SPIEGEL ONLINE: Herr Minister, die SPD fordert in ihrem neuen Bildungskonzept die Abschaffung der Hauptschule. Sind Sie dabei?
Schneider: Natürlich nicht! Die CSU setzt auf die Hauptschule. Bei uns in Bayern werden die Schüler mit dieser Schulform bestmöglich gefördert. Aber SPD-regierte Länder wie Rheinland-Pfalz haben jahrelang die Hauptschule schlechtgeredet. Jetzt haben sie zwar einerseits Krokodilstränen in den Augen, wollen aber andererseits diese Schulform abschaffen. Das ist doch unglaubwürdig.
SPIEGEL ONLINE: Sie halten die letzte Trutzburg des dreigliedrigen Schulsystems in Deutschland, die Hauptschule gilt in der ganzen Republik als "Restschule", selbst ihr alter Verbündeter Baden-Württemberg will einen Modellversuch starten, in dem junge Haupt- und Realschüler zusammen unterrichtet werden.
Schneider: Baden-Württemberg hält genauso wie wir an der Hauptschule fest. Die Schüler unserer beider Länder - auch an der Hauptschule - liegen in der Leistungsfähigkeit bei allen Untersuchungen vorne. Wir haben diese Schulart nicht durch Schlechtreden nach unten gefahren. In Bayern geht ein Drittel eines Jahrgangs auf die Hauptschule. Über 20 Prozent machen dort die Mittlere Reife, haben dann die Möglichkeit zum Fachabitur. Unsere Hauptschulen sind besser als die Gesamtschulen anderer Bundesländer.
SPIEGEL ONLINE: In der Großstadt München haben zuletzt knapp ein Fünftel der Hauptschüler die Schule ohne Abschluss verlassen, sie haben kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt.
Schneider: Es bringt wenig, aufgrund einer schwierigen Momentaufnahme im vergangenen Jahr und für die Großstadt München das Türschild einer Schule auszuwechseln und Haupt- und Realschüler in eine Klasse zu schicken. Ein Vergleich mit den anderen Ländern zeigt: Wir haben mit Abstand die geringste Jugendarbeitslosigkeit, weil wir gut ausgebildete Schüler aus den Hauptschulen entlassen. Und wir haben durch mehr individuelle Förderung die Zahl der Schüler, die die Schule ohne Abschluss verlassen, bayernweit auf nur mehr sieben Prozent absenken können.
SPIEGEL ONLINE: Der bayerische Städtetagspräsident und CSU-Politiker Hans Schaidinger wirft Ihnen Ideologie vor: Sie könnten gar nicht alle Hauptschulen in Bayern erhalten.
Schneider: Es geht doch nicht darum, jede bestehende Hauptschule zu erhalten. Das kann ich nicht, denn die Schülerzahlen gehen zurück. Aber wir werden die Hauptschulen weiterentwickeln zu einer berufsorientierten Schule und den Ausbau von Ganztagsklassen vorantreiben. Jeder Schüler soll künftig an der Hauptschule die Ausbildungsreife erreichen, und mehr als bisher sollen dort auch den Mittleren Bildungsabschluss erwerben.
SPIEGEL ONLINE: Bundeskanzlerin Merkel bezeichnet Bildung als "nationale Aufgabe", für Oktober hat sie zum "Bildungsgipfel" gerufen. Wildert sie da nicht auf Ihrem Zuständigkeitsgebiet?
Schneider: Nein, es gibt ja Bereiche, wie die Weiterbildung - da ist der Bund allein zuständig - oder den vorschulischen Bereich, wo wir gemeinsam zuständig sind. Da kann der Bund sich gern einbringen.
SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?
Schneider: Wir müssen zum Beispiel gemeinsam daran arbeiten, die Zahl der Absolventen an Hauptschulen ohne Abschluss massiv zu reduzieren. Jeder muss einen Ausbildungsplatz finden. Da kann der Bund helfen. Und es beginnt schon bei der Sprachförderung in der Vorschule: Kein Kind darf eingeschult werden, das nicht ausreichend deutsch sprechen kann. Das sollten wir bundesweit einheitlich regeln. Zudem fordern wir kostenfreies Mittagessen für Kinder aus sozial schwachen Familien.
SPIEGEL ONLINE: Die SPD will Bundes-Geld in die Hand nehmen, um die Kita-Betreuung schrittweise beitragsfrei zu stellen. Was will die Union?
Schneider: Ich will erst einmal festhalten, dass wir in Bayern da eine Stadt haben, die nicht genügend Betreuungsplätze bietet: das rot-grün regierte München. Uns geht es jetzt darum, die Qualität der Betreuung verbessern und mehr Erzieherinnen einzustellen. Da sind wir mit den Kommunen in Verhandlungen.
SPIEGEL ONLINE: Aber die Eltern müssen weiter zahlen.
Schneider: Wir haben die Kostenfreiheit für die nächsten Jahre auf unserer Agenda.
SPIEGEL ONLINE: Sie schließen sich der SPD an? Kostenfrei für die Ein- bis Sechsjährigen ab 2013?
Schneider: Die CSU strebt zumindest ein kostenfreies Kindergartenjahr an. Ich halte nichts davon, wenn man wie die SPD hier die großen Beschlüsse schon fasst, ohne die Zuständigkeit und die Finanzierung geklärt zu haben.
Das Interview führte Sebastian Fischer
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