Von Severin Weiland
Berlin - Markus Söder war 16 Jahre alt, als er sich entschloss, in die CSU einzutreten. Das war nach einer Rede von Franz Josef Strauß auf dem Nürnberger Hauptmarkt. Der Übervater der CSU hing damals als "riesiges Poster" in seinem Schlafzimmer. "Was meine damalige Freundin regelmäßig irritierte", wie sich Söder erinnert.
Söder hat Karriere gemacht in der Partei, er war CSU-Generalsekretär unter Edmund Stoiber. Jetzt ist er Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten, die Zukunft ist offen. An diesem Freitag eröffnet er in der bayerischen Landesvertretung eine Wanderausstellung zum 20. Todestag von Franz-Josef Strauß.
Söder hat an der Idee mitgewirkt, manche behaupten, er hätte sie geboren. Er selbst sagt dazu nur: "Wir alle haben uns Gedanken gemacht, wie wir den Todestag von Strauß würdigen können".
Ausstellungseröffnung "Strauß - Ein deutsches Leben" in Berlin: CSU-Politiker Söder (links), Strauß-Kinder Monika Hohlmeier und Franz-Georg Strauß, CSU-Ehrenvorsitzender Stoiber
Eigentlich jährt sich der Todestag erst am 3. Oktober. Doch im September sind im Freistaat Landtagswahlen. Deshalb sollen die Strauß-Anhänger, von denen es unter den Älteren noch viele in Bayern gibt, schon vorher angesprochen werden. Das war lange Zeit anders: Nach dem Ende der Ära Strauß tat sich die CSU schwer mit dem Erbe des Mannes, unter dessen Führung Bayern und CSU zum Synonym wurden, aber auch für Skandale und Amigo-Geschäften.
Die CSU entdeckt FJS neu
Vor drei Jahren änderte sich das. Auf ihrem Nürnberger Parteitag ließ Söder, damals noch CSU-Generalsekretär, einen Film zum 90. Geburtstag von Strauß zeigen. Es war auch diesmal Söder, der Stoiber anrief und fragte, ob er in Berlin reden wolle. Der Zeitpunkt ist geschickt gewählt, in Berlin droht das Sommerloch, viele Journalisten suchen nach Stoff.
Söder sagt es so: "Ganz bewusst" habe man Berlin zu Beginn der Wanderausstellung gewählt, um Strauß als Politiker mit nationalen und internationalem Format würdigen zu wollen.
Sein früherer Chef hält eine persönliche Rede, es ist ein Rückblick auf eine Zeit, als die Bundesrepublik noch übersichtlich schien - und vom Freund-und-Feind-Denken beherrscht war. Strauß war ein Teil davon. "Es gab entweder heiße Zustimmung oder sehr kalte Ablehnung", sagt Stoiber. "Ich persönlich habe ihm sehr viel, wenn nicht gar alles zu verdanken", sagt er und nennt Strauß den "größten politischen Sohn Nachkriegs-Bayerns". Er habe Bayern von einem Agrarstaat in die Moderne geführt und aus dem Land eine "High-Tech-Schmiede" gemacht.
Das ist alles lange her. Politiker wie Hobbyflieger Strauß, der im bitterkalten Dezember 1987 den Cessna-Jet eigenhändig nach Moskau steuerte, um dort als erster bundesdeutscher Spitzenpolitiker vom damaligen KPdSU-Generalsekretär Michael Gorbatschow empfangen zu werden, gibt es nicht mehr. Die Bilder der Reise, die in einem kleinen Film gezeigt werden, wirken wie aus einer sehr fernen Zeit.
Auch die CSU ist heute eine andere Partei - keine, die noch zu wütenden Aufwallungen bei ihren Gegnern führt wie einst unter Strauß. Die CSU wirkt heute oft wie eine unter vielen, weißblau-nett irgendwie. Ihr Nimbus hängt vor allem davon ab, ob sie weiterhin in Bayern allein regieren kann. Am 28. September ist der Lackmustest für Stoibers Nachfolger - für Günther Beckstein als Ministerpräsident und Erwin Huber als Parteichef.
Stoibers Rede klingt manchmal wie eine Mahnung
Stoiber, der bis zu seinem Abgang 2007 vierzehn Jahre lang Ministerpräsident und acht Jahre CSU-Chef war, ist jetzt Ehrenvorsitzender seiner Partei, in Brüssel leitet er eine Arbeitsgruppe zum Abbau von Bürokratie. Mit Bewertungen zur Lage der CSU hält er sich zurück. Auch an diesem Tag. Und doch klingt manches, was er über seinen Ziehvater sagt, als sei es auch an seine Nachfolger gerichtet. Strauß, sagt Stoiber, "hat immer und zu jeder Sekunde strategisch gedacht". Mancher im Saal denkt da an den einen oder anderen Fehler, den das jetzige CSU-Spitzenduo gemacht hat.
Es sind viele Strauß-Bonmots, die Stoiber bringt. Eines lautet: Als Christsozialer müsse man sich gut bewegen können in der "Kaviar-Etage", aber zu Hause "sind wir in der Leberkäs-Etage". Ausführlich schildert Stoiber auch einen Konflikt, den Strauß mit dem CDU-Vorsitzenden und ersten Kanzler Konrad Adenauer 1949 ausfocht, als es um die Anerkennung der CSU gegen die konkurrierende Bayernpartei als bürgerlich-konservative Kraft im Freistaat ging. Strauß habe die CSU als regionale Partei mit bundes- und europäischer Ausstrahlung geformt, sagt Stoiber.
Auch da erinnert sich mancher an die Konflikte, die Stoiber mit Berlin und Angela Merkel austrug. Jetzt suchen auch seine Nachfolger sich gegenüber der großen Schwester zu profilieren - etwa im Konflikt um die Pendlerpauschale. In einer Woche ist CSU-Wahlparteitag in Nürnberg - da will sich die CSU nicht zuletzt auch als selbstbewusste Partnerin der CDU präsentieren.
Beckstein und Huber sind an diesem Freitag nicht in Berlin dabei. Aus terminlichen Gründen, heißt es. Mitte August geht die Wanderausstellung der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung nach München. Beide CSU-Hauptakteure werden am 3. Oktober reden, auf der zentralen Gedenkveranstaltung in Rott am Inn, wo Strauß begraben liegt - fünf Tage nach der Wahl. So pflegt die CSU Nähe und Distanz zum Übervater zugleich.
Das zeigt auch die Ausstellung, die auch nicht jene Kapitel ausspart, die einst den CSU-Politiker für viele zum politischen Gegner machten - unter anderem die SPIEGEL-Affäre von 1962. Es ist ein souveränder Umgang, den die Seidel-Stiftung da mit ihrer Ikone pflegt. Monika Hohlmeier ist es recht. Sie spürt ohnehin ein verstärktes Interesse an ihrem Vater. "Deutlich mehr Menschen sprechen mich an als noch vor fünf bis sieben Jahren", sagt sie zu SPIEGEL ONLINE. Sie führt es auf die "große Verunsicherung" zurück, die es derzeit unter vielen Menschen gebe: "Der Blick auf die großen Nachwuchspolitiker ist ein anderer geworden".
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