Von Reinhard Mohr
Unwillkürlich stellt man sich vor, was wohl gewesen wäre, wenn Helmut Schmidt die ominöse "Agenda 2010" inklusive Erhöhung des Rentenalters auf 67 und "Hartz IV" den Wählern erklärt hätte – in großen Fernsehansprachen, Reden und Interviews. Im nächsten Augenblick sagt Schmidt zu Kleber: "Man muss die Agenda 2010 dem Volk richtig erklären." Gerade weil der Sozialstaat, "die größte kulturelle Errungenschaft des 20. Jahrhunderts", unbedingt erhalten werden müsse, seien reformerische, gleichsam lebensrettende Eingriffe erforderlich.
Im nächsten Augenblick ist der Altkanzler, der immer noch eine phänomenale Präsenz ausstrahlt und jeden Satz grammatikalisch perfekt zu Ende führt, schon wieder im Paternoster der Geschichte, im März 1930. Damals führte die geplante Erhöhung des Beitrags zur Arbeitslosenversicherung um ein halbes Prozent zum Scheitern der sogenannten Weimarer Koalition, ein dramatisches Vorspiel zum Aufstieg Hitlers: "Wegen einer Detailfrage geriet die Republik in Gefahr. Daraus muss man lernen für heute", mahnt Schmidt.
Mildes Urteil für die Große Koalition
"Wer keine Kompromisse machen kann, taugt nicht für die Demokratie." Über die gegenwärtige Regierung unter Bundeskanzlerin Angela Merkel fällt er ein erstaunlich mildes Urteil: "Die Große Koalition hat bisher keine großen Fehler gemacht. Das ist schon 'ne Menge."
Doch irgendetwas vermisste man an diesem Abend.
Es war die Zigarette. Erst nach einer guten Dreiviertelstunde wies Claus Kleber seinen Gesprächspartner darauf hin, dass Intendant Claus Peymann die Bühne bis zur ersten Reihe höchstpersönlich zur Raucherlounge erklärt hatte. "Warum haben Sie das nicht gleich gesagt", brummt Schmidt und steckt sich eine an. Es sollte seine einzige bleiben.
Dann war Schluss der Vorstellung. Standing Ovations. Helmut Schmidt lächelt und winkt ab. Am Stock, ein wenig auf Kleber gestützt geht er ab. "Das ist eben der Unterschied zwischen einem Staatsmann und einem Politiker", erklärt beim Hinausgehen ein Mann seiner Frau.
Dumm nur, dass jeder Staatsmann erst einmal als Politiker anfangen muss.
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