Von Reinhard Mohr
Berlin - Es herrschte Andrang, als stehe die Uraufführung eines bisher verschollenen Theaterstücks von Bertolt Brecht auf dem Programm. Jung und alt drängten am Mittwoch Abend ins traditionsreiche "Berliner Ensemble", um Altbundeskanzler Helmut Schmidt zu sehen, der wieder einmal ein neues Buch geschrieben hat: "Außer Dienst. Eine Bilanz". Ein üblicher Schmidt-Euphemismus, der das Helmut-Schmidt-Volk erst richtig anzieht. Denn außer Diensten ist der Mann schon seit einem Vierteljahrhundert, aber immer noch würden ihn achtzig Prozent der Deutschen sofort zum Bundeskanzler wählen, wenn sie denn könnten. Er ist und bleibt, selbst kurz vor seinem 90. Geburtstag, der ewige und auf ewig beste Bundeskanzler aller Zeiten, trotz Konrad Adenauer und Willy Brandt.
Als kurz nach acht der weiße Vorhang aufgeht, sitzt er da, als sei er nie woanders, nie weg gewesen. Beifall brandet auf, Fotografen klicken, im Publikum blickt manch einer seelenvoll-wehmütig. Das waren noch Zeiten. Der zum Fragen bestellte Fernsehmensch Claus Kleber fängt an, indem er erst einmal über sich selbst redet. Als Moderator des "heute journals" habe er ja jeden Abend fünf Millionen Zuschauer, aber eine solches Publikum in der ausverkauften Brecht-Bühne, das sei doch etwas ganz anderes. Und dann noch ohne Gundula Gause. Immerhin hatte die berühmte ZDF-Kollegin im Publikum Platz genommen. Ebenso wie Egon Bahr, der noch im hohen Alter eine unverwüstliche Gesundheit ausstrahlt.
Gleich mit der ersten, noch etwas verschwurbelten Frage nach dem notorischen Angestelltenstatus des Altkanzlers, der von 1974 bis 1982 regierte, setzte jener Schmidt-Sound ein, der so anachronistisch und gegenwärtig zugleich klingt, knapp, nüchtern und ironisch in einem: "Ich war ein Angestellter auf tägliche Kündigung, und ich bin ja tatsächlich eines Tages rausgeschmissen worden."
Nun sei er lange schon nichts weiter als ein "has been", ein Gewesener, ein Elder Statesman. In dieser Rolle möchte er eigentlich auch gar nichts sagen zu Kurt Becks Untergang im Landhaus Ferch am Schwielowsee, zu Müntes Rückkehr und Steinmeiers Kanzlerkandidatur, schon gar nichts über die turbulenten Umstände dieses Revirements, irgendwo zwischen schleichendem Niedergang und aktivem Putsch. Nur so viel: "Mit dem Ergebnis bin ich zufrieden." Da lachen die Leute, denn sie wissen, dass er Recht hat. Oskar Lafontaines neueste Idee, die Enteignung des Vermögens der Familie Schaeffler, ist womöglich eine direkte Panikreaktion auf die Wiederkehr der Sozialdemokratie: die klassische Übersprungshandlung. Danach kommen wahrscheinlich die Aldi-Brüder dran.
Der Rest ist "Tagespolitik", da mischt sich Schmidt nicht ein. Obwohl: Hat er nicht gerade Lafontaine ein bisschen mit Hitler verglichen. Egal. Nur eines sagt er noch, als Kleber nach möglichen Weicheiern unter der heutigen Politikergeneration fragt: "Härte im Nehmen alleine zeichnet einen Menschen noch nicht aus. Stehvermögen schon." Zur Entlastung der Generation Beck führt er allerdings deren völlig andere Lebenserfahrung an, vergleiche man sie mit jener der vorhergehenden Generationen, die aus dem Krieg kamen, aus dem Exil oder dem Konzentrationslager.
Dies bringe Vor- wie Nachteile mit sich, die schwer zu gewichten seien. Auf die Urteilsfähigkeit und das konkrete Handeln hätten sie allerdings in jedem Falle Einfluss.
"Schmidt Schnauze" mit "Manschetten"
Trotz Kriegserfahrung hatte Schmidt, der sich damals schon durch rhetorische Glanzleistungen die Bezeichnung "Schmidt Schauze" verdient hatte, allerdings selbst "Manschetten", als nach Willy Brandts Rücktritt im April 1974 die Kanzlerschaft auf ihn zukam (zu der man ihn allerdings auch nicht furchtbar drängen musste).
Fast 35 Jahre später schlägt man sein Buch auf und entdeckt unter Abschnitt III "Aus persönlichen Erfahrungen lernen" das Kapitel "Eigene Fehler". Man sieht: Der zeitliche Abstand hilft.
Doch Claus Klebers Fragen zielten mehr aufs Globale und Großeganze, und da ist Schmidt nun wirklich zu Hause: Internationale Finanzkrise, demografische Entwicklung, Globalisierung, Nato, atomare Abrüstung, Russland, Afghanistan, Religion und Toleranz. Über etwaige Präferenzen im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf zwischen Barack Obama und John McCain will er sich jedoch nicht äußern. Nur so viel: "Ich habe großes Vertrauen in die Vitalität der amerikanischen Gesellschaft."
Selbst wenn man seine Thesen und Gedanken schon öfter gehört und gelesen hat, wirken sie beinah erfrischend neu und dies aus einem einzigen Grund: Weil sie klar formuliert sind, weil die Sprache, in der er spricht, noch ahnen lässt, dass den Sätzen ein Prozess des Denkens und Überlegens vorausgegangen sein muss, auch wenn man nicht jedes Urteil teilen mag – etwa bei Schmidts eigenwilliger Abwägung zwischen Völkerrecht und Menschenrechten.
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