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21.09.2008
 

Volksvertreterdeutsch

Warum Politiker nicht auf Verbalschrott verzichten können

Von Klaus Werle

2. Teil: Warum man vom Wattesprech fürs Leben lernen kann

Doch bei allen Verwerfungen ist eines gleich geblieben: Noch immer wird gestritten, taktiert, schöngeredet, ausgewichen und dementiert. Die rhetorischen Kniffe, versteckten Spitzen und sprachlichen Fallstricke sind von verblüffender Konstanz. Und das wird sich auch niemals ändern – wenigstens in diesem Punkt ist auf unsere Politiker Verlass.

ZUM AUTOR

Klaus Werle, geboren 1973, arbeitet als Redakteur für das "manager magazin" und lebt in Hamburg. Dort erscheint auch seine Kolumne "manager unterwegs". Über den Wattesprech der Politiker schrieb er bis 2007 Sprachglossen für die "Frankfurter Rundschau".
Denn die wolkige, leere Rhetorik, das Reden um des Redens willen, in Talkshows, Zeitungen, Magazinen, Radio, all das ist nicht das begleitende Grundrauschen der Politik, ist keine lästige Nebenwirkung. Es ist Politik. Es geht schließlich um das Durchsetzen eigener Standpunkte, und die Waffe, mit der das geschieht, ist die Sprache. Wer sie nicht zieht, hat schon verloren. Oder wie es Javier Solana, der Quasi-Außenminister der Europäischen Union nach einer Konferenz im Mai 2007 formulierte: "Alles was wichtig war, ist schon gesagt worden, aber ich möchte noch ein paar Dinge sagen."

Ein Satz, den man sich merken sollte. Das ist das Schöne an der politischen Phrasendreschmaschine: Man kann darüber die Augen verdrehen, genervt den Fernseher abschalten und bei einem feinen Bordeaux über den Untergang des Abendlandes jammern.

Rüpelhafte Direktheit irritiert die Mitmenschen

Oder aber man hört zu – und lernt. Die Sprache der Politik kann uns das Leben so viel leichter machen. Immer geradeheraus sagen, was Sache ist, wird leider oft als rüpelhafte Direktheit wahrgenommen und führt zu unschönen Irritationen. Wer jemals einer Frau gesagt hat, das grüne Kleid stünde ihr besser als das rote, kennt das Problem. Warum also nicht selbst ein paar sperrige Substantive einstreuen, Einfaches möglichst kompliziert formulieren und überhaupt die Nebelwerfer, die uns die Sprache bietet, auf Dauerfeuer stellen?

In der Abendkleidangelegenheit etwa wüsste sich ein Politiker sofort zu helfen: "Schatz, lass mich dir zunächst von ganzem Herzen danken für dein unermüdliches und inspirierendes Engagement in unserer Koalition. Sicher hast du Verständnis dafür, wenn ich zum jetzigen Zeitpunkt keine Festlegung treffen kann; der Respekt vor den Wählern gebietet mir Zurückhaltung. Wir werden aber zeitnah unser Möglichstes tun, um zu einer Entscheidung zu gelangen, welche die Vorschläge aller Beteiligten angemessen berücksichtigt."

So spricht ein wahrer Gentleman. Sollten Sie bei Ihren Mitmenschen eine gewisse Reserviertheit, eventuell sogar offene Ablehnung erkennen angesichts Ihres Versuchs, die Sprache auch so angenehm wolkig und unverbindlich klingen zu lassen wie unsere Politiker – dann verzagen Sie nicht. Ein Vorteil ist Ihnen sicher: Sie können wenigstens nicht abgewählt werden.

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