München - Gerade erst feierte ihn noch die Kanzlerin. "Ein Mann, ohne den ich hier heute nicht stehen würde, ohne den die Mauer nicht gefallen wäre", so erinnerte sich Angela Merkel auf dem CSU-Parteitag an Franz Josef Strauß. Von "Hochachtung" sprach sie, und davon, dass sie in seinem Geiste Verantwortung in der Bundesregierung übernommen habe.
FJS - in seinem 20. Todesjahr der Held der Union. Die Christsozialen jubelten selig.
Doch nun ist Strauß plötzlich der Bösewicht.
Denn der Berliner Ableger des berühmten Wachsfigurenkabinetts von Madame Tussauds in London hat FJS auf einer Bildcollage abgedruckt - unter dem Titel: "Helden und Bösewichte". Und FJS scheint gemeinsam mit DDR-Spion Günter Guillaume klar zur Kategorie der Letzteren gerechnet zu werden. Als Helden dagegen sind Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg und der im Ersten Weltkrieg als "Roter Baron" betitelte Jagdflieger Manfred von Richthofen verbucht.
Im erklärenden Strauß-Text unter der Überschrift "Politischer Skandal" wird auf die SPIEGEL-Affäre verwiesen, die der CSU-Politiker 1962 als Verteidigungsminister auslöste: "Strauß veranlasste, den Verleger Rudolf Augstein zu verhaften. Dieser wurde daraufhin 103 Tage lang gefangen gehalten. Strauß stritt zunächst jegliche Verantwortung ab, musste aber in einer Befragung vor dem Bundestag unter Druck zugeben, dass er gelogen hatte. Daraufhin trat er zurück."
Strauß, der Bösewicht. Oder nicht? Die Berliner Tussauds-Sprecherin Natalie Ruoß jedenfalls will das so nicht verstanden wissen: "Ob Held oder Bösewicht, das ist Interpretationssache des Besuchers." Es gebe von Seiten der Ausstellungsmacher "keine Einordnung", so Ruoß. Man habe auch nicht das Leben von Strauß in Gänze darstellen wollen, vielmehr gehe es um die SPIEGEL-Affäre.
In Bayern sieht man das weniger entspannt. CSU und Strauß-Familie sind stinksauer auf die britischen Wachsprofis. "Das ist eine Sauerei!", poltert Parteichef Erwin Huber via Münchner "Abendzeitung". Wer so "standhaft" für die deutsche Einheit gekämpft habe, "kann nur zu den Helden gehören". FJS-Sohn Max Strauß ließ sich zitieren mit den Worten: "Die haben doch einen Knall." Und Bruder Franz Georg kündigt an: "Wir werden dagegen vorgehen." Man könne nicht einen "Wicht" wie Guillaume mit seinem Vater vergleichen: Dies entspräche einem "Vergleich zwischen einem Häufchen Hundedreck und der Zugspitze".
"Steinmeier muss in London vorstellig werden"
Bayerns Europaminister Markus Söder (CSU) fordert gar diplomatische Konsequenzen, Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) soll ran: "Er muss in London vorstellig werden, ein solches Vorgehen belastet die bayerisch-englischen Beziehungen." Söder, der nach eigenem Bekunden als Jugendlicher ein "riesiges Poster" von FJS im Schlafzimmer hängen hatte, zeigt sich empört: "Es ist ein großer Skandal. Es ist der Versuch, mit einer Ausstellung zu provozieren."
Den britischen Historikern bei Madame Tussauds empfiehlt er einen Besuch in der FJS-Ausstellung der bayerischen Vertretung in Berlin: "Da können sie lernen, die Bedeutung von Franz Josef Strauß richtig einzuschätzen", so Söder zu SPIEGEL ONLINE.
Vor zwei Wochen hatte er die Wanderausstellung zu Strauß' 20. Todestag in Berlin eröffnet. Der CSU-Ehrenvorsitzende Edmund Stoiber hielt damals die Laudatio: "Es gab entweder heiße Zustimmung oder sehr kalte Ablehnung", erinnerte er sich an Strauß. Tussauds-Sprecherin Ruoß nimmt Söders Tip zur Kenntnis, hat aber von dessen Ausstellung "noch nichts gehört".
CSU-Generalsekretärin Christine Haderthauer bescheinigt den Tussauds-Historikern "massiven Nachholbedarf". Deshalb werde sie ihnen "zur Aufhellung ihres Geschichtsbildes die Erinnerungen von Franz Josef Strauß zukommen lassen". Spätestens nach deren Lektüre "werden sie einsehen, dass es für Strauß nur einen richtigen Platz gibt: den bei den Helden", so Haderthauer zu SPIEGEL ONLINE.
Unterdessen will Bayerns CSU-Fraktionschef Georg Schmid Veränderungen sehen: "Ich erwarte, dass die Ausstellung überarbeitet wird." Bei Tussauds in Berlin denke man bisher nicht darüber nach, sagt Sprecherin Ruoß. Es habe sich ja noch niemand "persönlich gemeldet".
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