Ich wünschte, Deine Worte und der Beifall würden in das Bewusstsein aller meiner Freunde dringen". Aber es sei nun mal so: In jeder großen Organisation gebe es Leute, die hinter den Büschen hocken: "Das darf uns nicht irre machen."

Gerade am Wochenende hatte sich mit Fraktionschef Peter Struck einer aus der vordersten Reihe als Heckenschütze betätigt - ausgerechnet der Genosse, der für die Disziplin in der Bundestagsfraktion zuständig ist. Beck sei der "natürliche Kanzlerkandidat", hatte Struck der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" gesagt. Aber auch Becks Stellvertreter Steinmeier und Steinbrück seien "geeignet". Die Entscheidung hänge davon ab, mit wem die SPD am Ende des Jahres "die größten Chancen" habe.

Beck schluckt und schluckt

Angesichts der schwelenden Zweifel an Becks Kanzlerkandidatur war das eine Frechheit, auch wenn Beck sich beeilt, die Äußerung als "Selbstverständlichkeit" herunterzuspielen. Struck habe Recht, sagt Beck in Plön: Die SPD habe "eine Reihe von Persönlichkeiten", die für die Kanzlerkandidatur in Frage kämen. Vielleicht denkt er tatsächlich so, und vielleicht hat er sich insgeheim schon auf Steinmeier als Kandidaten festgelegt. Aber von Struck zu dieser Äußerung gezwungen zu werden, bleibt eine Zumutung.

Doch hat Beck sich entschieden, den ständigen Nadelstichen mit Geduld und Gelassenheit zu begegnen. Er scheint die Kritik einfach aussitzen zu wollen. Der verdutzten Genossin in Rendsburg erklärt der SPD-Chef, er habe sich "die Fähigkeit angewöhnt, Dinge runterzuschlucken, auch aus den eigenen Reihen". Nach 14 Jahren als Ministerpräsident habe er gedacht, es sei nicht mehr steigerbar. Aber in den zwei Jahren als Parteivorsitzender sei es noch mal "um Potenz gestiegen", was er runterschlucken müsse.

Schon in den vergangenen Tagen hatte Beck sich mehrfach in Demut geübt. Seinen Kritikern Steinbrück und Steinmeier bescheinigte er, ihn gut vertreten zu haben. Dem Zweite-Reihe-Strategen Müntefering leistete er vor versammelter Bundestagsfraktion Abbitte und wiederholt dies noch mal vor Millionenpublikum in der ARD-Talkshow "Beckmann". Mehr Asche hat sich selten ein Politiker aufs Haupt gestreut.

Becks Alleingang "wie Schröder"

Aber auch Beck hat so seine Waffen. In Rendsburg und bei "Beckmann" stilisiert er sich zum Opfer der Medien und der eigenen Parteifreunde. Zwei Wochen habe er nicht reden können, Erstickungsanfälle habe er gehabt, erzählt er dem Late-Night-Talker. Nicht handeln zu können sei "das Schlimmste". In Rendsburg sagt er, es habe ihn "persönlich sehr belastet", dass er die falsche Darstellung des neuen SPD-Kurses in den Medien nicht geraderücken konnte. Denn es handele sich ja nicht um eine Hinwendung zu den Linken, sondern nur um eine neue Form der Auseinandersetzung.

Ob ein gesunder Parteichef der Debatte eine ganz andere Richtung hätte geben können, darf bezweifelt werden. In Rendsburg hält sich das Mitleid mit Beck jedenfalls in Grenzen. "Wie Schröder" habe Beck im Alleingang die Partei auf einen komplett neuen Kurs gezwungen, empört sich ein älterer Genosse. Wie Schröder - das ist der härteste Vorwurf, den man Beck machen kann. Schließlich hat er sich stets als Anti-Schröder inszeniert, als Parteichef, der Schluss macht mit der Basta-Politik.

Der Schröder-Vergleich zeigt, wie schlecht es um Becks Glaubwürdigkeit auch an der eigenen Basis bestellt ist. Der Ruf des ehrlichen Menschenfängers ist angekratzt, ein neues Misstrauen da. Zwar klatscht ihm die Funktionärsebene in Plön Beifall. In den stürmischen Zeiten könne Beck auf den "sturmerprobten" Landesverband Schleswig-Holstein zählen, versichert ihm der Landesvorsitzende Ralf Stegner. Der Parteilinke, der schon in den vergangenen Wochen zu den lautesten Verteidigern Becks zählte, wirft sich erneut für ihn in die Bresche. Sein Landesverband habe "wenig Verständnis für Kandidatendebatten" und wünsche sich "mehr Rückenwind aus Berlin", schimpft Stegner. Die Kritik an Struck und Müntefering ist unüberhörbar.

Beck: Ich bin kein Übermensch

Aber längst nicht alle sind gekommen, um Beck den Rücken zu stärken. Vielmehr wollen sie wissen, wieso die Öffnung zur Linken im Westen kein Wortbruch sei. In Rendsburg berichtet ein junger Mann, Typ Familienvater, von Gesprächen in seinem Bekanntenkreis: Die SPD gelte als nicht mehr wählbar, weil sie sich aus der Mitte entferne. "Warum tun wir uns das an? Warum machen wir es der Union so einfach?", fragt er Beck. "Ja. Hervorragend", kommentiert ein anderer Zuschauer.

Auf solche Fragen wartet Beck, sie verleihen dem "Deutschland-Dialog" erst seinen Sinn. Der Parteichef kann volles Verständnis für den Unmut zeigen. Er kann erklären, warum er keiner vom linken Flügel ist und warum die SPD nach der Bundestagswahl 2009 nie und nimmer mit der Linken im Bund zusammenarbeiten werde. Er kann vom Rentenbeitragssatz reden, der nach dem Willen der Linken auf 28 Prozent steigen müsste, oder den 150 Milliarden Euro, die die Anträge der Linksfraktion im Bundestag pro Jahr kosten würden. Er gibt sich auch redlich Mühe dabei. Aber die Argumente wirken schon verbraucht, bevor die Kampagne richtig begonnen hat.

Hinterher sagt Beck in die Kameras, es sei eine "freundliche Diskussion" gewesen. Leute kommen zu ihm und bedanken sich für die Erläuterungen. Aber Beck und seine Stellvertreter werden in den kommenden Monaten einige Überzeugungsarbeit leisten müssen: Laut ARD-Deutschlandtrend glauben 61 Prozent der Bundesbürger nicht, dass die SPD 2009 tatsächlich auf eine Zusammenarbeit mit der Linken verzichten würde, wenn sie so an der Regierung bleiben könnte.

Beck jedenfalls scheinen keine Selbstzweifel zu plagen. In seiner entwaffnenden Offenheit stimmt er die Basis vorsorglich auf weitere Fehltritte ein: Auch künftig könne er "nicht garantieren, dass jeder Schritt sitzen wird". Schließlich sei er kein "Übermensch".

Die Ratsfrau aus Kiel ist nicht zufrieden mit Becks Antworten. Wählen würde sie ihn wohl schon, sagt sie. Schließlich sei sie SPD-Mitglied. Aber überzeugt ist sie nicht: "Er reitet mir manchmal zu sehr im Galopp voraus."

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