Von Katharina Peters
Der Imam auf dem Foto bereitet Rashida Altaf Probleme. Ratlos steht sie vor der Pinnwand der Volkshochschule Mitte und weiß nicht wohin mit dem Gottesmann. "Ist das Meinungsfreiheit?", fragt sie zwei andere Frauen des Einbürgerungskurses in Berlin Mitte. Leise beraten sich die drei. Das Bild muss zu einem der Grundrechte passen. Eine junge Inderin runzelt die Stirn: "Nein, Glaubensfreiheit." Rashida Altaf überlegt einen Moment, sie zupft an ihrem bestickten Schleier, dann heftet sie das Bild an die Pinnwand.
Mit elf anderen steht Rashida Altaf in einem hell erleuchteten Klassenraum der Volkshochschule Mitte. Sie kommen aus Ghana, Tschetschenien, Iran, Vietnam, der Türkei. Rashida Altaf stammt aus Pakistan, seit neun Jahren lebt sie in Berlin. Sie möchte Deutsche werden. Doch dafür muss sie inzwischen den Einbürgerungstest bestehen - und so nachweisen, dass sie die deutsche Rechts- und Gesellschaftsordnung kennt. Freiwillig kommt sie deshalb in diesen Kurs in Berlin, ein Pilotprojekt der Volkshochschulen Neukölln und Mitte. Der soll sie auf den Test vorbereiten.
Den Einbürgerungstest, der am 22. September in Berlin startet, haben Politiker und Migrantenverbände heftig kritisiert: Viele sprechen von einer weiteren Hürde bei der Einbürgerung und von einem "Rückschlag für das Miteinander". Auch der Integrationsbeauftragte der Stadt Berlin, Günter Piening, sieht den Test als falsches Signal - der mache das Verfahren noch komplizierter. Tatsächlich wurden in den letzten Jahren immer weniger Menschen in Deutschland eingebürgert. 2007 erhielten 113.000 Frauen und Männer die deutsche Staatsbürgerschaft, 9,5 Prozent weniger als im Vorjahr.
Was ist Folter, was ist Freizügigkeit?
Die Teilnehmer des Einbürgerungskurses finden die Fragen bislang aber "nicht schwer" - sagen sie. Nur eine Frau aus Ghana gibt zu: "Das Problem ist, wir sind hier nicht aufgewachsen. Wir kennen die deutsche Geschichte nicht." Ganz so leicht sind die Aufgaben dann doch nicht: Kreuzworträtsel zu den Grundrechten, Begriffe erklären, die Aufgaben des Bundesverfassungsgerichts kennen. "Soooo viele Fragen", stöhnt Rashida Altaf. Kursleiterin Petra Voss geht herum und erklärt. Zum Beispiel, was "Folter" heißt, was "Freizügigkeit" bedeutet.
Ihre Schüler sollen Zusammenhänge verstehen, sagt Voss: "Sonst könnte ich ja nur Karten mit Fragen verteilen." Sie hatte nicht mehr als sieben Tage, um sich auf den Unterricht vorzubereiten. Das Bundesinnenministerium veröffentlichte mitten in den Ferien 310 mögliche Fragen für den Einbürgerungstest, aus den Themenfeldern "Leben in der Demokratie", "Geschichte und Verantwortung" und "Mensch und Gesellschaft". Den Bewerbern werden im Test daraus 33 Fragen vorgelegt.
Natürlich gibt es Vorgaben der Landeszentralen für politische Bildung für die Gestaltung des Unterrichts. Aber die meisten Aufgaben hat Voss selbst zusammengestellt, sie hat sich Grafiken und Bilder besorgt und die Karten für ein Memory-Spiel laminiert. Der Direktor der Volkshochschule Neukölln hat noch schnell eine deutsche und eine Berliner Flagge im Klassenzimmer aufgehängt.
Vor den Flaggen beraten sich jetzt die Kursteilnehmer über das nächste Bild: zwei Männer in Smokings mit roten Rosen in der Hand. "Was machen die da?", fragt Lehrerin Petra Voss und blickt in zögernde Gesichter. "Das ist auf keinen Fall eine Hochzeit", sagt eine Palästinenserin schließlich. "Doch", entgegnet Voss langsam. Einige kichern. "Und wo ist die Braut?", ruft eine Bulgarin. "Naja, einer von beiden." Jetzt lachen alle.
Pfefferminzbonbons und Wörterbücher
Elf Frauen sind heute Abend gekommen, nur ein Mann ist hier. Fünf Wochen dauert der Kurs, viele kommen dreimal pro Woche, jeweils drei Stunden. Schnell haben sich Grüppchen gefunden, die nicht nur in den Pausen über ihre Kinder sprechen. "Mein Mädchen hat letztes Mal geweint, weil ich um neun noch nicht zu Hause war", erzählt Sara, die Inderin. Auf den Tischen liegen Pfefferminzbonbons neben Wörterbüchern, Rashida Altaf hat Datteln mitgebracht. Ihre eigenen zwei Kinder und ihr Mann holen sie abends immer vom Kurs ab. Der siebenjährige Sohn hat schon die deutsche Staatsbürgerschaft. Auch Rashida Altaf will endlich ohne Visum nach Dänemark und England zu ihren Schwestern reisen. Aber ihre eigene Staatsbürgerschaft aufzugeben, stimmt sie traurig: "Pakistan ist mein Land. Ich hätte lieber beide Pässe."
Wie Rashida Altaf nerven auch Vivian Odeh aus Nigeria die ständigen Visumanträge. Das Model ist viel in Europa unterwegs, erst gestern ist sie aus London zurückgekehrt. "Endlich richtig reisen" möchte sie. Sie strahlt. "Und wählen gehen. Aber erstmal muss ich schauen, welche Partei für Ausländer am besten ist." Kim Dinh Pham nickt. Sie ist eine zierliche Frau Mitte 50 mit Perlenohrringen, vor 18 Jahren ist sie aus Vietnam nach Berlin gekommen. "Alle vier Jahre wählen, einfach so, das ist schön."
Einige Kreuzchen können Vivian Odeh und Kim Dinh Pham heute schon machen. Bei der nächsten Übung müssen sie Aussagen bewerten: Rechtsstaatlich oder nicht. Rashida Altaf kommt nicht so gut mit. Sie hat ein Diktiergerät dabei, ab und zu schiebt sie es in Richtung der Kursleiterin. Sie will sich den Unterricht zu Hause in Ruhe nochmal anhören.
Als die Stunde zu Ende ist, sagt Rashida Altaf: "Gott sei Dank". Die Kursleiterin schaut sie verständnisvoll an: "Der Kopf ist voll, oder?" Die Pakistanerin zieht ihr Diktiergerät zu sich herüber. "Nein. Das Tonband ist voll."
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