Von Sebastian Fischer, Nürnberg
Nürnberg - Hubert Aiwanger muss da jetzt durch. Die Dame im schwarzen Kostüm, rot-schwarzen Pumps, mit roten Lippen, roten Ohrringen und roter Armbanduhr rückt ihm auf die Pelle. Denn die Fotografen warten. Und Aiwanger, der Vorsitzende der Freien Wähler (FW) im Freistaat, ein Landwirt aus Niederbayern, steht nun da vorm Nürnberger Presseclub in seinem braunen Anzug - und versucht ein Lächeln.
"Ein bisschen näher...", hört er Gabriele Pauli neben sich flüstern. Und ihre Hand zupft an seinem Jackett.
FW-Chef Aiwanger, neue Mitstreiterin Pauli, Organisator Dörfler: "Muss ja nicht immer Liebe auf den ersten Blick sein"
Sie sind jetzt Mitstreiter, der Bauer und die Ex-CSU-Rebellin. Denn Pauli ist im Juni eingetreten, hat sich im Stimmkreis Nürnberg-Nord ausgerechnet gegen Ministerpräsident und Ex-Duzfreund Günther Beckstein für die Landtagswahl im Herbst aufstellen lassen.
Und nun, auf ihrer ersten Pressekonferenz in neuer Funktion, tritt sie bereits als Co-Spitzenkandidatin auf: "Ich freue mich auf den Wahlkampf an der Seite von Hubert Aiwanger." Der habe die FW in den vergangenen Jahren aufgebaut - und nun helfe sie mit: "Das Nest ist da, aber wir beide vertragen uns in diesem Nest." Hubert Aiwanger schaut angestrengt gerade aus, räuspert sich nahezu bei jedem Pauli-Satz und macht nach wenigen Minuten schon seine zweite Flasche Wasser auf.
Gabriele Pauli lächelt unentwegt. Es müsse "ja nicht immer Liebe auf den ersten Blick sein".
"Man muss schauen, dass sie glücklich sind"
Genau. So kann man es auch sehen. Hubert Aiwanger jedenfalls muss schon wieder einen Schluck Wasser nehmen. Was hatte er nicht alles gesagt in den letzten Wochen: Dass er "nicht gerade begeistert" sei über die neue Mitstreiterin; dass er deren Idee einer auf sieben Jahre begrenzten Ehe als "absoluten Blödsinn" und "indiskutabel" empfinde; dass Pauli "ein schlechtes Image in der Bevölkerung" habe; dass keinesfalls der Eindruck entstehen dürfe, "sie wäre unsere Wortführerin".
Vorbei. Denn Aiwanger hat - unter offensichtlichen Schmerzen - erkannt: Mit Pauli kommt die biedere FW-Truppe vom Land vielleicht ran an die städtischen Wähler - und möglicherweise rein in den Landtag. Das dürfte beim zweiten Blick gewirkt haben. "Vielleicht brauchen wir die Frau Pauli, weil wir mit unserer Sachpolitik nicht bei den Medien ankommen", sagt er jetzt. Und dass man "immer Chancen und Risiken abwägen" müsse.
Nebenan sitzt Nürnbergs FW-Chef. Jürgen Horst Dörfler, ein Ex-CSU-Mann und Ex-Mitstreiter von Bayerns heutigem Europaminister Markus Söder in gemeinsamen Tagen bei der Jungen Union, will zwar auch in den Landtag, fungiert daneben aber als Quasi-Wahlkampfleiter von Pauli: Es gebe etliche Anfragen für Auftritte, bayernweit. Kurz vorm Wahltag sei außerdem eine "Abschlussveranstaltung größeren Stils" in Nürnberg geplant.
Pauli selbst sieht die Sache ein bisschen esoterischer: Es gehe nicht vorrangig um Prozente und Posten, "sicher und saturiert zu sein", das spiele keine Rolle. "Es geht mir darum, dass ich sehe, dass viele Menschen nicht glücklich leben", sagt Pauli. Sie habe früher versucht, Beckstein dies nahe zu bringen. Doch vergeblich. "Beckstein meint, man soll die Menschen verwalten, ich meine, man muss schauen, dass sie glücklich sind." Die Menschen hätten die Politiker, "die sie kreieren". Denn "alles ist ein Spiegel".
Sie sei auch deshalb zu den Freien Wählern gegangen, weil man sich dort "frei äußern" könne und es "kein Kaderdenken" gebe. Und ja, natürlich stehe sie noch zur Sieben-Jahres-Ehe: "Alles, was ich bisher gesagt habe, gilt auch für mich nach wie vor." Hubert Aiwanger hat da schon wieder diesen angestrengten Blick.
Doch abseits der Meta-Ebene kann Pauli auch ganz praktisch. Denn fast zwei Jahrzehnte war die 51-Jährige Landrätin im Kreis Fürth. Und da schauen die neuen FW-Freunde im Saal schon deutlich entspannter. Pauli spricht über die Nichtwähler ("Ich möchte die zurückhaben"), die Durchsetzung des Konnexitätsprinzips oder die FW-Forderung nach einem direkt vom Volk zu wählenden Ministerpräsidenten.
Es gehe jetzt darum, "in Bayern Bewegung reinzukriegen", sagt Pauli. Und Aiwanger sieht bei diesem Versuch jetzt auch kein Problem mehr, "eine Frau Pauli und die Freien Wähler unter einen Hut zu bringen". Die FW hätten sich eben weiter entwickelt, man müsse "modern sein, um sich den Herausforderungen zu stellen". Es ist in diesem Moment nicht ganz klar, ob er Pauli unter der Rubrik Herausforderungen abbucht - oder das eher allgemein meint.
Sollte die CSU im Herbst ihre absolute Mehrheit verlieren und sollten die Freien Wähler in den Landtag einziehen, könnte sich Gabriele Pauli in einer Koalition mit ihrer Ex-Partei wiederfinden. Sie lächelt das weg. Denn, klar, es geht ja nicht um Posten. Nur Hubert Aiwanger hat sich das schon zurechtgelegt: "Wir arbeiten ganz emotionslos mit jedem zusammen, der halbwegs vernünftig ist, wir können mit allen."
Ab sofort auch mit Gabriele Pauli.
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