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04.09.2008
 

Kanzlerin im Bayern-Einsatz

Merkel lästert über Ypsilanti

Aus Neu-Ulm berichtet Sebastian Fischer

Der erste Wahlkampfauftritt der Kanzlerin in Bayern: Angela Merkel umschmeichelt die CSU und attackiert fernab von Berliner Zwängen den Koalitionspartner SPD. Die umstrittene Pendlerpauschale klammert sie aus - bis CSU-Generalsekretärin Haderthauer auftritt.

Die Kanzlerin setzt auf Kontinuität: Angela Merkel macht im Wahlkampf genau da weiter, wo sie vor zwei Monaten auf dem CSU-Parteitag in Nürnberg aufgehört hat. Sie lobt die kleine Schwesterpartei und das "Erfolgsmodell Bayern". Doch während die Kanzlerin die CSU-Basis im Juli niederlobte, um ihr zugleich in Sachen Rückkehr zur alten Pendlerpauschale keinen Millimeter entgegen zu kommen, so lobt sie die CSU nun im weiß-blauen Wahlkampf hoch.

Wahlkämpferin Merkel: "Keine Experimente"
DPA

Wahlkämpferin Merkel: "Keine Experimente"

Es ist ihr erster Auftritt. Drei Wochen vor der Entscheidung. Ein halbes Dutzend Termine im ganzen Freistaat sollen folgen. Denn es geht auch für Angela Merkel um viel. Verlöre die CSU am 28. September ihre absolute Mehrheit und regierte fortan in einer Koalition, so müsste Merkel mit einer instabilen Partnerin in die Bundestagswahl 2009 ziehen. Mindestens ein Fünftel der Unionsstimmen kamen bisher alle vier Jahre aus Bayern – darauf ist Merkel angewiesen.

"CSU und Bayern, das ist eine Gemeinschaft", ruft Merkel so den etwa 2000 Zuhörern auf dem Gelände der Landesgartenschau in Neu-Ulm entgegen. Immer wieder vergleicht sie ihre Heimat mit dem Freistaat: "Bei Ihnen ist das Thema Arbeitslosigkeit nicht so drängend wie bei mir in Mecklenburg-Vorpommern." Sie erkenne "neidlos an: Bayern ist unglaublich stark". Der Freistaat sei "Zukunftsland".

"Liebe Gäste aus Ulm ..." begrüßt Merkel die Neu-Ulmer

Das gefällt den Zuhörern. Zumindest so lange, bis Merkel auf ihre Stadt zu sprechen kommt. Die Polit-Gäste an diesem Abend in Neu-Ulm begrüßt sie mit: "Liebe Gäste aus Ulm ..." Das Publikum ruft "Hey!". Es ist die alte Rivalität zwischen den beiden Städten, die nur die Donau trennt - und die Landesgrenze zwischen Baden-Württemberg und Bayern. Merkel fängt sich: "Naja, vielleicht ist ja auch jemand aus Ulm da, das können wir ja nicht ausschließen, oder?" Applaus als Antwort.

Merkel macht dann weiter mit den Komplimenten. Der Bund müsse "erstmal dahin kommen, wo Bayern heute schon ist", sagt sie. Auch diese Formulierung hatte sie schon exakt so auf dem Parteitag eingesetzt. Und wie in Nürnberg kommt sie damit natürlich auch in Neu-Ulm an. "Bravo", rufen die Zuhörer.

Sogar ein Lob für den alten Rivalen Edmund Stoiber ist drin. Der Ex-CSU-Chef mache beim Bürokratieabbau in Brüssel einen wichtigen Job – während die Sozialdemokraten "immer Angst haben vor Bürokratieabbau". Der aktuelle CSU-Vorsitzende darf da natürlich nicht zurückstehen. "Insbesondere durch den Druck von Erwin Huber" habe die Union zuletzt die Senkung der Lohnzusatzkosten gegen die SPD erreichen können.

Bundespolitische Schmeicheleien für Huber, dem sie selbst in der eigenen Partei mangelnde Durchschlagskraft in Berlin bescheinigen.

"SPD tut sich immer wieder mit den Linken zusammen"

Merkel hält eine biedere Rede. Nichts, was den Christsozialen aufstoßen könnte. Nichts zum von ihr modernisierten Familienbild der Union. Zwar fällt der auf CSU-Veranstaltungen nicht wirklich beliebte Name der CDU-Familienministerin Ursula von der Leyen – allerdings nicht im Zusammenhang mit dem Krippenausbau. Nein, Merkel spricht über deren "wunderbares Projekt der Mehrgenerationenhäuser".

Zum schwarz-schwarzen Streitobjekt Pendlerpauschale sagt sie – natürlich auch nichts.

Allein in Sachen Rot-Rot langt Merkel – fernab des Berliner Koalitionsbetriebs – kräftig hin. Man dürfe der SPD "nichts glauben". Die Kanzlerin knöpft sich Hessens SPD-Chefin vor: "Frau Ypsilanti sagt, sie habe vor der Wahl drei Versprechen gegeben, da könne sie nicht alle halten" - das sei unerhört, findet Merkel. Die SPD tue sich "leider immer wieder mit den Linken, den Populisten zusammen". Die Bayern dürften sich deshalb auf "keine Experimente" einlassen, bemüht sie ein altes Adenauer-Bonmot.

Frau Haderthauer hat noch ein Anliegen

CSU-Generalsekretärin Christine Haderthauer und CSU-Vize Beate Merk, die an diesem Abend mit Merkel auf der Bühne das weibliche Dreigestirn der Union bilden, zeigen sich dankbar: "Es tut gut, mit Ihnen Seite an Seite zu kämpfen, mit einer starken, großartigen Frau", sagt Merk.

Haderthauer legt noch einen drauf: "Dass in Berlin noch regiert werden kann, das liegt allein an unserer Bundeskanzlerin, die den Job von Kurt Beck noch mitmacht und der SPD sagt, wo es lang geht." Was Merkel ohne die SPD, mit schwarzer Mehrheit erreichen könnte, "das sieht man in Bayern", ruft Haderthauer.

Merkel nickt sehr ernst.

Aber dann hat die CSU-Generalsekretärin noch ein Anliegen. Genau. Die Pendlerpauschale.

"Erwin Huber hat ein Steuerkonzept vorgelegt - und dazu gehört für uns die Wiedereinführung der alten Pendlerpauschale", sagt Haderthauer: "Auch wenn es dazu andere Stimmen gibt ..."

Angela Merkel grinst jetzt sehr breit.

"Wir bleiben dran", verspricht Christine Haderthauer.

Später, beim Schlussapplaus, steht Haderthauer neben Merkel. Das mit der Pendlerpauschale habe sie jetzt schon noch sagen wollen, kann man der Generalsekretärin an den Lippen ablesen. Merkel grinst wieder: Ach, das mache doch gar nichts.

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