Von Reinhard Mohr, Berlin
Berlin - Wird Deutschland jetzt buddhistisch? Wahrscheinlich nicht, aber der mehrtägige Besuch des Dalai Lama zeigt schon Wirkung. Inmitten der stetig wachsenden Menschenmenge vor und hinter dem Brandenburger Tor am Montagnachmittag in Berlin machte eine Schülerin – im gepflegten Lotussitz auf der Straße des 17. Juni – erst einmal in Ruhe ihre Mathe-Hausaufgaben. Da kommt die Kraft der Gleichung sichtlich von innen, da ist das Nirvana nicht weit, auch wenn das Mantra bloß "x=yz" heißt.
Es war die sprichwörtlich bunte Menschenmenge, die sich hier versammelt hatte, irgendwie gelöst und seltsam heiter. Wer jemanden im Gedränge aus Versehen anstieß, erntete durch und durch gewaltfreie Blicke und liebevolle Gesten. Das aggressive Busfahrer-Berlin – "Könne Se nich’ aufpassen!" –, hier war es abwesend.
Stattdessen erwartungsfrohe Exiltibeter mit bedruckten T-Shirts und Plakaten, aber auch sehr viele Deutsche aller Altersgruppen und Gesellschaftsschichten, Anzugträger und Freizeitdemonstranten; mittendrin eine nicht ganz unbekannte blonde Schöne, die im taillierten Mantel und per Fahrrad angereist war. Nahezu unbewegten Blicks schaute sie nach vorne zur Bühne, wo es hieß: "Solidarität und Freiheit. Deutschland für Tibet. Tibet für die Welt".
Überall duftete es nach Räucherstäbchen und Jasmin, und ein vom tibetischen Spezialhumor animierter Demonstrant trug ein, nein zwei Plakate mit der Aufschrift herum: "In Vertretung von Horst Köhler".
Unzählige Tibet-Flaggen wogten über der Masse, die am Ende auf 25.000 Menschen geschätzt wurde. Tausende von Luftballons warteten auf ihren Friedensflug in den Berliner Himmel. "Fanmeile für den Dalai Lama!" hatte die Boulevardzeitung "B.Z." zuvor getitelt, und selbst wenn jeder Vergleich, auch der zahlenmäßige, mit den seligen WM-Zeiten unstatthaft ist – die Atmosphäre war ähnlich locker wie im Traumsommer 2006.
"Was das für einen Aufschwung gäbe"
"Richtige Tibeter, guck’s Dir an!" rief ein stolzer Vater seinem Sohnemann zu, den er auf den Schultern trug. "Schau mal", sagte eine Mutter stolz zu ihrem Sohn, "ich hab’ hier zwei Autofahnen!"
Eine dritte, extragroße Tibet-Flagge trug sie schon in der rechten Hand – wie einst Jeanne d’Arc die Trikolore.
Ein anderer Besucher der Tibet-Fanmeile handelte am Tibet-Devotionalienstand ein kleines Porträt des Dalai Lama blitzschnell auf zwei Euro herunter, während ganz oben auf der gerade fertig gestellten US-Botschaft neugierige Mitarbeiter die außergewöhnliche Szenerie beobachteten. Ein Mitglied des deutschen "Tibet-Teams" erklärte unterdessen im breitesten Fränkisch mit ganz viel rollendem "R", was passieren würde, "wenn 1,3 Milliarden Chinesen auf einmal demokratisch" würden: "Was das für einen Aufschwung gäbe!"
Nur eine Handvoll uneinsichtiger chinesischer Gegendemonstranten waren ein paar hundert Meter entfernt aufgezogen und teilten auf ihrem Transparent reichlich unbemerkt mit: "Dear Dalai, don't talk trash! Back to Great China – Your home! Your smiles charm but actions harm!" ("Lieber Dalai, red' keinen Mist! Zurück zu Groß-China - deiner Heimat! Dein Lächeln betört, aber deine Taten verletzen!")
Das friedliche Miteinander auf dem Platz des 18. März vorm Brandenburger Tor konnte das nicht stören – nur der Schauspieler Ralf Bauer, Moderator des länglichen Vorprogramms, war in all seiner performativen Eitelkeit derart übermotiviert, dass er gar nicht merkte, wie absolut unbuddhistisch und unpassend er sich in den Mittelpunkt spielte.
Charisma trifft auf Bedürfnis nach Orientierung
Es war nicht nur störend, wie er versuchte, den Anheizer zu geben, es verleitete auch zu dem spontanen Gedanken, dass es womöglich eine Spezialform der deutschen Tibetfreundschaft gibt, eine Art Sänger- und Schauspielerbuddhismus, die Katja-Riemann-Religion für unterbeschäftigte Fernseh- und Filmdarsteller.
Fast schlimmer noch als diese Gespreiztheit, die sich als neue Weisheit der Bescheidenheit und Bedürfnislosigkeit geriert, war das zum Vortrag kommende Lied von Sebastian Krumbiegel ("Die Prinzen") mit dem selten kitschigen Refrain: "Meine Nation sind die Liebenden auf der ganzen Welt, grenzenlos". Dann lieber gleich Costa Cordalis.
Diesen politischen wie ästhetischen Tiefpunkt überwand jedoch mühelos die tibetische Sängerin Ani Chojing, die unter anderem den Gospel "Amazing Grace" in ihrer eigenen Sprache vortrug. Zuvor hatten Spitzenvertreter aller Parteien im Berliner Abgeordnetenhaus außer der Linken noch schnell ihrer Solidarität mit dem tibetischen Volk Ausdruck verliehen – selbst der störrische Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit ließ eine Erklärung verlesen, in der er sich für die "größtmögliche Autonomie" Tibets aussprach.
Nach zwei Songs der Band 2raumwohnung war es dann endlich soweit: Dr. Franz Alt, viele Jahre Moderator von "Report" und einer der ersten Ökopaxe im Lande, kam auf die Bühne, erzählte, wie oft er schon den Dalai Lama getroffen (25 Mal) und interviewt (15 Mal, eben gerade noch!) habe, hielt eine kurze, aber flammende und beifallumrauschte Rede für Freiheit und Menschenrechte – "Lasst endlich Journalisten nach Tibet, damit wir wissen, was los war!" – und bat schließlich seine Heiligkeit selbst auf die Bühne.
Im Nu stellte sich jene Atmosphäre ein, die sich seit Jahren wiederholt: Sein Charisma trifft auf ein massenhaftes Bedürfnis nach Orientierung und Transzendenz.
Spitzbübische Anekdoten
Dabei ist der 14. Dalai Lama alles andere als ein großer Redner, und sein Englisch klingt inzwischen wie eine eigentümliche sprachliche Variation seiner politischen Autonomieforderung. Es ist irgendwie ganz anders als das, was wir sonst so kennen, und nur der ziemlich heisere deutsche Dolmetscher und Vertraute versteht es, aus dem Gesprochenen Gesagtes zu machen, die Botschaft schlechthin:
Mitgefühl für die von der Erdbebenkatastrophe getroffenen Chinesen, zugleich aber die Forderung nach Autonomie und Gerechtigkeit. Ein historischer Hinweis auf den gewaltfreien Fall der Mauer vorm Brandenburger Tor fehlt da so wenig wie der praktische Tipp zur Alltagstauglichkeit seiner Lehre: "Auch im Alltag solltet ihr Gewaltlosigkeit praktizieren!"
Da jubeln die Menschen. Wenn Kurt Beck dasselbe sagte, würden sie pfeifen.
Aber der unglückliche SPD-Chef hat ja auch keine spitzbübischen Anekdoten auf Lager wie der inzwischen 72-jährige Dalai Lama:
"1954/55 habe ich mehrere Monate in Peking gelebt. Ich traf dabei auch ein paar Mal Mao Tse-tung. Als er fragte, ob die Tibeter eine eigene Flagge hätten, sagte ich ja. Mao fand das gut und meinte, wir sollten sie – neben der roten Chinas – weiter behalten."
Da lächelte seine Heiligkeit, wie nur sie lächeln kann.
"Ist der süß!" entfährt es einer älteren Dame.
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