Von Alexander Szandar
Berlin - Wenn es um die medizinische Betreuung seiner Truppe geht, spricht Franz Josef Jung (CDU) in der Öffentlichkeit gern große Worte. Den Soldaten daheim und bei riskanten Einsätzen im Ausland "bestmögliche sanitätsdienstliche Versorgung" zu sichern, erklärt der Verteidigungsminister, sei "Ausdruck der Verantwortung, die Gesellschaft und Politik gegenüber der Bundeswehr haben". Die deutsche Militärmedizin zähle zur "internationalen Spitzenklasse", verkündete Jung immer wieder. Egal, ob ein Lazarett in Berlin, Koblenz, Masar-i-Scharif oder Prizren steht: Der Standard sei "weltweit führend".
Lazarettflugzeug der Bundeswehr: Selbst Augenärzte werden zur Begleitung gefährlicher Missionen abkommandiert
Dabei dürfte in Jungs Büro eigentlich kein Mangel an Erkenntnis herrschen. Schon seit geraumer Zeit mehren sich Nachrichten über Missstände in heimischen Hospitälern und bei den Einsätzen zwischen Balkan und Hindukusch. "Große Sorge" um den Sanitätsdienst äußerte etwa der Wehrbeauftragte des Bundestags, der Sozialdemokrat Reinhold Robbe. "Der Bundeswehr laufen die Ärzte weg", schlug der Deutsche Bundeswehr-Verband, die Gewerkschaft der Soldaten, Alarm. "Problematische Engpässe" bei Medizinern und Sanitätern rügten Abgeordnete des Verteidigungsausschusses wie Petra Hess (SPD) und Elke Hoff (FDP). Und Militärärzte warnten in Brandbriefen an den Minister, wegen akuten Fachkräftemangels drohe ein "Zusammenbruch des Systems".
Die Ärzte beklagen häufige Auslandseinsätze, miserable Arbeitsbedingungen in der Heimat und schlechte Personalplanung. Im Ausland fehlen demnach qualifizierte und erfahrene Rettungsärzte und -sanitäter. Selbst Augenärzte oder Nuklearmediziner wurden zur Begleitung gefährlicher Patrouillen abkommandiert, obwohl sie praktisch keine Erfahrung mit Rettungsmedizin oder Notoperationen hatten. Daheim leidet die Ausbildung von Nachwuchsärzten, weil aus Personalmangel Operationssäle stillgelegt und Pflegestationen zusammengelegt oder verkleinert werden.
Die sogenannte Transformation, die Ausrichtung der Bundeswehr auf Auslandsmissionen, bringt zusätzliche Probleme. So soll der Sanitätsdienst gemäß Vorgabe des Ministeriums statt rund 6000 künftig nur noch 2650 Zivilisten beschäftigen - und hat sich bereits von vielen zivilen Mitarbeitern getrennt. Die Hilfskräfte sollten durch Soldaten ersetzt werden. Die allerdings wurden nicht rechtzeitig ausgebildet. Nun herrscht Notstand in den Lazaretten. Es fehlt Pflege- und sogar Reinigungspersonal: Bisweilen müssen OP-Assistenten, die bei Eingriffen die Ärzte unterstützen sollen, erst einmal den Operationssaal schrubben. Wenn es eilt, helfen sogar Ärzte beim OP-Putz aus.
Viele Krankenhausärzte schieben einen Berg von mehr als 1000 Überstunden vor sich her. "Ich könnte ein ganzes Jahr in Urlaub gehen", sagt der Oberfeldarzt Wolfgang Petersen vom Bundeswehrkrankenhaus in Koblenz. Er hat sich als Sprecher des Vereins "Forum Sanitätsoffiziere" bei Sanitäterchef Nakath unbeliebt gemacht, weil er seit Jahren vor einer "gefährlichen Abwärtsspirale" warnt: Patienten könnten nicht mehr befriedigend versorgt, Nachwuchschirurgen nicht mehr ausgebildet werden, "weil wir nicht mehr genügend Operationen durchführen können".
Die Personallage in den Krankenhäusern sei prekär, so ein Arzt in einem Schreiben an den Minister. Im Sanitätsdienst grassiere Demotivation wie eine Seuche, heißt es in einem internen Vermerk, der im zuständigen Führungskommando kursiert. Viele Mediziner, die sich als Zeitsoldaten in der Regel auf 17 Jahre verpflichten, wollen ihre Dienstzeit nicht verlängern, geschweige denn Berufsoffizier werden.
Jüngere Ärzte nehmen in Kauf, dass sie der Bundeswehr mehr als 100.000 Euro Ausbildungskosten erstatten müssen: Karrierechancen, Bezahlung und Arbeitsbedingungen in zivilen Hospitälern sind besser als beim Militär, zudem fallen die gefährlichen Auslandseinsätze weg. Selbst altgediente Mediziner lassen sich mit Vergünstigungen wie Dienstwohnung und Dienstwagen vom sicheren Arbeitsplatz bei der Armee zu Krankenhauskonzernen locken. Allein seit dem Sommer vergangenen Jahres haben um die 40 Bundeswehrärzte vorzeitig den Dienst quittiert.
Da viele der insgesamt rund 2400 Militärmediziner nur in Stäben arbeiten oder für Auslandseinsätze offiziell untauglich sind, hält der Wehrbeauftragte Robbe diese Abwanderung für "durchaus beachtlich". Die "Rahmenbedingungen und die Attraktivität" des Dienstes bei den Sanitätern müssten dringend verbessert werden. So sieht das auch die Oppositionspolitikerin Elke Hoff. Doch während Sozialdemokrat Robbe in erster Linie an Prämien und bessere Bezahlung denkt, zielt die Liberale auf personelle Konsequenzen an der Spitze. Statt "tatenlos zuzusehen, wie die Ärzte weglaufen", so Hoff, solle Jung sich lieber "nachhaltig Gedanken machen, ob im Sanitätsdienst die richtigen Leute an der richtigen Stelle sitzen".
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Sie schreiben es! Die verdienen grottenschlecht und müssen für die Politiker, die sie bewachen und beschützen sollen, den Kopf hinhalten. mehr...
Was verdienen sie denn? mehr...
Futterneidisch? Wenn DAS Ihr Hauptproblem ist. Dann legen Sie sich mal wieder hin... mehr...
Ist das so sicher, daß diese Nebentätigkeiten der Polizisten und Soldaten "heimlich", also ohne Wissen übergeordneter Dienststellen (BND, MAD, Innen- und Außenministerium,...) stattgefunden haben ? Die unmittelbaren [...] mehr...
Wenn Sie sich da mal nicht täuschen. Vielleicht hat´s nur so ausgesehen? mehr...
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