Von Stefan Schultz
Hamburg - Die Frau sitzt auf einer entlegenen Bank im Park. Nur wenige Passanten gehen vorbei. Sie trägt die weiße Mütze, die sie bei Fototerminen immer trägt, dazu eine Sonnenbrille. Ihre Vermummung, sagt sie, sei Selbstschutz. Sie fühlt sich verfolgt. "Wenn meine ehemaligen Kameraden mich zu fassen kriegen, ist vielleicht mein Leben in Gefahr. Meine Kinder würden wahrscheinlich entführt."
20 Jahre verkehrte Katja Wolf* in den höchsten Zirkeln der rechten Szene. Wer sie beschreibt, muss gewisse Regeln befolgen: keine Namen. Keine Fotos ohne Vermummung. Keine Beschreibung markanter Personenmerkmale. Das Treffen mit ihr arrangiert ein Mittelsmann.
An den Tag ihrer Flucht erinnert sie sich noch genau: Es war ein warmer Morgen, Anfang Mai 2005, der Himmel leuchtete blau und wolkenfrei über ihrem Bauernhof, den sie verlassen wollte. Sie hatte alles gut vorbereitet, die Pferde verkauft, die Koppel abbauen lassen. Vor einigen Tagen waren die Schweine geschlachtet worden. Jetzt war es still auf dem Gut.
"Mit jeder Minute wurde ich nervöser", erinnert sich Katja. "Seit Stunden war der Umzugswagen überfällig. Während meine Kinder und ich warteten, filzten Polizisten bei meinem Ex-Mann das Haus." Katja hatte den mehrfach vorbestraften ehemaligen Landesvorsitzenden der FAP persönlich angezeigt, jetzt rannte ihr die Zeit davon. "Ich fragte mich, wer wohl zuerst auf unserem Hof vorfährt", erzählt sie. "Der Umzugswagen? Oder ein Rachetrupp der Neonazis?"
Katja sagt, sie habe lange im Hof gestanden und nach Motorengeräuschen gehorcht. Doch da war nichts. Nur Stille.
"Von dir Jüdin lass' ich mich nicht unterrichten"
Katja spricht auffallend sanft, ihre Bewegungen strahlen Ruhe aus. "Wenn man so will", sagt sie, "wurde ich schon als Neonazi geboren." Erzogen habe sie hauptsächlich ihr Großvater. "Als alter Wehrmachtssoldat schilderte er mir den Krieg in schillernden Farben. Stundenlang erklärte er mir, warum die Juden böse sind und woran man sie erkennt."
Doch Großvater redete nicht nur. "Manchmal musste ich mit einem schweren Rucksack durch die Berge marschieren", sagt Katja. "Er trieb mich, bis mir die Füße bluteten." Dabei erzählte er immer wieder vom Krieg. "Bald kam es mir so vor, als wäre der Führer mein Onkel."
Mit 13 trug sie Doc Martens und Bomberjacke. Ihr Hinterkopf war rasiert, ihr Pony stand nach oben. Sie verteilte Hakenkreuz-Aufkleber auf dem Pausenhof. Und sie war Mitglied der später verbotenen "Wiking-Jugend".
Mit 16 beschimpfte sie vor versammelter Klasse ihre Religionslehrerin: "Von dir Jüdin lass' ich mich nicht unterrichten!" Seelenruhig habe sie das gesagt, erinnert sich Katja, den Moment regelrecht ausgekostet. "In mir brodelte eine nie enden wollende Wut", erzählt sie. "Ich hatte das Gefühl, ich müsste den Kampf meines Großvaters weiterführen."
"Runenkekse" zu Weihnachten
Schon mit 16 war so für Katja die Flucht der Normalzustand. "Alle paar Tage wechselte ich die Wohnung", berichtet sie. "Wildfremde Menschen gewährten mir Unterschlupf. Manchmal waren es Rentner, manchmal junge Pärchen, die den ganzen Tag in SA-Uniformen rumliefen."
Der Neonazi-Kader habe sie schon zu dieser Zeit geschützt. "Erhard Kemper versprach mir damals, mich ins Ausland zu bringen, sollte es für mich brenzlig werden", erzählt Katja. Nach dem Versprechen des mehrfach vorbestraften Holocaust-Leugners habe sie sich "sehr sicher gefühlt".
Für Katja begann ein Leben in rechtsextremer Hermetik. An Hitlers Geburtstag saß sie mit Kameraden in der Stube und las laut aus "Mein Kampf". Dazu gab es Lachshäppchen und Sekt. An Hitlers Geburtstag heiratete sie auch den Mann, vor dem sie 2005 fliehen sollte. Mit ihm hatte sie mehrere Kinder, für jedes gab es vom Kader Geld, "Wurfprämien", wie Katja sagt.
Weihnachten backte sie mit ihren Kindern "Runenkekse", sang "urdeutsche Weihnachtslieder" ohne Maria und Jesus. Dann holte sie ihre eigene Mutter in die Szene. "Es dauerte nicht lange, da trug sie 'White Power'-Shirts", erzählt Katja. "Bald darauf war sie mit Erhard Kemper zusammen.
Wir waren jetzt eine Neonazi-Großfamilie."
* Name von der Redaktion geändert.
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Für einen persönlich ist der einzelne Schläger sicherlich gefährlicher, da gebe ich ihnen Recht. Das keine rechtsextreme Partei mehr an die Macht kommt, da bin ich mir nicht so sicher. Vielleicht nicht in nächster Zukunft und [...] mehr...
Mal eine einfache Frage: Glauben Sie, dass eine demokratische Partei rechts von CDU/CSU/FDP existieren kann? Liegt es nicht im Wesentlichen an unseren rechtslastigen Medien, das das linke Spektrum immer mehr zerfasert (SPD, [...] mehr...
Gegenteilige Meinungen sind immer schwachsinnig u.ä. dann kommende Ausdruckweisen. Zur Freiheit einer Demokratie, einer wirklichen nicht einer Gesinnungs-und moralisierenten, da nur kurz- und zeitgeprägt ist, gehören auch [...] mehr...
Fakt ist doch dass hier keine rechtsextreme Partei mehr an die Macht kommt. Wer was anderes glaubt hat noch nie der ihr Potential an "klugen" Köpfen live erlebt. Vor denen braucht man keine Angst zu haben. Vor den [...] mehr...
Also "die Lebensbeichte einer Neonazi-Größe" habe ich mir etwas anders vorgestellt. Tut mir ja wirklich leid für ihren Ex-Mann, aber: Wie steht sie denn nun zur rechten Gesinnung? mehr...
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