Von Claus Christian Malzahn
Koch kurvt nun durchs Kinder- und Jugendland Hessen. Er streichelt Behinderten in einer Wiesbadener Einrichtung für kranke und behinderte Kinder über den Kopf, er diskutiert mit hochbegabten Jugendlichen "mit Migrationshintergrund" in Frankfurt am Main über Elite-Nachwuchs und Integration. Er rühmt die freiwilligen Leistungen der Jugendfeuerwehr im hessischen Ortenberg - sein Sohn ist übrigens auch so einer. Er düst mit der DLRG Groß-Gerau bei einer Bootsübung über den Rhein, er verteilt in einem Bergtierpark Speiseeis an jubelnde Erstklässler, er erzählt staunenden Jugendlichen von seinem Freund, dem Dalai Lama. Immer begleitet von einem Riesentross von Mitarbeitern, Lokalmatadoren, Reportern. "Sind die etwa alle von der CDU?", fragt ein kleiner, blonder Junge entgeistert, als er Koch zwischen Bergziegen und Kängurus einen Hügel im Tierpark Erlenbach erklimmen sieht.
Natürlich geht es darum, ein paar freundliche Symbolbilder im Sommerloch zu produzieren. Fotos mit Kindern kommen immer gut rüber, das ist mal was Anderes, Menschlicheres als die ewigen Auftritte mit Plastikhelm vor Industriekulisse. Aber es geht noch um mehr. Selbst ein Ereignis in der tiefsten Provinz weiß Koch mit großer Politik zu verbinden. Im Grunde ist seine Sommertour eine politische Butterfahrt für das Prinzip der Subsidiarität - jener von der Union seit jeher hoch gehaltene Grundsatz, nach dem eigene Initiative und Verantwortung vor staatlichem Handeln steht. Die Freiwillige Feuerwehr in Ortenberg ist für ihn "eine riesige Bürgerbewegung, ohne die wir es nicht schaffen würden". Das sehe man ja in Griechenland: "Die haben 8000 Feuerwehrleute, wir in Hessen 200.000." Da staunen die Brandmeister, Löschmeister und Gerätewarte; und in diesem Moment werden sie innerlich alle ein bisschen größer. Von wegen Provinz. In Griechenland brennen regelmäßig die Wälder. In Hessen brennt nix an. Wasser marsch!
Koch läuft sich warm. Der nächste Wahlkampf kommt bestimmt, aber noch ist nicht die Abteilung Attacke dran. Er sitzt in seinem Ministerpräsidentensessel noch immer ganz bequem, sollen ihn die anderen doch erst mal wegbekommen. Jetzt sind die wahren Qualitäten des Alphatieres Koch gefragt: abwarten, auf eine Gelegenheit lauern, losschlagen.
"Wenn einer schon freiwillig den Parteivorsitz abgibt ..."
Was sein niedersächsischer Nachbar da gerade über Macht und Karriere erklärt hat, löst bei einem wie Koch nur Kopfschütteln aus. Auf die Frage, was ihm denn fehlt, hat Christian Wulff nicht etwa geantwortet: Wähler! Verantwortung! Einfluss! Das Kanzleramt! Sondern: "Mir fehlt der unbedingte Wille zur Macht."
So einen Satz würde Koch nicht mal denken. Da hat Wulff seinen hessischen Nachbarn neben Merkel und Müntefering zwar ausdrücklich als Alphatier bezeichnet - man empfindet das in Kochs Umgebung auch nicht als Beleidigung. Aber es ist schon absurd: Im Nachbarland Hannover hockt ein Ministerpräsident mit satter Mehrheit. Und was macht Wulff? Gibt erst den Parteivorsitz ohne Not an den Fraktionschef ab - und dann noch solche Interviews! Wenn man Koch nach solchen Vorgängen fragt, erntet man ein Stirnrunzeln. Die randlose Brille schiebt sich vor Erregung nach oben, die Unterlippe presst er nach vorn. "Tja, wenn einer schon freiwillig den Parteivorsitz abgibt ... " - murmelt Koch zwischen alten Eichen und Platanen. Dann beobachtet er schweigend und voller Bewunderung eine Hochseilartistin, die in 50 Metern Höhe ihre Kunststückchen macht. Man sieht nicht genau, ob sie gesichert ist. Mit der jungen Frau wechselt Koch noch ein paar intime Worte zwischen Alphatier und Akrobatin. Wulff? "Was soll man DAZU denn sagen", meint ein Mitarbeiter achselzuckend. Thema erledigt, Akrobatin agitiert, auf zum nächsten Termin.
Mit grundlosem Machtverzicht kann man in der Politfirma Koch eben nichts anfangen. Genauso gut könnte man einem Marathonläufer vorschlagen, es doch mal zur Abwechslung mit Minigolf zu versuchen. Nein, Koch läuft weiter, das Ziel ist ganz klar: Neuwahlen im Frühjahr. Die Umfragen sind vielversprechend, die Union führt klar vor der SPD, eine schwarz-gelbe Koalition hätte eine Mehrheit. Im vergangenen Wahlkampf hat er seine Herausforderin nicht zu fassen bekommen. Andrea Ypsilanti lächelte sich durchs Land, und jeden, der sie nach einer Zusammenarbeit mit den Linken fragte, sah sie streng und strafend an, als hätte man ihr unterstellt, sie wolle gleich mit der Portokasse durchbrennen.
Noch ist alles möglich - bis zum High Noon
Ob die SPD einen neuen Anlauf gegen Koch im Landtag unternehmen will, entscheidet sich erst am 13. September auf dem Landesparteitag. Dann will Ypsilanti mit dem Landesvorstand entscheiden, ob sie das Risiko einer geheimen Wahl eingeht, obwohl es bei den Grünen und in ihrer eigenen Fraktion eine Reihe von Dissidenten gibt. Die Bundes-SPD wäre nach einem solchen Beschluss in einer katastrophalen Lage - weil ihr die Distanzierung von Lafontaine und Co. ein Jahr vor der nächsten Bundestagswahl niemand mehr glauben würde. Also doch Neuwahlen?
Roland Koch reibt sich schon jetzt die Hände, wenn er an seine nächste Kampagne denkt. Bis dahin muss er abwarten, noch ein bisschen regieren. Dann im Herbst einen Haushalt vorlegen, der, sagen wir mal, umstritten sein wird. Dass die Opposition einen eigenen Haushalt bastelt, ist ausgeschlossen.
Noch ist alles möglich in Hessen. Bis zum Tag der Entscheidung suchen die Kameraleute ihre Symbolbilder. Im Taunus Freizeitpark liegen sie eng beieinander: Da fährt Koch mit einer Kinder-Eisenbahn durch ein Wild-West-Städtchen, tuut-tuut, immer im Kreis, erst vorbei am Haus des Sheriffs - und dann des Bestattungsunternehmers. Bis zum High Noon hat Roland Koch noch etwas Zeit.
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