Mitgliederplebiszite waren in der SPD meist rein taktisch ausgelegt, in höchster Not überstürzt eingeleitet, wurden nie kontinuierlich fortgesetzt, blieben erratische Instrumente für in Verlegenheit geratene Führungssozis. Da deren Legitimations- und Disziplinierungsprobleme mittlerweile aber chronisch geworden sind, wäre nunmehr zu überlegen, inwiefern man beteiligungsorientierte Modi der Personal- und Richtungsentscheidungen in der SPD verbindlich fixiert. Die Partei würde damit auch souveräner, autonomer gegenüber der Intonation der Medien - und stärker immun gegen Konspirationen und Putschgelüste kleiner Zirkel im Inneren.
Das mag auch endlich allmählich dazu führen, nicht denjenigen gleich für den besten Kandidaten zu halten, der in der Demoskopie über die höchsten Popularitätswerte verfügt. Es ist bemerkenswert, wie wenig bei der Auswahl des politischen Spitzenpersonals nach klaren Eignungskriterien vorgegangen wird. Es zählt allein der Platz auf der Beliebtheitsskala, nicht die nachweisliche Fähigkeit zur Integration, zur Mobilisierung, zum Ausgleich, zur Profilierung, zur Koalitionsbildung, zur Themenfindung etc. Auch in der SPD-Debatte dieser Monate spielt das alles kaum eine Rolle.
Indes: Will eine Partei mit einem derart vielschichtigen Wählerreservoir sich auf eine zentrale Figur an der Spitze beschränken, dann muss diese Person eine immens facettenreiche Gestalt sein, muss als Projektionsfläche für verschiedenen Bedürfnisse, Einstellungen und Kulturen taugen, muss rochieren, sich neuen Verhältnissen blitzschnell anverwandeln, ohne dabei aber opportunistisch zu wirken. Ein Mann wie Beck konnte und kann dergleichen nicht. Er ist in der Tat der Repräsentant einer sehr spezifischen Mentalität, einer begrenzten Lebenswelt. Für Frank-Walter Steinmeier gilt das übrigens ganz ähnlich.
In einem solchen Fall aber hat man statt einer singulären Führungsstruktur ein eher kollektives Tableau herzustellen. Es war kein Zufall, dass die SPD in ihren besten Zeiten ein Triumvirat beziehungsweise eine Troika an ihrer Spitze hatte, von denen jeder einzelne - Herbert Wehner, Willy Brandt, Fritz Erler und Helmut Schmidt - ein ungleich gewichtigeres Kaliber war, als es heute Beck oder Steinmeier sind. Und dennoch gelang auch ihnen die volksparteiliche Integration nur durch kooperative Führungsvielfalt.
Vorsitzender, Kanzlerkandidat und Volkstribun
In einer rational durchkomponierten Flügelstruktur müsste sich die SPD infolgedessen auf einen Vorsitzenden einigen, der nach innen schaut, die heiligen Traditionen der Partei ernst nimmt, den Untergliederungen Mut macht, die verschiedenen Flügel zusammenbindet.
Sie müsste sodann einen Kanzlerkandidaten nominieren, der über genügend Raum und Freiheit vom tonangebenden Kern der Partei verfügt, der nicht introvertiert agiert, sondern in die Grenzwählerschaften zur SPD im mittleren Bereich des Spektrums ausstrahlt - und dabei den Rückhalt des Parteichefs genießt. Und sie bräuchte des Weiteren einen Tribun ganz vorne in der ersten Garnitur, der mit populistischem Instinkt und sicherer Witterung für Emotionen auch die Gefühlslagen diesseits der Mitte spürt und sie in griffige Maximen übersetzt.
Nun mag das eine Reißbrettkonstruktion sein. Doch in diese Richtung müsste eine Restrukturierung der politischen Führung in der SPD wohl gehen, solange sie mehr sein will als eine reine Lobbypartei sozialer Aufsteiger. Und zumindest für den Parteivorsitzenden und Kanzlerkandidaten wäre eine plebiszitäre Legitimation aus den eigenen Reihen nicht schlecht. Würde es womöglich alternative Bewerbungen geben, dann könnte die SPD am Ende sogar interessant werden.
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