Von Björn Hengst, München
München - Er will jetzt alles wissen, die Zahl der Abgeordneten im Münchner Rathaus, wann in der Stadt die Gedenkplakette für den 1919 ermordeten sozialistischen Politiker Kurt Eisner eingeweiht wurde, selbst der Unterschied zwischen Woll- und Weißwürsten interessiert ihn. Und dann schwärmt Gregor Gysi. Über die "schönen Wälder und die schönen Seen", die es in Bayern gibt, über den Dialekt - und überhaupt, ein bisschen Bayern steckt auch in seiner Familie, na ja, irgendwie: "Meine Frau ist jahrelang in Nürnberg aufgewachsen."
Parteivorsitzender Lafontaine, Fraktionschef Gysi in München: "Schüchterne Zuneigung und verstohlene Sympathie"
So läuft der Chef der Linksfraktion im Bundestag zusammen mit dem Parteivorsitzenden und Fraktions-Co-Chef Oskar Lafontaine und bayerischen Genossen durch die Landeshauptstadt. "Stadtrundgang durch München", ist der Programmpunkt überschrieben, eigentlich tagen die beiden Spitzengenossen mit ihrer Fraktion im Hotel "Holiday Inn", aber für diesen Termin haben sie einige Mittwochnachmittag-Stunden reserviert.
Es wird eine Mischung aus Volkshochschulkurs "München für Anfänger" und Wahlkampf. Ende des Monats wird der bayerische Landtag gewählt und die Linkspartei will nach den Erfolgen in Bremen, Hessen, Niedersachsen und Hamburg in ein weiteres West-Parlament einziehen.
Bayern ist nicht irgendein Bundesland, ein Wahltriumph im CSU-Stammland hätte besondere Signalwirkung: "Wenn wir hier im Landtag vertreten sind, gibt es kaum noch Gründe zu sagen, dass wir in anderen Bundesländern keine Chance haben", sagt Lafontaine.
Aber sie wissen selbst nicht genau, wie sie ihre Aussichten einschätzen sollen. Ob das Land nicht zu konservativ geprägt ist nach jahrzehntelanger Alleinherrschaft der CSU, zu katholisch außerdem. Vier Prozent, das prophezeien die letzten Umfragen. In Hessen und Niedersachsen war das kurz vor der Wahl ähnlich, am Ende reichte es trotzdem, aber hier in Bayern sind die Dinge vielleicht doch etwas anders. Das glauben selbst wahlkampferfahrene Genossen wie Ulrich Maurer. Im Allgäu war der Bundestagsabgeordnete und langjährige SPD-Politiker zuletzt unterwegs, offene Zustimmung erlebte er nicht, vielmehr habe er "so etwas wie schüchterne Zuneigung und verstohlene Sympathie" gespürt.
Die CSU erzwinge ein "Klima der Einschüchterung", sagt Maurer auf der Fraktionsklausur. Gemeint ist damit CSU-Chef Erwin Huber, der angekündigt hatte, einen "Kreuzzug gegen die Linke" zu führen, um deren Einzug in den Landtag zu verhindern. Eine Erklärung für einen möglichen Misserfolg hätten sie also schon.
Auch Gysi hat ähnliche Erfahrungen wie Maurer gemacht. In Landshut ist er aufgetreten, rund 300 Leute wollten ihn am Ende hören und sehen, aber sie hätten "auf Distanz" gestanden.
Lafontaine, der Leisetreter
Selbst Lafontaine, der mit seinen Auftritten gewöhnlich problemlos Plätze und Säle füllt, muss feststellen, dass die Menschen im Südosten zurückhaltend auf seine Linkspartei reagieren: Rosenheim, 60.000-Einwohner-Stadt in Oberbayern, haben ihm seine Wahlkampforganisatoren zum Auftakt ins Programm geschrieben - und als der 64-Jährige am Dienstagabend um 19 Uhr am Max-Josefs-Platz ankommt, warten bestenfalls 200 Leute auf den Linkspartei-Chef. Der Platz, von der Stadt zur "guten Stube" Rosenheims erklärt, ist ziemlich leer, Lafontaine muss sich schon selbst in Stimmung bringen: "Die Linke im Aufstieg", sagt er feixend als er auf einer Hebebühne zum Rednerpult hochfährt.
Die Leute muss er erst für sich gewinnen, das spürt er - und das merkt man auch an seiner Rede. Keine Brachialrhetorik, kein Poltern, vielmehr werbend im Ton.
Lafontaine, der Leisetreter - in Bayern kann man ihn in dieser ungewohnten Rolle sehen. Wer sich ein sozialeres Bayern und ein sozialeres Deutschland wünsche, müsse die Linkspartei wählen, sagt Lafontaine.
Kurzausflug in den Biergarten
Am lautesten applaudieren sie, als er den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan fordert. Ob es dafür reicht, dass sie ihr Kreuz bei der Linkspartei machen? Selbst überzeugte Linkspartei-Anhänger bleiben reserviert: Er wolle, dass die CSU bei der Wahl ganz stark nach unten rutscht, sagt Günter John und deutet dabei mit seiner Hand auf das Kopfsteinpflaster vom Max-Josefs-Platz. Bei der Bundestagswahl habe er für Lafontaine gestimmt, auch weil er von der SPD schon lange enttäuscht sei. Aber jetzt will er grün wählen. "Man weiß hier doch gar nicht, ob die Linke überhaupt ins Parlament einzieht", sagt der 59-Jährige.
Lafontaine und seine Genossen wollen alles daran setzen, die Chancen stünden gut, sagt der Parteichef. Und deswegen sucht er am Mittwoch auch weiter den Kontakt zu den Leuten. "Dieser Pfeifenkopf", sagt einer als er den früheren SPD-Chef an der Feldherrnhalle sieht, manche winken ab, andere gucken neugierig.
"Wie sehen Sie das denn mit der Wahl", fragt Lafontaine eine Rentnerin in Dreiviertel-Hose und karierter Bluse. "Gelassen", antwortet sie und wünscht ihm viel Glück. Ihre Stimme haben die Genossen schon. Briefwahl, sagt die Frau.
Dann geht es weiter in einen Biergarten. Maßgläser stehen auf dem Tisch, Lafontaine, Gysi und die bayerischen Genossen prosten sich zu. Das Wiesnbier sei noch viel stärker gebraut, erfahren die beiden von ihren bayerischen Parteifreunden. Aber auch dieses Bier ist für Lafontaine zu viel. Zwei, drei Schlucke nimmt er, dann bricht er vorzeitig auf. Wegen eines Fernsehauftritts am Abend.
Einer der Schaulustigen schüttelt den Kopf und sagt: "Das schöne Bier lässt er einfach stehen. Er ist halt kein Bayer."
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