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25.09.2008
 

Klinikproteste in Berlin

"Die Sparzitrone ist ausgelutscht"

Von Udo Ludwig

Bisher stritten Ärzte vehement ab, dass einige Patienten in Krankenhäusern schlecht behandelt werden. Jetzt geben sie es lautstark zu: Mit einem riesigen Berliner Protestmarsch gegen den Sparzwang. Der Frust ist berechtigt - aber für die Misere sind nicht nur Politiker allein verantwortlich.

Berlin - Das hat Deutschland noch nicht erlebt. Neun Verbände und Gewerkschaften haben sich zu einem Aktionsbündnis zusammengeschlossen - mit einem eigenen Logo, einem eigenen Motto, einer gemeinsamen Demonstration. Vor dem Brandenburger Tor in Berlin veranstaltete diese Schicksalsgemeinschaft am heutigen Donnerstag eine der größten Kundgebungen, die Deutschland zur Gesundheitspolitik gesehen hat.

Ärztestreik in Ulm (Archivbild): Nur die Hälfte aller Kliniken arbeitet kostendeckend
DPA

Ärztestreik in Ulm (Archivbild): Nur die Hälfte aller Kliniken arbeitet kostendeckend

Für die "Rettung der Krankenhäuser" haben sich so unterschiedliche Organisationen wie die Deutsche Krankenhausgesellschaft und die Gewerkschaft Ver.di untergehakt. Mehr als 60.000 Teilnehmer aus allen Teilen der Republik kamen.

Das Ziel ist klar formuliert: Die Demonstranten wollen mehr Geld von der Bundesregierung, mehr als die über drei Milliarden, die Berlin den Kliniken in der vergangenen Woche bereits zugesagt hatte. In den vergangenen Jahren haben rund 300 Krankenhäuser aus finanziellen Gründen schließen müssen. "Jetzt ist die Sparzitrone ausgelutscht, das Personal bis zum letzten ausgepresst", posaunt Frank Ulrich Montgomery, der Vizepräsident der Bundesärztekammer.

Die "Fehlerhäufigkeit" des Personals steigt

Um die ausufernden Kosten in den Krankenhäusern einzudämmen hatte die Bundesregierung vor Jahren die Budgets der Kliniken gedeckelt. Deren Etats durften nur noch moderat steigen, ungeachtet höherer Gehälter, höherer Energiepreise oder teurer Behandlungsmethoden. Die Krankenhäuser mussten darauf reagieren: Sie trennten sich in den vergangenen zehn Jahren von rund 100.000 Beschäftigten, sie schlossen Abteilungen und sorgten dafür, dass Patienten durchschnittlich rund zehn Tage kürzer in ihren Betten lagen als noch 1991.

Doch die "blanke Not" blieb, wie es Georg Braun von der Deutschen Krankenhausgesellschaft ausdrückt. Nur noch die Hälfte aller Kliniken arbeitet kostendeckend.

Die Proteste sind berechtigt. Denn unter dem Spardiktat hatten auch die Patienten zu leiden. Die Kliniken, sagt der Präsident des Verbandes der Krankenhausdirektoren Deutschlands, würden "zunehmend Patientenbeschwerden über mangelnde Zuwendung" bekommen. Die "Fehlerhäufigkeit" des Personals steige, berichtet zudem Ellen Paschke vom Bundesvorstand der Gewerkschaft Ver.di, die viele Beschäftigte vertritt.

Es wäre ein Fortschritt, wenn die Debatte über den Zustand der Krankenhäuser nun nicht allein über Kostensteigerungen, Fallpauschalen und Budgets geführt wird, sondern auch über die Qualität der Krankenhausbehandlung.

Einige Tausend Menschen starben unnötigerweise

Jahrzehntelang weigerten sich die Krankenhäuser etwa, über die rund 400.000 Behandlungsfehler in ihren Häusern zu sprechen. Diese Patienten kamen nicht geheilt aus den Kliniken heraus, sie litten unter den zum Teil gravierenden Folgen von Ärzte- und Pflegepfusch. Und einige tausend Menschen starben unnötigerweise, weil die Diagnosen oder die Therapien schlecht waren oder weil es schlimme hygienische Mängel gab.

Auch die Frage, ob die 51 Milliarden Euro jährlich von den Krankenkassen nicht ausreichen müssen, um 17 Millionen Behandlungsfälle zu erledigen, stellten die Krankenhausmanager nicht. Bereits Anfang des neuen Jahrtausends hatte der Sachverständigenrat für das Gesundheitswesen ein vernichtendes Urteil über das deutsche Gesundheitswesen gefällt: Kassenpatienten würden gleichzeitig unter einer "Über-, Unter- und Fehlversorgung" leiden.

Es mangele nicht an Geld, sondern an Qualität, meinte der damalige Gesundheitsminister Horst Seehofer. An dieser Einschätzung hat sich wenig geändert.

Hightech-Equipment in der kleinsten Klinik?

Die Proteste in Berlin sind berechtigt, aber es ist verkehrt, die Politiker allein für die Misere verantwortlich zu machen. Deutschland ist mit 2100 Krankenhäusern immer noch sehr gut versorgt. Aber die Krankenhäuser haben in den vergangenen Jahren mit der Rasenmähermethode gespart. Überall ein bisschen - statt sich auf das zu besinnen, was man am besten kann und dadurch die Qualität der Behandlungen zu gewährleisten und zu steigern.

In Ballungsräumen müssen nicht alle Kliniken, so wie es derzeit geschieht, komplizierte Hüft- oder Knieoperationen anbieten. Eine Spezialisierung spart Kosten, hilft den Patienten und verhindert Behandlungsfehler. Und nicht in jedem kommunalen Krankenhaus müssen alle teuren Hightech-Geräte stehen. Die kleinen Kliniken können sich auf die Kundschaft vor Ort konzentrieren, die ihre Angehörigen gern in ihrer Nähe haben möchte, und sie können damit werben, sich um eine warme, sprechende Medizin zu kümmern.

In Deutschland werden viel mehr Menschen zu Opfern des Krankenhausalltags als nötig. Und nicht für alles, was schiefläuft, trägt Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) die Schuld. Statt das Motto "Rettung der Krankenhäuser" zu propagieren, wäre der bessere Slogan für Berlin wohl gewesen: "Rettet die guten Krankenhäuser".


Udo Ludwig ist SPIEGEL-Redakteur, gerade ist sein jüngstes Buch erschienen: "Tatort Krankenhaus. Wie Patienten zu Opfern werden".

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30.09.2008 von doclancaster: was die Privaten-KK machen

Genau darum geht es mir. Nichts gegen kleine Büros der GKV, aber diese Prunkbauten sind nicht nötig. Das meiste kann man mit der KK über Telefon abklären bzw. mit dem Außendienstberater. Wieso aber sollten wir für die MiMiMi [...] mehr...

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30.09.2008 von ansgar brinkmann: Autor des Artikels

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28.09.2008 von emma: Sinn für Humor.

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