ThemaRechtsextremismusRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
04.04.2008
 

Rassismus

Der kleine Jannik wollte sich die Haut mit der Bürste weiß schrubben

Aus Rudolstadt und Erkelenz berichtet Philipp Wittrock

2. Teil: Die Stadtspitze wundert und windet sich

"Angespuckt!? Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen." Georg Eger, Erster Beigeordneter und Vertreter des Bürgermeisters, sitzt in seinem Büro im ersten Stock des Rudolstädter Rathauses und schüttelt heftig mit dem Kopf. Dann hebt er den Zeigefinger: "Ich schließe das sogar aus." Stadtsprecher Michael Wagner versucht die ultimative Aussage noch schnell einzufangen: Natürlich könne man nicht für jeden Bürger seine Hand ins Feuer legen. "Aber anspucken…"

Es wird viel mit dem Kopf geschüttelt in diesen Tagen im Rudolstädter Rathaus. Draußen vor dem Renaissancebau hat der Dauerregen die Menschen aus der schmucken Fußgängerzone gespült, in die sich Miriam Neuschäfer zuletzt nicht mehr traute. "Wir sind überrollt worden", sagt Eger. Überrollt von den Berichten über die Flucht der Neuschäfers vor der Ausländerfeindlichkeit einiger Rudolstädter, von der man hier lieber nichts wissen will. Krisenmanagement sei nun gefragt, sagt Sprecher Wagner, er feilt gerade an einer offiziellen Stellungnahme der Stadt.

Jeder Satz zählt. Das Beispiel des sächsischen Dorfes Mügeln hat das gezeigt. Dort hatte im August 2007 ein alkoholisierter Mob nach einer Schlägerei beim Altstadtfest eine Gruppe Inder in einer Pizzeria bedroht. Die Menge johlte ausländerfeindliche Parolen, der Bürgermeister redete die Probleme klein, schob die Gewalt auf auswärtige Festbesucher.

Angst vor dem Mügeln-Effekt

Auch wenn der Fall ein völlig anderer ist - wie Mügeln fürchtet Rudolstadt um seinen Ruf. Denn den hat man in den vergangenen Jahren erst mühsam aufpoliert. 1992 waren 2000 Neonazis zum Gedenken an Rudolf Heß aufmarschiert, die Stadt bald als Rechtsradikalen-Hochburg verschrien. Heute wird stolz auf das größte Weltmusik-Festival Deutschlands verwiesen, das jedes Jahr Zehntausende aus aller Herren Länder ins Saaletal zieht. Man hat Angst vor dem Rückfall. Hunderte Hass-E-Mails hat die Stadtspitze schon erhalten. Tenor: "Nie wieder Rudolstadt."

Es gilt, den Spagat zu schaffen: Sich gegen das Pauschalurteil zu verwahren, Rudolstadt sei ein ausländerfeindliches Nest - und zugleich die Berichte der Neuschäfers öffentlich nicht als Märchen abtun. Letzteres fällt hin und wieder schwer: Der Erste Beigeordnete spricht von "Schulrangeleien", von "der Nadel im Heuhafen", die man natürlich auch auf Teufel komm raus suchen könne. In einem persönlichen Gespräch mit Reiner Neuschäfer will der Bürgermeister die Sache möglichst bald aus der Welt räumen. Bis dahin hört er sich um, nach dem, von dem er nie zuvor etwas gehört haben will: bei der Polizei, die zwei Anzeigen der Neuschäfers bestätigt, bei der Schule, die sich gegen den Vorwurf wehrt, nicht genug unternommen zu haben.

Sie seien nicht verbittert, sagen die Neuschäfers, es geht ihnen nicht darum, den Osten oder Rudolstadt zu brandmarken. Sie haben die Öffentlichkeit nicht gesucht. Erst über Umwege war die Geschichte von der Flucht aus Thüringen an die Presse gelangt, eher durch Zufall. Schließlich sind Mutter und Kinder schon im Oktober vergangenen Jahres nach Erkelenz gezogen. Was als eine Art Erholungsurlaub geplant war, ist nun zum "Befreiungsschlag" geworden - Rückkehr ausgeschlossen.

Zumindest für Miriam, Jannik, Fenja, Ronja, Jarrit und Jannis Neuschäfer, die in der neuen alten Heimat aufblühen. Der Familienvater sucht noch nach einer Anstellung im Rheinland. Einstweilen pendelt er die 430 Kilometer mit dem Auto zwischen Erkelenz und Rudolstadt, wo er unter der Woche auf der Matratze in der ansonsten bereits ausgeräumten Wohnung schläft.

Zurzeit hat er Urlaub, am kommenden Dienstag wird wieder nach Thüringen fahren, zum ersten Mal, seit die Rassismus-Vorwürfe bekannt sind. Er mache sich "mit gemischten Gefühlen" auf den Weg, sagt der Pfarrer. Er weiß: "Das könnte ein Spießrutenlauf werden."

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Deutschland
alles zum Thema Rechtsextremismus

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP