Münster - Eine klare Trendwende. Sie hat schon vor Jahren eingesetzt - aber kaum jemand hat sie wahrgenommen. Die altbekannte Floskel, dass gut ausgebildete Frauen für ihre Karriere auf Kinder verzichten, klang so plausibel und passte so gut ins Bild der kinderarmen Bundesrepublik. Aber einer aktuellen Studie der Universität Münster zufolge haben Akademikerinnen keinen größeren Anteil am Kindermangel in Deutschland als andere Frauen.
Absolventinnen von Hochschulen und Abiturientinnen bekämen seit einigen Jahren nicht weniger Kinder als Frauen mit kürzerer oder gar keiner Ausbildung, fand der Münsteraner Professor Rainer Hufnagel vom Institut für Ökonomische Bildung heraus. Die Studie soll Ende März in der Zeitschrift "Hauswirtschaft und Wissenschaft" erscheinen, teilte die Deutsche Gesellschaft für Hauswirtschaft am heutigen Freitag mit.
"Man kann die Verantwortung für die niedrigen Geburtenraten in Deutschland keineswegs den kinderlosen Akademikerinnen zuschreiben", erklärt Hufnagel. Der Wissenschaftler hat dem Institut zufolge für seine Untersuchung Mikrozensus-Daten aus den Jahren 1996 bis 2002 ausgewertet. Die Behauptung, Akademikerinnen bekämen mit Rücksicht auf Beruf, Karriere und Einkommen keine oder wenige Kinder stimme demnach nur bis zum Beginn der neunziger Jahre. Seit Mitte des vergangenen Jahrzehnts sei die Lage sogar umgekehrt: "Je gebildeter die Frau, desto mehr Kinder bringt sie auf die Welt", heißt es in der Studie. Zudem gelte, dass die Zahl der Kinder auch mit der Bildung des Vaters steige.
Die Untersuchung zeige auch, dass staatliche Subventionen etwa in Betreuungsangebote für Kleinkinder, um berufstätigen Frauen die Doppelrolle zu ermöglichen, vor allem Besserverdienenden zugutekomme. Erstens hätten gut verdienende Frauen mehr Kinder, zweitens sei bei ihnen der Gewinn aus einem verhinderten Arbeitsverzicht größer. "Insgesamt ist also der Ausbau öffentlicher Betreuungsplätze mit einer Umverteilung zugunsten der gut ausgebildeten Frauen verbunden", argumentiert Hufnagel.
ler/dpa
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