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Zukunftskonvent der SPD Chancenschlacht mit Scheitergarantie

2. Teil: Warum die Zukunft der Chancengesellschaft düster ist

Hellsichtig hat das bereits 1958 der britische Soziologe Michael Young in seinem satirischen Utopia-Buch "The Rise of Meritocracy" vorweggenommen. Young beschreibt die Entwicklung zur kompletten Chancengesellschaft vom fiktiven Endpunkt des Jahres 2034 her. Sein Ausgangsort ist die alte Gesellschaft ungleicher sozialer und kultureller Chancen, in der Rang und Macht durch Herkunft, nicht durch Intelligenz und Leistung determiniert sind.

Das wird - in Youngs Buch - von den Begabten der Arbeiterklasse nicht nur als ungerecht gegeißelt, sondern auch als Vergeudung von Bildungsressourcen, als Nachteil in der wirtschaftlichen Konkurrenz mit anderen Nationen kritisiert. Die Arbeiterelite lanciert die "Chancengesellschaft" zum großen Aufstiegsprojekt, bedient sich dabei auch der Empörungsenergien und Sekundanz ihrer weit weniger bildungsbefähigten Klassengenossen aus der unteren Schicht.

Der Kampf hat Erfolg; und die aufgestiegenen Tüchtigen der Underclass werden zu emphatischen Verteidigern der etablierten Ordnung, die nun durch objektive Meritokratie - wie in der akademischen Soziologie seither derartige streng nach Leistungen gegliederte Systeme etikettiert werden - charakterisiert ist. Intelligenz und Anstrengung werden regelmäßig öffentlich evaluiert und in einer "nationalen Intelligenzkarte" festgehalten. Familiäre Prägungen werden - da ungerecht - konsequent zurückgedrängt. Es gilt allein die Leistungsformel I + E = M, also: "Intelligence and effort together make up merit."

Am Katzentisch der neuen Dienstbotenklasse

Die zurückgelassenen Unterschichten stehen fortan allein, ohne ihre frühere Führungsintelligenz. Sie sind im neu konstituierten meritokratischen System verdientermaßen abgehängt, sind die Dummen und Trottel der Leistungsgesellschaft. Da die neue Gesellschaft aber von ihrer ganzen Logik her Nutzlosigkeit nicht dulden darf, haben sich die inferioren Schichten in "Home Help Corps" einzugliedern, um durch Serviceleistungen den erfolgreichen, rund um die Uhr produktiven Chancennutzern zu Diensten zu sein - ja: sein zu müssen.

Auch den Älteren wird nicht mehr, wie zuvor, der vorzeitige Ruhestand gegönnt. Trotz verminderter Leistungsfähigkeit haben sie fortgesetzt zu arbeiten, wenngleich lediglich in anspruchslosen Jobs. Leistung, Anpassung und Produktivität werden zum Maßstab schlechthin in der streng oligarchisierten Gesellschaft der erfolgreichen Meritokratie. Die Kluft zwischen den Klassen wächst; das Prinzip der Gleichheit beschränkt sich allein auf den gleichförmigen Status gleichintelligenter Menschen, weshalb Demokratie keinen Sinn mehr macht und folgerichtig abgeschafft wird.

Und zu schlechter Letzt streben auch die Aufsteiger der neuen soziale Elite danach, die Erblichkeit ihres hart erkämpften Vorrangs wiedereinzuführen, um die eigenen Kinder vor dem vehementen Konkurrenzdruck zu schützen.

So die beklemmende Zukunftsschau von Michael Young, der vor exakt einem halben Jahrhundert bereits die Tücken und Übel der meritokratischen Chancen und Anpassungsgesellschaft vorwegnahm. Eigentlich kein Wunder, dass die bildungsfremden "Unterschichten" sich abwenden, wenn der chancengesellschaftliche Appell ertönt, da für sie unzweifelhaft allein die Abstellkammer und der Katzentisch der neuen Dienstbotenklasse reserviert ist. Warum sollten sie da dann noch Parteien aufgestiegener Meritokraten wählen?

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insgesamt 37 Beiträge
Herrmann 30.05.2008
wird immer ein Ziel sein, dass anzustreben sich lohnt,dass eine Ganztagsschule ein "Zielmittel" ist, ist unbestritten, ebenso andere soziale Maßnahmen. So wird es sie immer geben die Abgehängten, ich kenne da keine [...]
wird immer ein Ziel sein, dass anzustreben sich lohnt,dass eine Ganztagsschule ein "Zielmittel" ist, ist unbestritten, ebenso andere soziale Maßnahmen. So wird es sie immer geben die Abgehängten, ich kenne da keine Patentlösung
tomrobert 30.05.2008
die der Autor da aufzeigt.Bildung ist Eigenkapital.Zynisch,dass gerade Arbeitslosen und schwachen Familien diese Bildung vorenthalten wird.Natürlich ist die sozial sicher Einbettung und ein Herauslösen der Kinder aus [...]
die der Autor da aufzeigt.Bildung ist Eigenkapital.Zynisch,dass gerade Arbeitslosen und schwachen Familien diese Bildung vorenthalten wird.Natürlich ist die sozial sicher Einbettung und ein Herauslösen der Kinder aus bildungsfernen Schichten auch essentiel für Demokratie und ihre immer schwieriger werdenden Entscheidungsprozesse. Gerade das wird von der Politik nicht geleistet.Es wird zwar darüber geredet, was man alles machen möchte, getan wird nichts. An der Bildung aber hängst wirklich. Bildung ist auch Training, nicht nur Wissen.Nur so können , wenn auch nicht sofort,Schichten überwunden werden.
Diddl 30.05.2008
Der sehr gute Artikel von Professor Walter bringt mich zum nachdenken. Oft schreibt er sehr allgemein, aber diesmal legt er den Finger in die Wunde. Chancengleichheit heißt auch die Chance zu haben zu versagen und nun ist man [...]
Der sehr gute Artikel von Professor Walter bringt mich zum nachdenken. Oft schreibt er sehr allgemein, aber diesmal legt er den Finger in die Wunde. Chancengleichheit heißt auch die Chance zu haben zu versagen und nun ist man auch noch selbst schuld daran. Andererseits muss eine möglichst gute Aneignung von Bildung das Ziel der Gesellschaft bleiben. Was mit denjenigen passiert die dazu nicht in der Lage ist eine noch nicht zufriedenstellend geklärte Frage.
Newspeak 30.05.2008
Chancengleichheit und Leistungsgerechtigkeit gibt es doch gar nicht im heutigen Deutschland... Die unteren Schichten scheitern nicht am Studium, sondern an dessen Finanzierung! Wirkliche Leistungsträger (Krankenschwestern, [...]
Chancengleichheit und Leistungsgerechtigkeit gibt es doch gar nicht im heutigen Deutschland... Die unteren Schichten scheitern nicht am Studium, sondern an dessen Finanzierung! Wirkliche Leistungsträger (Krankenschwestern, Facharbeiter z.B.) werden finanziell abgestraft, Geldvernichter (Manager, Berufspolitiker) sichern sich ihre Privilegien! Es ist einzig und allein das Geld, das heute den sozialen Status in dieser Gesellschaft bestimmt...das Thema Bildung ist die Nebelkerze derjenigen, die von dieser Tatsache ablenken wollen.
wassolldas1 30.05.2008
... und zwar nicht nur der Artikel von Herrn Walther, sondern die Bildungsdiskussion als solche. Es ist immer nur die Rede von Mathematik, Sprachen, Ingenieurswissenschaften usw. Was mich stört, ist diese streng utilitaristische [...]
... und zwar nicht nur der Artikel von Herrn Walther, sondern die Bildungsdiskussion als solche. Es ist immer nur die Rede von Mathematik, Sprachen, Ingenieurswissenschaften usw. Was mich stört, ist diese streng utilitaristische Herangehensweise an das Thema Bildung. Bildung ist, was der Industrie nützt. Es ist aber klar, dass nicht jeder für diese Art Bildung das Talent hat. Da nützt auch die beste Frühförderung nichts. Zu meiner Zeit hieß es noch, der Besuch eines Gymnasiums solle auch zur Ausbildung einer unabhängigen Denkweise befähigen, zu Geschmack, zu kulturellen Fähigkeiten und zu erweiterten sozialen Kompetenzen. Dazu gehören das Erlernen von Kulturtechniken ebenso wie Medienkompetenz und eine solide Allgemeinbildung. Dieses Bildungsideal scheint mir zunehmend verloren zu gehen, obwohl es heute nötiger zu sein scheint als je zuvor - wenn man sich die heutigen Absolvent/innen höherer Bildungseinrichtungen so ansieht, die dann in FlipFlops und Strandoutfit in die Universitäten schlappen und Niveau für eine Creme halten. Statt immer mehr Mathematik und Naturwissenschaften in die Stundenpläne zu pumpen, wäre es viel nötiger, wieder einmal auf die Ideale der humanistischen bildung zurück zu greifen - und diese ALLEN Schülern, quer durch alle Bildungs- und Einkommenschichten zugute kommen zu lassen. Weg mit dem jetzigen dreigliedrigen Schulsystem, hin zu einer späteren Selektion - und eine integrative Förderung von so vielen Kindern wie möglich. Aber sind wir ehrlich: das kostet sehr viel Geld. Und ohne eine bundesweit zentralisierte Bildungspolitik ist so etwas ebenfalls nicht zu bewerkstelligen. Andere Länder können es ja. Siehe unsere Nachbarn im Norden Europas oder auch Kanada, siehe Spiegel-Artikel vom 4. Dez. 2007 (http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,520573,00.html) Das Geheimnis: Man geht optimistisch an die Sache heran, man versucht zumindest, so viele Schüler wie möglich so weit wie möglich zu bringen. Mit dem Pessimismus eines Herrn Walther ist einer solchen humanistischen Form der Schulpolitik sicher nicht gedient.
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