Von Sonja Vukovic
Berlin - Bosse, die sich selbst um ihre Babys kümmern, gehören zur Minderheit der deutschen Wirtschaftswelt. Noch.
Mit dem Eltern- und Betreuungsgeld, dem verabschiedeten Ausbau der Kindertagestättenplätze sowie dem geplanten Kinderzuschlag wurden durch die Große Koalition bereits erste Schritte unternommen, die Situation von erziehenden Arbeitnehmern zu verbessern. Inzwischen bekennen sich aber auch immer mehr Unternehmer zu ihrer Verantwortung. Kind und Karriere, das ist längst nicht mehr nur ein Frauenthema, sondern ein bundesweites sozioökonomisches Problem.
Ministerin von der Leyen und DIHK-Chef Braun: "Ein solches klares Bekenntnis zur familienbewussten Arbeitswelt hat es in Deutschland noch niemals gegeben"
Mit der Unterzeichnung verpflichten sich Betriebe "familienbewusste Unternehmensführung als Teil der Unternehmenskultur zu verstehen", verstärkt flexiblere Arbeitszeiten anzubieten und Müttern oder Vätern bei der Kinderbetreuung oder beim Wiedereinstieg in den Beruf zu helfen. Familienbewusste Unternehmensführung erhöhe nicht nur das Ansehen und die Attraktivität von Unternehmen - es stärke auch Motivation, Kreativität und Innovationsfähigkeit der Beschäftigten, heißt es in der Erklärung.
"Trendsetter", so jubelte Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) bei der Entgegennahme der Verpflichtungserklärungen. "Ein solches klares Bekenntnis zur familienbewussten Arbeitswelt hat es in Deutschland noch niemals gegeben". Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Ludwig Georg Braun, sprach von einer "Avantgarde" der Betriebe, die das Umdenken zur familienbewussten Unternehmensführung belege.
Von der Leyen hatte zuvor an einer Vorstandssitzung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) teilgenommen und auch mit den Arbeitnehmervertretern "rund eineinhalb Stunden äußerst konstruktiv" über das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf diskutiert, erklärte die Politikerin anschließend. Zusammen mit dem DGB fordert von der Leyen mehr Betriebsvereinbarungen für familiengerechte Arbeitsabläufe. "Die familienbewusste Arbeitswelt muss Markenzeichen der deutschen Wirtschaft werden", sagte sie.
DGB-Chef Michael Sommer sicherte der Bundesregierung Unterstützung zu. Zwar seien Mindestlohn und Kündigungsschutz weiter strittige Punkte. Aber beim Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf gebe es "wohl die größten Schnittmengen zwischen Arbeitnehmervertretungen und der Großen Koalition", sagte Sommer. Er sprach sich für eine verstärkte Schulung der Betriebs- und Personalräte aus. Mit den Betriebsvereinbarungen sollen familienbewusste Strukturen in den Betrieben geschaffen werden. Dazu gehören flexiblere Arbeitszeiten sowie bessere Möglichkeiten, Kindererziehung und Beruf miteinander zu vereinbaren.
Wie das praktisch umgesetzt werden kann, erklärte Cord Wöhlke, Geschäftsführer eines mittelständischen Einzelhandelsunternehmens aus Hamburg, bei dem Unternehmertreffen. "80 Prozent unserer Mitarbeiter sind Frauen, darunter viele Mütter. Wir bieten rund 150 Arbeitszeitmodelle an. In Absprache kann sich jeder seine 8 Stunden Arbeit individuell einteilen", sagte er.
Auch E.on-Vorstandsmitglied Christoph Dänzer-Vanotti gehört zu den Unterzeichnern der Verpflichtungserklärung. In dem Energiekonzern seien es vier Frauen aus dem Senior-Managementbereich gewesen, die auf das Problem der Vereinbarkeit von Kind und Karriere vor rund 2 Jahren verstärkt aufmerksam gemacht hatten, erzählte er. "Sie gründeten das Frauennetzwerk IngE, was für Ingenieurinnen bei E.on steht, und entwickelten konkrete Ideen und Vorschläge für familienfreundliche Strukturen in unserem Unternehmen aus." Als das Bündnis binnen kurzer Zeit auf rund 90 Mitglieder angewachsen war, habe man auch in der Chefetage "natürlich irgendwie davon erfahren", sagt er. "Weil der ökonomische Druck gewaltig ist und der Mangel an kompetenten Arbeitskräften groß, dürfen wir dieses Thema nicht länger brachliegen lassen, da sonst dauerhaft wirtschaftliche Nachteile entstehen".
Allerdings scheint es sie noch zu geben, die Angst, familienfreundliche Unternehmensstrukturen könnten den eigenen Betrieb für dynamische, flexible Mitarbeiter unattraktiv machen - vor allem unter dem männlichen Führungspersonal.
Von den "Erfolgfaktor Familie"-Teilnehmern waren 70 Prozent Frauen.
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