Von Philipp Wittrock
Berlin - Udo Voigt redete sich seine braune Welt schön. "Die Zerreißprobe hat nicht stattgefunden", rief er in die Bamberger Kongresshalle, Richtungsstreit, Machtkampf, alles eine Erfindung der "Medienmafia". Die Leute im Saal applaudierten, artig, aber wenig euphorisch. Der "Parteitag der inneren Geschlossenheit" war zu Ende.
Es war der 25. Mai, die Delegierten der rechtsextremen NPD hatten ihren Chef gerade mit knapp über 90 Prozent im Amt bestätigt. Doch der Vorsitzende dürfte selbst nicht recht an seine weichgespülte Parteitagsbilanz geglaubt haben. Führungsdiskussionen im Vorfeld, der erschütternde Untersuchungsbericht über seinen langjährigen Schatzmeister und Freund Erwin Kemna, Zoff auf der Bühne, Kritik am frisch gewählten Vorstand - die NPD zeigte sich in Oberfranken zerstritten wie noch nie, seit Voigt das Zepter schwingt.
Drei Monate später sind die Flügelkämpfe offen ausgebrochen. Voigt steht unter Beschuss: von Möchtegernführer Udo Pastörs, von Parteivize Jürgen Rieger, aus der Neonazi-Szene. Die oft beschworene "Volksfront von rechts" bröckelt, Erfolge bei den bevorstehenden Wahlen sind in weite Ferne gerückt. Verfassungsschutzkreise bescheinigen den Rechtsextremen eine "prekäre Konfliktsituation".
Streit über das Hakenkreuz
Die NPD kämpft mit sich selbst - und das gleich auf mehreren Schlachtfeldern. Heftiger Streit entzündet sich ausgerechnet an einem Hakenkreuz: Auf der Beerdigung von Altnazi Friedhelm Busse in Passau am Samstag vor zwei Wochen schaute Voigt erst wortlos zu, wie Aktivist Thomas Wulff eine Reichskriegsflagge mit Hakenkreuz auf den Sarg des einstigen Chefs der verbotenen Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP) legte.
Fünf Tage später - die Staatsanwaltschaft hatte die Fahne inzwischen aus dem Grab holen lassen - distanzierte sich das NPD-Präsidium plötzlich. Der Einsatz für Deutschland bedürfe "keiner Symbolik von gestern". Wulff wurde gerügt, weil er versucht habe, "das letzte Geleit für Busse für eine politische Selbstinszenierung zu instrumentalisieren".
"Scheinheilig", schrie die Neonazi-Szene im Internet, ein "untauglicher Versuch sich von allen Vorwürfen reinzuwaschen". Wulff, in der Partei ein Bindeglied zu den sogenannten Freien Kräften, habe nur den letzten Willen Busses erfüllt. "Wir können solch billige und herabwürdigende Angriffe auf die Freien Kräfte nicht hinnehmen", wüteten die Autoren der Erklärung und drohten offen mit dem Bruch.
Rieger contra Voigt
Den Konter gegen Voigt unterstützten nicht nur freie Rechtsextremisten, auch NPD-Funktionäre waren dabei. Und schlimmer noch für Voigt: Kurz darauf landete in der Berliner Parteizentrale angeblich ein persönlicher Brief an den "lieben Udo" - Absender: Voigts Vize Jürgen Rieger.
Der schlägt sich darin auf die Seite der Neonazis, missbilligt die Erklärung seiner Führungskameraden "schärfstens", wirft ihnen "parteischädigende Maßnahmen" vor, weil man den Freien Kräften vor den Kopf stoße. Sollten sich im Präsidium jene durchsetzen, die "dem System gegenüber Rücksicht walten" lassen wollen, wettert Rieger weiter, "dann wird die NPD genauso wie die Republikaner im Orkus der Geschichte verschwinden".
Die Zeilen sind nicht gerade Ausdruck von Dankbarkeit: Dabei hatte Voigt beim Parteitag offen für die Wahl des Hamburger Neonazi-Anwalts in den engsten Führungszirkel geworben - möglicherweise aus dem Kalkül, einen der wenigen finanzstarken Gönner der klammen NPD zu binden. Nun stellt Rieger Voigt in Frage. "Die ideologischen und strategischen Divergenzen im Hinblick auf das Verhältnis zu den sogenannten freien Kräften belasten die Stabilität der Partei beträchtlich", analysieren Verfassungsschutzkreise den Zustand der NPD.
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