Berlin - Nein, bei der Stasi war er nie. Und ob es eine Akte über ihn gibt? "Will ich gar nicht wissen." Es ist gerade fünf Wochen her, da hat Wilfried Gau gegenüber Journalisten immer wieder betont, dass er mit der Staatssicherheit in der DDR nie etwas zu tun hatte und nie etwas zu tun haben wollte.
Und es waren viele Journalisten, die Willi Gau nach der Stasi fragten. Nicht nur aus ganz Deutschland kamen sie, selbst CNN und BBC schickten Reporter in die kleine, gerade eröffnete Kneipe im Berliner Stadtteil Lichtenberg, in der Gau hinter dem Tresen stand. Gemeinsam mit seinem Partner Wolfgang Schmelz hatte er in dem Lokal mit dem viel sagenden Namen "Zur Firma" die Stasi zum Motto erhoben - ausgerechnet in der Normannenstraße, nur wenige Hundert Meter von der ehemaligen Zentrale des einstigen Ministeriums für Staatssicherheit entfernt. "Wir setzen uns satirisch-ernst mit dem Thema Stasi auseinander", behauptete Gau.
Doch nun ist Gau raus aus dem Geschäft, meldet die Online-Ausgabe des Magazins "Stern". Sein bisheriger Partner Schmelz, der als Alleininhaber der Kneipe eingetragen ist, habe ihn auf die Straße gesetzt - weil Gau selbst einmal für die Stasi gespitzelt hat. Der in der DDR aufgewachsene Gau räumte demnach ein, dass er Inoffizieller Mitarbeiter gewesen sei.
"Ich habe es aus Überzeugung gemacht, weil die Stasi nichts anderes war als der Geheimdienst der DDR", sagte Gau - um gleich hinzuzufügen, dass dieser Dienst sicher "übertrieben" habe. Auch habe er als IM, rechtfertigte er sich, niemanden "ans Messer geliefert". Dem Bericht zufolge arbeitete Gau zu DDR-Zeiten als gastronomischer Leiter eines Hotels. Wenn wichtige Funktionäre gekommen seien, hätten sich Stasi-Offiziere bei ihm erkundigt, welche Kellner für die Bewirtung in Frage kämen.
Der im Westen geborene Schmelz wusste über die IM-Tätigkeit offenbar längst Bescheid. Neben der Spitzelei führte er deswegen auch andere Meinungsverschiedenheiten für den Rauswurf inklusive Hausverbot an: Streit über Bierpreise, Hygiene, die Rollenverteilung, die Buchführung.
Das Motto hatte bei vielen für Empörung gesorgt. Die Bundesbeauftragte für Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, bezeichnete die Kneipe als "Geschmacklosigkeit". Der Vizedirektor der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen, Siegfried Reiprich, sprach von einer "Beleidigung für die Opfer". Berlins CDU-Generalsekretär Frank Henkel kritisierte, dass eine "verbrecherische Diktatur zur Popkultur und Erlebnisgastronomie" verklärt werde.
phw/ddp
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Deutschland | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH