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28.05.2008
 

Protest gegen SPD

Schwan-Plan lockt Merkel aus der Reserve

Von Christoph Schwennicke

Spott über Kurt Beck, Kritik an seiner Zuverlässigkeit: Angela Merkel schimpft persönlich auf ihren Koalitionspartner - die Blöße gibt sie sich selten. Der Schwan-Plan hat die Kanzlerin so böse überrascht, dass sie ihren präsidialen Gestus ablegt. Allerdings ist die Kandidatin auch für die SPD ein Risiko.

Berlin - Es ist, als hätte jemand die Fenster aufgerissen und ordentlich gelüftet. Die vergangenen Tage, in denen sich Bundespräsident Horst Köhler zur Wiederwahl erklärt hat und Gesine Schwan von der SPD zur Gegenkandidatin erkoren wurde, haben das politische Berlin erfrischt.

Merkel, Schwan: Scham- und respektloser Plan des Koalitionspartners
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DPA, GETTY IMAGES

Merkel, Schwan: Scham- und respektloser Plan des Koalitionspartners

Der bleierne, muffige Überdruss, den die Partner der Großen Koalition schon seit Monaten verströmen, hat einem beinahe erfrischenden Zank Platz gemacht. Wie befreit erfreut sich die SPD an ihrer fröhlichen Kandidatin, und wie befreit schimpft die Union über das scham- und respektlose Vorgehen des Koalitionspartners.

Man kann heute noch nicht sagen, wie der Stellvertreter-Kampf ausgehen wird, den beide Seiten nun um das Bellevue führen. Klar ist aber: Es wird für die SPD ein extremes Ende nehmen. Entweder ein extrem gutes. Oder aber ein extrem fürchterliches. Dazwischen ist bei einer so intensiven Person wie Gesine Schwan nicht viel vorstellbar.

Sanfter Putsch in der SPD

Kurt Beck ist die Gesine Schwan mehr passiert als gelungen. Treibende Kräfte in seiner Partei und nicht zuletzt die Professorin selbst haben einen sanften Putsch durchgeführt und dem Parteivorsitzenden die Kandidatin aufgezwungen.

Am Ende ist Beck nach dem Prinzip vorgegangen: Du hast keine Chance, also ergreife sie. Und bei einem glücklichen Ausgang wird später keiner mehr fragen, wie die Kandidatur zustande kam.

Schon bei ihrem allerersten Auftritt als Kandidatin machte Schwan deutlich, was sie für die SPD so wertvoll macht. Sie legt etwas an den Tag, das man schon für einen Widerspruch in sich gehalten hatte: Man kann dieser Partei angehören und fröhlich-selbstbewusst sein.

Man kann Taktik bedenken und zugleich über Politik jenseits von taktischen Kalkülen sprechen.

Man kann kritische Fragen gestellt bekommen und die Auseinandersetzung mit ihnen gut gelaunt annehmen.

Man darf lachen, einfach so aus Freude am Dasein im politischen Wettstreit um die bessere Idee. Unglaublich.

Die Union ist verunsichert

Bemerkenswert ist, wie schnell der Union angesichts von Frau Schwan das Lachen vergangen ist. Angela Merkel, selbst mit jedem Zoll kalte Machtpolitikerin, zieht wie beleidigt die Mundwinkel weit herunter und schimpft höchstpersönlich auf die SPD, spottet über Beck. Solche Blößen gibt sie sich nicht oft.

Ihre Pofallas sind derweil sofort an die Geschütze gerannt und feuern aus allen Rohren. Aber das ganze Getöse soll nur von Gefühlen ablenken, die die CDU ihrerseits lang nicht mehr hatte: Angst, Verunsicherung, Ratlosigkeit, Verdatterung. Das ungute Gefühl, dass Beck da aus Versehen etwas ausgelöst haben könnte.

Es war nicht die feine englische Art, in der die SPD ihren Koalitionspartner da überrascht hat. Beck hat bei Merkel mit diesem Coup Vertrauen verspielt. Sie begreift sein Vorgehen mindestens als halben Wortbruch und als einen, der sich - was die Wahl in der Bundesversammlung angeht - logisch einreiht in den Wortbruch von Hessen.

Er hat sie erst eingelullt und nun auf dem falschen Fuß erwischt, eher fahrlässig als vorsätzlich.

Beck zwingt Merkel sein Spiel auf

Nicht sauber, aber effektiv: So hat er Merkel dazu provoziert, ihren präsidialen Kanzlergestus abzuwerfen und sich hinabzubegeben in die Koalitionskeilerei. Aus diesem präsidialen Habitus aber speist sich Merkels starker persönlicher Zuspruch in der Bevölkerung.

Im Tennis würde man sagen: Beck hat Merkel sein Spiel aufgezwungen. Der eher mittelmäßige Spieler Brad Gilbert hat einmal ein Buch über Tennis geschrieben. Es heißt "Winning Ugly". Seine Ratschläge für den Kampf mit allen Mitteln gelten auch in der Politik. Das weiß kaum jemand so genau wie Angela Merkel.

Beck ist mit Gesine Schwan also eine böse Überraschung gelungen. Doch auch für ihn kann die Kandidatin eine solche noch bereit halten.

Denn in Schwans Naturell und in ihrer Brillanz liegen große Chancen - es lauern aber auch große Gefahren. Ihre Jungfernrede als Kandidatin ließ schon erkennen: Es gibt viele, viele Leute, die große Stücke auf Gesine Schwan halten. Doch schwerlich wird jemand so begeistert sein von Gesine Schwan wie Gesine Schwan.

Ihr professoraler Drang, etwas in der Politik geradezurücken, sie vom Kopf auf die Füße zu stellen, erinnerte an einen ebenfalls habilitierten Herrn, der auch einmal stolz auf einer Parteibühne präsentiert wurde und später als der Professor aus Heidelberg und tragikomische Figur in die Geschichte des Bundestagswahlkampfes 2005 einging.

Gesine Schwan verfügt über mehr politische Erfahrung und mehr Wissen im Umgang mit Medien als seinerzeit Paul Kirchhof. Sie würde wohl hinzufügen, eine Bundespräsidentschaftskandidatin ist etwas anders als ein Mitglied eines Wahlkampfteams. Auch das ist richtig.

Schwan auf Kirchhofs Spuren?

Und doch hat Gesine Schwan schon am vergangenen Montag erkennen lassen, dass sie sich wie seinerzeit Kirchhof als eine Kanone erweisen könnte, die die SPD nur schwer an Deck vertäuen kann.

Während Beck den ungeschriebenen politischen Gesetzen gehorchte und bestritt, dass er ursprünglich nicht mit Schwan gegen Köhler antreten wollte, redete Schwan auf die gleiche Frage fröhlich davon, dass eine "klasse Führung" sich dadurch auszeichne, dass sie konstruktive Vorschläge von unten aufgreife. Damit aber bestätigte sie indirekt, was Beck von sich gewiesen hatte.

Zu allem Überfluss schwang sie sich auch noch auf, Beck als Chef zu bewerten. Das war hart an der Grenze oder drüber, und es geht erst los. Mit Gesine Schwan wird Kurt Beck also noch viel Spaß haben. So oder so. Ungefähr so blickte er auch drein.

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