Von Claus Christian Malzahn
Wiesbaden - Der konservative deutsche Schriftsteller Ernst Jünger hat in seinem 1960 erschienenen Essay "Der Weltstaat" einen starken ersten Satz formuliert. Er lautet: "Die Frage, wo stehen wir heute, fordert zunächst die Gegenfrage heraus: Stehen wir denn überhaupt?"
Damals hatte Roland Koch, einziger Sohn eines konservativen Rechtsanwalts, in einer kleinen Mietwohnung in Frankfurt-Rödelheim gerade das Laufen gelernt. Auch heute müsste der hessische Ministerpräsident Jüngers rhetorische Frage mit einem klaren Nein beantworten. Stehen? Wir fliegen.
Roland Koch - von der Kanzlerin gebeutelt, vom Wähler verlassen, vom Gegner geschmäht - hat gerade vollends den Boden unter den Füßen verloren. Der Hesse wird von einem Kettenkarussell eines Vergnügungsparks im Taunus in die Höhe gehoben, nun treiben ihn Geschwindigkeit und Fliehkräfte in eine stabile Seitenlage. Er lächelt mild und winkt in der Kurve freundlich Mitarbeitern, Journalisten, Passanten und Touristen zu. Der Fahrtwind zupft an Kochs solider Frisur, die - bis auf die inzwischen fast schlohweiße Färbung - seit Kindestagen die gleiche geblieben ist.
Ist das wirklich Roland Koch da oben? Unbeschwert, gut gelaunt? Müsste der nicht finster dreinblicken? Schließlich hat er am 27. Januar seine Mehrheit im hessischen Landtag verloren. Sein bisweilen rabiater Wahlkampf gegen kriminelle junge Ausländer wurde nicht nur von politischen Gegnern, sondern anschließend auch von manchen Parteifreunden attackiert. Um ein Haar hätte ihn jene linke Mehrheit, vor der er im Wahlkampf immer gewarnt hat, im April aus dem Amt gefegt.
Zwischen Horizont und Heimatboden
Koch arbeitet an seinem Comeback, er weiß, die nächsten Monate sind ein kompliziertes Intermezzo. "Jeder Schachzug kann über Sieg oder Niederlage entscheiden", sagt er im Séparée seines dunklen Reisebusses, mit dem er an Wolkenkratzern, Fachwerkhäusern, Bächen und Seen, Kernkraftwerken und Windanlagen vorbei das Bundesland Hessen bereist.
Sein Hessen.
Fast hätte er es verloren. Aber zum Glück gab es da eine Frau Andrea Ypsilanti, die um den Preis des offenen Wortbruchs Ministerpräsidentin werden wollte - und die standhafte Sozialdemokratin Dagmar Metzger, die bei dieser Operation am offenen Herzen der SPD nicht assistieren mochte. Als über die deutsche Sozialdemokratie im Frühjahr die Linkspartei-Debatte hereinbrach, konnte Koch, der sich schon mit dem persönlichen Amtsverlust auf Kosten einer Großen Koalition gedanklich vertraut gemacht hatte, sein Glück kaum fassen: Ausgerechnet die Sozis, mit denen der heute 50-Jährige seit seiner Jugend gerauft hat, richten ihn im Amt wieder auf. Ypsilantis Attacke wurde wegen Fahnenflucht auf St. Nimmerlein vertagt - und Roland Koch blieb Ministerpräsident.
Seitdem hängt in Hessen alles seltsam in der Schwebe. So wie im Kettenkarussell, irgendwo zwischen Horizont und Heimatboden, auf jeden Fall aber mitten im Wahlkampf. Dieser steht unter dem Motto: "Alles Gute für unsere Kinder".
Offiziell handelt es sich bei Kochs laufender Bustour durch Hessen jedoch nur um die "Sommerreise des Landesvorsitzenden der CDU Hessen". Andrea Ypsilanti hat ihre Reise schon hinter sich - sie tingelte im Juni durch Reinigungsfirmen, Postzentren und den Frankfurter Flughafen, immer ganz nah dran an der arbeitenden Bevölkerung. Die ständig wiederkehrende Frage nach der Linkspartei hat sie tapfer weggelächelt, so blendend wie Verona Pooth, wenn es um die Finanzen ihres Gatten geht.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Deutschland | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH