Von Franz Walter
Für die post-proletarischen sozialdemokratischen Oligarchien der letzten Jahre galt und gilt Politik zuvörderst als ein hochprofessionelles Geschäft, in welchem örtliche Funktionäre mit ihrem nicht selten trotzigen und inflexiblen Idealismus im Grunde eher störten. Der Abschied von Mitgliedern und Funktionären sollte daher den neu eingekauften Marketingexperten und Werbefachleuten mehr Raum und Möglichkeiten eröffnen. Die alimentierten Spindoctoren coachten ihre sozialdemokratische Kundschaft dann auf eine Weise, die in dieser Welt der Berater und Think Tanks als alternativlos modern und allein effizient firmierte: die Politik personalisierend und stets medial in Szene setzend, die wechselnden Aussagen minikurz und miniknapp auf einige sound bites reduzierend.
Bei alldem hätten Basisaktivisten, denen es immer noch um irgendwelche Inhalte, den konzeptionellen Entwurf, die reflexive, ernsthafte und ausführliche Debatte gegangen wäre, ziemlich lästig im Weg gestanden. Also entledigte man sich in der modernen Partei für "Aufstieg und Gerechtigkeit" des überhängigen Ballasts von Mitgliedern. Dabei hat eine großangelegte Untersuchung über Beteiligung an den Europawahlen vor einiger Zeit eindrucksvoll belegt, dass fest fundamentierte lokale Parteiorganisationen ein entscheidender Faktor dafür sind, den Trend zur immer niedrigeren Wahlbeteiligung aufzuhalten oder gar entgegenzuwirken.
Die neue Mitte braucht keinen Vormund mehr
Überdies: Zentral gesteuerte und an professionelle Experten delegierte Medienkampagnen sind billig nicht zu bekommen. Insofern ist der outgesourcte Auftritt der Sozialdemokraten während der letzten Jahre stetig kapitalintensiver geworden, was zu Lasten der früheren, ehrenamtlich erbrachten Arbeitsintensität der eigenen Mitglieder ging. Dadurch aber etatisierte sich die Partei; sie wurde in ihrem Kapitalbedarf angewiesen auf die staatliche Parteienfinanzierung, vor allem auf die Zuteilung von öffentlich bezahlten Mitarbeitern in Fraktion und Ministerien.
Doch war es das nicht allein, was die Zahl der Mitglieder und die Bedeutung der Basisfunktionäre in der SPD schwächte. Entscheidend hinzu kam der soziale Wandel generell. Die Sozialdemokratie ist im Zuge des Aufstiegs der klassischen Facharbeiterelite wirklich zur Partei der neuen Mitte geworden. Die Zugehörigen dort, oft nun ressourcenstarke Menschen mit akademischen Abschlüssen, brauchen jetzt nicht mehr das Gehäuse der disziplinierten Organisation, sind nicht mehr angewiesen auf den Vormund von Partei- oder Gewerkschaftssekretären. Darin besteht die Zäsur, die auch auf das Parteiensystem gegenwärtig so massiv umschlägt.
Traditionssozialdemokraten werden das alles begreiflicherweise ganz traurig finden. Sie mögen es daher beklagen, bejammern, bedauern. Doch im Grunde kommt dabei lediglich Sentimentalität und Larmoyanz heraus. Alle verzweifelten Bemühungen, wieder große Volkspartei zu werden, jede Anstrengung, Mitgliederscharen – koste es was es wolle - zu akquirieren, sind kaum mehr als ziellose Donquichotterien.
Die Sozialdemokraten sollten sich stärker Gedanken machen, wo ihr Ort in der postindustriellen Gesellschaft und im Vielparteiensystem des 21. Jahrhundert noch liegen könnte – diesseits der final beendeten Ära von weit ausgreifenden Volks- und Mitgliederparteien.
In einer solchen neuen Konstellation vielfacher Heterogenitäten und komplexer Allianzen kommt es mehr denn je auf intelligente und bewegliche Parteizugehörige an, vor allem: auf politische Kunst, taktische Elastizität und strategische Raffinesse. Politik kann dadurch auch wieder interessant werden, reizvoll für Begabungen der Macht. Und trösten mag die Sozialdemokraten vielleicht ebenfalls, dass nicht wenige Sozialwissenschaftler und Historiker darauf aufmerksam gemacht haben, dass an Mitgliedern kleine Organisationen oft effizienter und stringenter agieren als große.
"In kleinen, zentripetal organisierten Gruppen", so etwa der große Soziologe Georg Simmel, "werden im Allgemeinen alle Kräfte aufgeboten und genutzt, während in großen Gruppen Energien oft ungenutzt bleiben."
Im Allgemeinen. Man wird sehen, ob das demnächst auch auf die Sozialdemokraten im Besonderen zutrifft.
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