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Grüne und Atomenergie Wer querdenkt, wird abgekanzelt

2. Teil: Die Reinheit der Lehre gegen das böse Ketzertum

Diese Praxis steht in einer unheiligen Tradition, die die Geschichte dieser Partei mehr noch durchzieht als die Geschichte ihrer politischen Konkurrenten. In fast allen Grundsatzkonflikten der Grünen seit den frühen achtziger Jahren ist es geradezu die Regel gewesen, nicht nur über verschiedene Auffassungen zu streiten, sondern immer auch mit moralischen Kategorien der Verwerfung, nicht selten auch mit offener Diffamierung zu operieren.

Immer wieder wimmelte es nur so von Verrätern: Erst waren es die Realos, die für ein Linsengericht der Machtbeteiligung die im Besitz der Amtskirche befindlichen Grundwerte verrieten. Als sie das dann erfolgreich getan hatten, griffen alsbald auch die gern nach den Pfründen, die eben noch ins Verratsgeschrei eingestimmt hatten. War man eben noch als "durchgeknallt" eingestuft worden, weil man die "ökologische Reform des Kapitalismus" gefordert hatte, war das dann plötzlich allgemeiner Konsens. Dann kam der Pazifismusstreit – und wieder stand Licht gegen Finsternis, die Reinheit der Lehre gegen das böse Ketzertum.

Erst werden die Ketzer verbannt, dann wird fleißig gesündigt

Am Ende aber stand dasselbe Ergebnis: Als es ans Regieren ging, waren auch die überzeugungsstarken Pazifisten von gestern alsbald bereit, sich mit den außenpolitischen Realitäten zu arrangieren und galten die Kollateralschäden bei der Bombardierung serbischer Großstädte als hinzunehmende Übel. Und so weiter und so weiter.

Immer dasselbe Grundmuster: Erst werden die Ketzer verbrannt und hinterher wird fleißig gesündigt. Erstaunlich eigentlich, wie gut die Grünen damit immer wieder durchkommen.

Wer wie ich als ehemaliger Parteipolitiker so oft bei den Ketzern war und sich zurückerinnert, wird es jedenfalls erstaunlich finden müssen, wie viele immer wieder so rasch und so leicht ihren Frieden mit dem machen konnten, was eben noch mit der großen Pose des moralischen Verdammungsurteils in den Senkel gestellt worden war. Aber vielleicht ist der Verrat wirklich nur "eine Frage des Zeitpunkts", wie Talleyrand das schon vor mehr als 200 Jahren genannt hat.

Dabei soll nicht bestritten werden, dass alle Parteien etwas von Glaubensgemeinschaften haben. Auch die Gesinnungsethik gehört zum Wesen des Politischen und aus dem Aushalten der Spannung zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik erwächst erst der "Beruf zur Politik", wie Max Weber das vor neunzig Jahren unübertreffbar festgestellt hat. Aber diese Art des "postmodernen" Changierens zwischen moralischer Selbstgewissheit und ganz gewöhnlichem Machtpragmatismus ist schon eine besondere Eigenart der deutschen Grünen. Darin sind sie nicht zu übertreffen. Sympathisch freilich wird man das nicht finden müssen.

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