Von Sebastian Fischer, Biberach
Biberach - Um 16 Minuten nach Mitternacht blinzelt er ins Scheinwerferlicht der Kameras und die Blitze der Fotografen, nickt zweimal und weiß, dass es aus ist. "Heute, das war so etwas wie die letzte Fahrkarte nach Berlin." Der Zug ist abgefahren. Oswald Metzger ist geschlagen: "Das war meine Schicksalswahl."
Rund tausend CDU-Mitglieder des oberschwäbischen Wahlkreises 292 haben in der Nacht zum Mittwoch ihren Kandidaten für den Bundestag gewählt. In der Biberacher Stadthalle entschieden sie sich im dritten und entscheidenden Wahlgang mit 58,1 zu 41,9 Prozent gegen den Medienmann und Finanzexperten Metzger.
Und für den Schweinezüchter Josef Rief.
Metzger bei Basisversammlung: "Ich wollte den geraden Weg"
Der Landwirt steht gerade abseits, in einer Ecke des weitläufigen Saals, als man seinen Sieg verkündet. Die Kamerateams hasten an ihm vorbei. Ihr Ziel ist Oswald Metzger, der Verlierer. Bei den Siegern kommt das nicht wirklich gut an. "Das ist nicht korrekt, das gehört sich nicht", blafft eine CDU-Delegierte in Richtung der Metzger umgebenden Medienvertreter.
"Es wird der Sieger bewundert und nicht der Verlierer!", dekretiert sie. "Schaumschläger", attackiert ein weiterer Delegierter den Ex-Grünen Metzger. Ein anderer droht einem Kameramann Prügel an, weil der ihn beim Metzger-Filmen vom Platz verdrängt hat.
Es sind diese verdichteten mitternächtlichen Szenen, die einiges verraten über das Wesen der Christdemokratie, hier auf dem oberschwäbischen Land: dass sie Oswald Metzger trotz seiner wertkonservativen und schwäbisch-marktliberalen Einstellung hier als fremd empfinden; dass sie sich nicht reinreden lassen; dass sie, die seit Jahrzehnten garantierte satte Mehrheiten einfahren, keinen Star wollen, sondern einen einfachen Parteiarbeiter und designierten Berliner Hinterbänkler.
Oswald Metzger wollte das nicht glauben. Deshalb hat er sich verkalkuliert. "Ich wollte den geraden Weg, eine Volksabstimmung in der Volkspartei meiner Heimat", sagt Metzger. Er habe den Fehler begangen, die für ihn positive Stimmung im Volk mit der in der CDU gleichgesetzt zu haben. "Doch Parteien ticken anders als die Bevölkerung."
Das Nominierungsverfahren sei "fair" gewesen, sagt Metzger immer wieder. Er stehe zu dem Ergebnis. Allerdings merkt er auch an, dass vor allem jene in die Stadthalle von Biberach gekommen seien, "die Oswald Metzger verhindern wollten". Im Vorhinein hätten viele angenommen, die massierten Neueintritte in die örtliche CDU – insgesamt rund 200 in den vergangenen Wochen – seien eine Art Unterstützertrupp für ihn. Doch die seien "eher Anti-Metzger" gewesen. So sei die Landwirtschaft "gut vertreten gewesen heute Abend". Und mit Blick auf den CDU-Kreisvorsitzenden und neuen Bundestagskandidaten fügt Metzger an: "Rief wird ein CDU-Abgeordneter sein, der zu Oberschwaben passt."
Fünf Stunden brauchte die CDU, um den Passenden aus den fünf Bewerbern auszuwählen. In den Reden dominierte das Traditionelle. So bei der 48-jährigen Hausfrau und diplomierten Verwaltungswirtin Carmen Bogenrieder: "Bei uns ticken die Uhren noch richtig", schwäbelte sie in den Saal – und führte "wissenschaftliche Studien" über die Gefahr der Krippenbetreuung an. "Es darf nicht sein, dass Kinder unmittelbar nach der Geburt zur Erziehung an den Staat abgegeben werden." Josef Rief warnte danach vorm "Linksblock" in Deutschland, gegen den man 2009 eine bürgerliche Mehrheit organisieren müsse. Und Peter Diesch, Bürgermeister von Bad Buchau, nahm die Leistungsträger vor jenen in Schutz, "die arbeiten können, aber nicht wollen".
Alle drei Kandidaten kritisierten in Seitenhieben den prominenten Konkurrenten Metzger. Von Einstellungen, die man nicht wechseln könne wie Krawatten, war da die Rede (Bogenrieder); oder davon, dass man "Überzeugungskraft nicht mit Überredungskunst verwechseln" dürfe (Rief); und dass Entscheidungen "nicht auf weichen Talkshow-Sofas fallen" (Diesch). Nur Christoph Burandt, der vierte Kandidat, blieb bei diesem Spiel außen vor. Seine Bewerbungsrede ging eher ins Grundsätzliche, der Geräuschpegel im Saal stieg vernehmlich an.
Oswald Metzger dagegen kokettierte vorm CDU-Publikum mit seiner Außenseiterrolle: Als er noch bei den Grünen gewesen sei, hätten ihm viele CDUler gesagt, er sei in der falschen Partei – "jetzt bin ich gekommen, und es ist Ihnen auch nicht recht". Er betonte die "politische Kontinuität" seiner Ansichten und wiederholte seine bei den Grünen umstrittene Äußerung über manche Sozialleistungen, die wie eine "Stilllegungsprämie" wirkten, so dass sich deren Empfänger "vorm Fernseher mit Chips und Alkohol vollstopfen und dies auch ihren Kindern angedeihen lassen".
Skurriles dann in der anschließenden Fragerunde: Eine ältere Delegierte warf Metzger vor, sie vor rund zehn Jahren bei einer Diskussion über die Pflegeversicherung "niedergemacht" zu haben. Noch immer fehle die Entschuldigung. Abbitte leistete Metzger nicht, bedauerte aber, dass die Dame die Sache damals in den "falschen Hals" bekommen habe.
Eine inszenierte, eine bestellte Frage der Anti-Metzger-Fraktion? So sah es aus. Metzger selbst sagt später: "Das war kein Zufall."
Während Sieger Rief den Saal längst verlassen hat, steht Verlierer Metzger noch immer da, umringt von Journalisten. Der Schweiß tropft ihm auf die Brillengläser. Vor der Abstimmung hatte er gesagt, wenn er scheitere, dann sei es das gewesen mit Oswald Metzger, dem Berufspolitiker.
Und nun?
Er schreibe an einem Buch über den Zeitgeist in der Politik. Außerdem sei sein Terminkalender ausgebucht. Wirtschaftliche Sorgen also müsse er sich nicht machen. Und politisch? "Ich habe einen wachen Geist, kann konzeptionell denken, zugespitzt formulieren, ich bin kein stromlinienförmiger Parteifuzzi."
Es ist klar, er will mit 54 Jahren nicht in Polit-Pension gehen. Doch er habe weder einen Plan, noch gebe es irgendwelche Signale aus Stuttgart oder Berlin. Er wolle sich aber in die "konzeptionelle Diskussion" ums Wahlprogramm 2009 einbringen.
Oswald Metzger setzt darauf, dass die Union auf ihn setzt. "Die Union weiß: Ich habe einen Marktwert bei ihren Wählern."
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