Von Ferda Ataman
Berlin - Kurz nachdem Kellnerin Tina, 48, am Mittwochmittag die Kreuzberger Eckkneipe "Turandot" aufschloss, klingelte das Telefon. "Tina, häng das Schild an die Tür, alles wird wieder gut", sagte der Anrufer freudig - es war der Chef, der sich aus dem Urlaub in Frankreich meldete. Die kurzhaarige blonde Angestellte brachte daraufhin am Eingang des Lokals einen mit Edding bemalten Zettel an: "Raucher - Zutritt ab 18 Jahren". Lächelnd zündet sich Tina hinter der alten Holztheke eine Kippe an. "Heut gibt’s nur strahlende Gesichter". Das Rauchverbot sei für sie und die Stammgäste "ein echtes Drama" gewesen.
Nicht nur im "Turandot", auch in vielen anderen Kreuzberger Kneipen haben die Angestellten zur Feier des Tages Aschenbecher auf jeden Tisch im Innenraum gestellt. Die kleinen Lokale der großen Gastronomie-Szene in Berlin feiern auf diese Weise still und heimlich das Urteil aus Karlsruhe. Sie hatten schon darauf gewartet.
Nun ist es amtlich: In Berlin und Baden-Württemberg ist das Rauchverbot in Einraumkneipen nicht mehr gültig - das oberste deutsche Gericht verlangt Nachbesserungen bei den Anti-Rauch-Gesetzen. Wenn Ausnahmen für größere Kneipen zugelassen würden, müssten sich auch Einraumkneipen als Raucherlokale kennzeichnen dürfen. Alles andere sei unfair.
Kurz nach dem Anruf des Chefs klingelte das Telefon im "Turandot" ein zweites Mal: "Macht euch keine Sorgen, ich habe mir euren Grundriss angeschaut - wenn man das Klo abzieht, habt ihr weniger als 75 Quadratmeter", sagte der Handwerker, der die Reparaturen in der Gaststätte erledigt. Er gratulierte. "Der weiß eben, wie wichtig uns das ist", sagt Tina.
Das Urteil besagt nämlich, dass eine Übergangsregelung bis spätestens Ende 2009 gilt - solange haben die Länder Zeit, eine Neufassung der Gesetze aufzulegen. Bis dahin können sich Einraumkneipen unter 75 Quadratmetern als Raucheretablissements deklarieren. Der Eintritt für Jugendliche unter 18 Jahren muss allerdings untersagt werden, und es darf auch kein selbst zubereitetes Essen angeboten werden.
"Bei uns gibt’s eh nur Kuchen", sagt Tina, "aber auch nur anstandshalber". Den esse auch niemand. Das "Turandot" ist seit 18 Jahren eine Bierbastion in der Bergmannstraße. Zwischen Sushibars und Szenecafes liegt es mitten im immer schicker werdenden Kreuzberg 61, wo Biomärkte das Viertel dominieren. Die Schänke hat den Charme des früheren Anarchostadtteils, mit viel Holz, Patina und Bücherregalen an der Wand. Wer hier eintritt, verlangt in der Regel ein Bier und sucht den Aschenbecher. "Unsere Stammgäste bestehen zu 95 Prozent aus Rauchern", sagt Tina.
Gab es denn finanzielle Einbußen in letzter Zeit? Tina lacht, "eigentlich nicht" - nach Einführung des Verbots Anfang des Jahres sei dem "Turandot" sogar regelmäßig das Bier ausgegangen. Der Inhaber hatte die Übergangsfrist ausgenutzt, solange es ging: Während andere Kneipen in der Bergmannstraße ihre Raucher bei Minusgraden vor die Tür setzten, bot das "Turandot" ihnen Asyl. Doch der Pafftourismus habe am Ende sogar den Stammgästen die Luft zum Atmen geraubt.
Seit Juli musste auch das "Turandot" seinen Kunden verbieten zu rauchen - die Bergmannstraße ist zu belebt, als das man heimlich hätte weiter machen können. Die Stammgäste wollten jedoch nachts partout nicht reinkommen, wenn sie nicht rauchen dürfen. Die Beschwerden der Nachbarn wegen Lärmbelästigung nahmen schon überhand. "Was für ein Glück für uns", sagt Tina, zum rettenden Verfassungsurteil. Eine junge Frau an der Bar raucht und nickt.
Als im Winter die Teerwolken im "Turandot" zu dick wurden, weil immer mehr Gäste aus den umliegenden Bars rüber kamen, flüchtete sich der eine oder andere Stammgast auf ein atemfreies Bier ins "Atlantis", hundert Meter weiter. Hier gab es bereits einen rauchfreien Raum, zwei Jahre bevor Gesetze den Rauchern Vorgaben machten. Ab Januar diesen Jahres musste dann jeder Raucher im "Atlantis" vor die Tür, zumindest für die Länge einer Zigarette. Umsatzeinbußen? "Die gab es auf jeden Fall", sagt Barbara Lemke, 45, eine langjährige Angestellte.
Ihre Kollegin Gina Wiesweg, 21, hatte öfter Nachtschichten und erinnert sich: Am Anfang gab es viel Gemurre, und wochenlang war es das Thema Nummer eins unter den Gästen - "doch schließlich haben sich die Leute daran gewöhnt, rauszugehen." Beide Frauen - Raucherinnen - finden es gut, dass ihr Arbeitsplatz nicht mehr zugequalmt wird. Den kleinen Kneipen gönnen sie den Erfolg, doch das Verbot möchten sie grundsätzlich behalten.
In einer 113 Jahre alten Pinte in der Fidicinstraße, 300 Meter weiter, riecht es nach kaltem Rauch. Die betagte Inhaberin der Rebellenkneipe, Frau Jäger genannt, nickt langsam, als sie auf das Verfassungsgerichtsurteil angesprochen wird. Im Grunde ändert es für sie wenig - denn hier wurde natürlich weiter geschmaucht.
Kein Verbot? Die Wirtin zuckt die Achseln. Den Gästen den Nikotingenuss verbieten komme überhaupt nicht in Frage. "Ick hab hier 80 Prozent Raucher", sagt die 65-Jährige, "dit wäre mein Ruin". Auch wenn sie von der Entscheidung der Karlsruher Richter direkt betroffen ist, in Jubel verfällt sie nicht. "Ist schon gut, dass die uns den Rücken stärken", sagt Frau Jäger. In ihrer beschaulichen Gaststätte hängen bestickte Gardinen an den Fenstern, kleine Blumentöpfe sind über die Holztische verteilt. Ein Wodka kostet 1,10 Euro. "Jetzt ist das Rauchen halt wieder legal."
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Deutschland | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH