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Kraftlose SPD Auf dem Weg nach Nirgendwo

2. Teil: Warum Sozialdemokraten gern flüchten

Die Sozialdemokraten sind schon in der Vergangenheit, wenn sie der kompromissreichen Regierungsarbeit überdrüssig wurden, gerne geflüchtet: in die heile Welt von Programmkommissionen, mitunter auch in die vermeintliche Erneuerung der Opposition. Der Fluchtpunkt der Jahre 2008 heißt Gesine Schwan. Die Sozialdemokraten begeistern sich auch deshalb für Frau Schwan, weil sie jenseits der Verantwortungsschwere und der Rücksichtnahmen eines Parteivorsitzenden oder einer Regierungschefin große Reden halten darf, ja: muss. Frau Schwan wird sich in den nächsten Monaten nachdenklich zu den Schattenseiten der Globalisierung und eines entgrenzten Kapitalismus äußern. Sie wird wahrscheinlich Anstöße über eine neue Sinngebung des Politischen liefern, wird über die Vitalisierung der Demokratie wunderbar stimmige Reflexionen beisteuern. Die Sozialdemokraten werden entzückt jubeln, denn das ist dann wieder die Welt der großen Maßstäbe, weiten Entwürfe, glänzenden Programmlosungen.

Doch der jeweilige Vorsitzende der SPD wird im unvermeidlichen Klein-Klein des politischen Alltags noch trister aussehen. Die Partei wird weiter schimpfen und jammern. Und die Unzufriedenheit wird ziellos bleiben. Denn die Partei befindet sich, wie schon in den unglücklichen achtziger Jahren, im Spagat. Damals unter Helmut Kohl, im letzten Jahrzehnt der alten westdeutschen Bundesrepublik, quälten sich die Sozialdemokraten bereits mit dem Problem, dass sie unter allen Parteien die heterogenste Wählerschaft besaßen.

Links gab es die radikalen, dabei materiell gut situierten Postmaterialisten, rechts standen die autoritär disponierten und meist männlichen Jungarbeiter aus den gesellschaftlichen Kellergeschossen der Republik. Und dazwischen tummelten sich in der sozialdemokratischen Wählerschaft noch, nun ja, etwa acht andere Lebensstilgruppen mit jeweils ganz unterschiedlichen Erwartungen an gute Politik. Das forderte von den Sozialdemokraten eben den permanenten Spagat - der ihnen über viele Jahre zunächst nur höchst unzureichend gelang. Das verbannte sie 16 bitterlange Jahre auf die unbequemen Bänke der Opposition.

"Innovation und Gerechtigkeit" zieht nicht mehr

Der Einzug ins Kanzleramt 1998 erfolgte erst, als sich die Gegensätze in der sozialdemokratischen Anhängerschaft abmilderten. In den neunziger Jahren hatte der Postmaterialismus in seinen nunmehr älter und dadurch moderater gewordenen Trägerschichten an Rigidität erheblich verloren. Die Integration mit den "Materialisten" wurde infolgedessen leichter. Man traf sich dann bekanntlich in der "neuen Mitte". Und man hatte die Formel "Innovation und Gerechtigkeit".

Doch diese Formel geht nicht mehr auf. Die SPD bröckelt daher abermals und auch diesmal an verschiedenen Seiten. Die Klammern der neunziger Jahre halten nicht mehr. Und die sozialdemokratische Identität wird erneut unscharf. Denn neue Konfliktlinien tun sich auf, die sich abermals mitten durch die sozialdemokratischer Anhängerschaft ziehen.

In der niederländischen Sozialdemokratie, der es ähnlich schlecht geht wie der deutschen Schwesterpartei, ist derzeit viel von "Daumenschrauben" die Rede: von rechts drücken die christdemokratische Partei und allerlei Populisten, von links drängt die mittlerweile gleichstarke "Socialistische Partij" des früheren Maoisten Jan Marijnissen. Und ein Riss geht vor allem durch die Wählerschaft. Die holländischen Politologen Kees van Kersbergen und André Krouwel haben diese Kluft so charakterisiert: "Auf der einen Seite gibt es Menschen, die nicht unsicher und ängstlich sind. Sie sehen den Markt als Möglichkeit, Fortschritte zu machen, erleben die Vereinigung Europas als Erfolg, leben nicht in einer multikulturellen Gesellschaft, sondern neben ihr, haben einen stark individualisierten Lebensstil und können durch ihren individuellen Wohlstand leicht dem verkommen öffentlichen Raum entkommen." Auf der anderen Seite aber gebe "es diejenigen, die Angst vor der Zukunft haben und sich vom Markt bedroht fühlen, von der europäischen Erweiterung, der zunehmenden Immigration und der multikulturellen Gesellschaft, dem Zusammenbruch der sozialen Infrastruktur, dem Verlust der selbstverständlichen Nachbarschaftshilfe und der Solidarität in Arbeitervierteln, der Internationalisierung der Wirtschaft."

In der Zange zwischen Merkel und Lafontaine

Das markiert die Kluft zwischen "Neuer Mitte" und dem "alten Unten" dort. Dabei hat erst das Bündnis aus Mitte und Unten die SPD 1998 an die Regierungsmacht gebracht. Doch war dieses Bündnis von Beginn an höchst zerbrechlich, war keine sozialkulturell unterfütterte und zusammengeschmiedete Allianz. Wo die einen mit Schröder eher auf Innovation hofften, wünschten sich die anderen von Lafontaine in erster Linie Schutz und Verteidigung.

Als die regierenden Sozialdemokraten mit dem Abgang Lafontaines im Frühjahr 1999 verstärkt auf Sparsamkeit, Eigenverantwortung und Selbstinitiative drangen, wandten sich ganze Scharen der 1998er Wähler aus den unteren Schichten verärgert ab. Schon die Koalitionsbildung mit den Grünen hatte ihnen nicht recht gefallen. Im "neuen Unten" interessierten Cash-Fragen, nicht postmaterialistische Werte. Mit Atomausstieg und Reform des Staatsbürgerrechts oder gar der Ökosteuer waren die Wähler aus den früheren Traditionsquartieren der Arbeiterbewegung nicht zu versöhnen, nicht zu reaktivieren. Ein Teil ging in die Passivität, andere versuchten es zwischenzeitlich auf Länderebene mit Voten für die CDU. Viele sind mittlerweile bei der "Linken" angekommen.

Und die SPD droht immer mehr, zur Partei der schrumpfenden neuen Mitte zu werden, die allerdings ebenfalls keineswegs homogen ist. Die Sozialdemokraten befinden sich, fast wie in den unglückseligen Weimarer Jahren, in einer Zangenbewegung: Zwischen Merkel hier und Lafontaine dort, zwischen Aufsteigern auf der einen und Zurückgelassen auf der anderen Seite. Und die SPD schafft nicht mehr die Integration, realisiert nicht mehr das soziale Bündnis, weil sie selbst nicht mehr weiß, mit wem es wohin eigentlich zu welchem Zwecke gehen soll.

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insgesamt 113 Beiträge
OlafKoeln 11.06.2008
Herr Walter hat - wie sehr oft - recht mit seiner Analyse. Ich fühle mich weiter als Sozialdemokrat, obwohl ich die Partei nach 17 Jahren in 2007 verlassen habe. Ich werde sie - so wie sie sich darstellt - mit Sicherheit auch [...]
Zitat von sysopDer SPD laufen die Wähler davon, sie verliert jegliches Selbstvertrauen, die Genossen wirken verbittert und übellaunig. Das liegt mit an Kurt Beck - doch der unglücklich operierende Pfälzer ist nicht die alleinige Ursache allen Übels. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,559093,00.html
Herr Walter hat - wie sehr oft - recht mit seiner Analyse. Ich fühle mich weiter als Sozialdemokrat, obwohl ich die Partei nach 17 Jahren in 2007 verlassen habe. Ich werde sie - so wie sie sich darstellt - mit Sicherheit auch nicht mehr wählen. Und in NRW hat man das laue Gefühl, das Rütgers der bessere Sozi ist (auch wenn ich ihn auch nicht wählen werde). Der SPD wurden Grundwerte per Basta von oben ausgetrieben, die Enkelgeneration hat die Partei nahezu zerstört. Am schlimmsten war und ist wohl der Basta-Gasokrat Schröder. Solange solche Leute (in Mehrung mit Clement) noch hoffiert werden, ist der Partei nicht mehr zu helfen. Innerparteiliche Diskussionen finden oft nicht mehr ernsthaft statt, das Ergebnis oft genug von oben schon vorgegeben. In Köln durfte ich erfahren, das ein "aufwieglerischer" Ortsverein (z.B. gegen Hartz IV, fordern der Aufklärung Müllskandal usw. usw.) einfach per Basta aufgelöst und selbst (innerparteilicher) Wahlbetrug im Vorlauf ignoriert wurde. Das war schon mehr als ernüchternd.
Chrysop 11.06.2008
Seit 16.15 Uhr steht nun dieses Forum offen und kein einziger Beitrag, dieses absolute Desinteresse zeigt am deutlichsten, wie enttäuscht Deutschland von der neoliberalen Politik der SPD ist.
Seit 16.15 Uhr steht nun dieses Forum offen und kein einziger Beitrag, dieses absolute Desinteresse zeigt am deutlichsten, wie enttäuscht Deutschland von der neoliberalen Politik der SPD ist.
Michael Giertz 11.06.2008
Noch ein SPD-Bashing-Thema? Was solls ;) Kurt Beck ist auch mE nicht das alleinige Übel, sondern sogar eher eines der Symptome. Die SPD hat sich in den 7 Jahren Schröder von ihrer Stammwählerschaft massiv entfernt, als sie [...]
Zitat von sysopDer SPD laufen die Wähler davon, sie verliert jegliches Selbstvertrauen, die Genossen wirken verbittert und übellaunig. Das liegt mit an Kurt Beck - doch der unglücklich operierende Pfälzer ist nicht die alleinige Ursache allen Übels. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,559093,00.html
Noch ein SPD-Bashing-Thema? Was solls ;) Kurt Beck ist auch mE nicht das alleinige Übel, sondern sogar eher eines der Symptome. Die SPD hat sich in den 7 Jahren Schröder von ihrer Stammwählerschaft massiv entfernt, als sie versucht hat, CDU-Politik zu machen. Diese Jahre haben den Vertrauenskredit völlig aufgebraucht und die Partei selbst zerieben. Normalerweise hätte die SPD erstmal wieder ein paar Jahre Ruhe gebraucht, sprich in die Opposition gehen müssen, um sich zu regenerieren. Dann wäre die Situation längst nicht so fatal wie zur Zeit. Da genau das aber nicht der Fall ist, und die SPD nunmal in der Regierung sitzt, jeden CDU-Wurschtel mitmachen muss, wird sie entgültig abgenutzt. Beck ist, wie ich schon sagte, eines der Symptome für den Zerfall der Partei. Wäre die Partei noch stark, weil es an entsprechenden Köpfen nicht mangelt, würde wohl kaum ein Herr Kurt Beck die Zügel in den Händen halten, sondern ein wirklich ernstzunehmender Politiker. Beck wäre also nicht einmal gewählt worden. Im Nachhinein tut es mir leid um Platzeck, den man sinnlos verheizt hat. Wenigstens hat er erkannt, in welchen Zustand die SPD war, und hat sich zurückgezogen. Ein weiteres Indiz für den Zerfall der SPD ist aber auch, dass es keinen Nachfolger für Beck gibt. Er ist das beste, was die Partei zur Zeit aufbieten kann, und das gibt einem schon zu denken. Kurzum: Die SPD braucht DRINGEND einige Jahre Oppositionsarbeit, um sich zu regenerieren. Ansonsten war's das für diese Partei, eine weitere Legislaturperiode überlebt sie nicht.
Ariatic 11.06.2008
An Becks Stelle würde ich den Büttel hinschmeissen und Steinmeier machen lassen. Das wird an den 20 - 25 % nichts ändern, aber es wird mal klar, warum diese mainstreamgesteuerte Partei wirklich marginalisiert worden ist und wer [...]
An Becks Stelle würde ich den Büttel hinschmeissen und Steinmeier machen lassen. Das wird an den 20 - 25 % nichts ändern, aber es wird mal klar, warum diese mainstreamgesteuerte Partei wirklich marginalisiert worden ist und wer dafür die Verantwortung trägt - vielleicht sogar der Presse. Bei uns heißt es zuhause statt kaputtmachen schon länger " schrödern ".
OlafKoeln 11.06.2008
Ein paar SPD-Interessierte arbeiten ja auch noch :-)
Zitat von ChrysopSeit 16.15 Uhr steht nun dieses Forum offen und kein einziger Beitrag, dieses absolute Desinteresse zeigt am deutlichsten, wie enttäuscht Deutschland von der neoliberalen Politik der SPD ist.
Ein paar SPD-Interessierte arbeiten ja auch noch :-)
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