Balderschwang - Sie wollen es nicht wahrhaben, dort oben im kleinsten und "schwärzesten" Dorf Deutschlands: Dass die CSU auch hier die Krise zu spüren bekommt. Und doch ist auch in Balderschwang im Oberallgäu die Zeit der fast 100 Prozent für die Christsozialen vorbei. Mehr als 20 Prozent hat die CSU am vergangenen Sonntag bei den Erststimmen verloren. Was für noch mehr Unruhe sorgt: wieder gab es eine Stimme für die SPD und gar eine für die Grünen.
Aufruhr in Balderschwang: Hotelier Konrad Kienle, der CSU-Ortsvorsitzende Luggi Endroes und Bürgermeister Werner Fritz (parteilos) vor einem Plakat mit Noch-Ministerpräsident Beckstein
Weltläufig gibt sich der parteilose Bürgermeister Werner Fritz, der meint, auch in Balderschwang habe längst die Wahlfreiheit Einzug gehalten. Und doch ist seit Sonntag vor allem der eine SPD-Wähler das Dorfgespräch in der 228-Einwohner-Gemeinde auf 1050 Metern Höhe: "Wir wissen wirklich nicht, wer's ist", beteuern Bürgermeister und CSU-Chef, "aber wir könnten ihn ja mal gemeinsam suchen" - diesen rätselhaften "Sozi".
Vor dem Tourismusbüro in der beliebten Fremdenverkehrsgemeinde sortiert gerade der Postbote seine Pakete. "Hm, ein geheimnisvoller SPD-Wähler?", sinniert der und empfiehlt die politische Farbenlehre als Spürhilfe: "Schauen sie doch mal rüber zum Hotel Kienle, die haben eine rote Tür, vielleicht haben die auch rot gewählt", sagt er lapidar und blickt dem Trio aus Reporter, Rathauschef und CSU-Vorstand kopfschüttelnd nach, als die Drei tatsächlich beim Hotel vorstellig werden.
"Nein, ich war's sicher nicht", beteuert die Dame an der Rezeption des Hotels Kienle. Sie komme aus Österreich und dürfe in Balderschwang gar nicht wählen. Erst auf die Nachfrage, ob denn wirklich nichts dran sei an dem Gerücht, es könne sich um eine Saisonkraft, also einen auswärtigen aber hier wahlberechtigten Hotelmitarbeiter handeln, wird sie hellhörig. Ob der CSU-Chef und der Bürgermeister wohl mal kurz rausgehen könnten, bittet sie. "Denn einen Verdacht habe ich, aber das darf ich sicher vor den Herrschaften nicht sagen." Dann flüstert sie dem Reporter einen Namen ins Ohr. Tatsächlich, ein Hotelangestellter!
Um ein Gespräch gebeten, taucht der besagte Mitarbeiter fröhlich pfeifend in der Hotellobby auf und er gibt sich gar nicht erst die Mühe, unerkannt zu bleiben. "Servus, ich bin der Markus. Ich habe vielleicht ein Gesicht wie so ein SPD-Wähler", spöttelt der junge Mann. "Aber ich muss Sie leider enttäuschen: Ich wähle nicht hier, ich wähle in Baden-Württemberg." Spricht's und verabschiedet sich zum freien Nachmittag im herbstlich-sonnigen Balderschwang.
"Ich war's gewiss nicht", sagt die nächste Dame, die mit dem "Vorwurf" konfrontiert wird, sie könnte die SPD gewählt haben. Im anderen Hotel, im "Hotel Hubertus" arbeitet sie. Auf dringende Bitte hin befragt sie die Kolleginnen und Kollegen. Ein einhelliges Nein, aber eben auch ein vielfaches Grinsen in der Mitarbeiterrunde weckt den Unmut beim Bürgermeister. Der will sofort den Chef sprechen. Karl Traubel erscheint prompt. Jemand muss ihn vorgewarnt haben, denn auch er grinst übers ganze Gesicht. "Ich habe wirklich keine Ahnung, wer das gewesen sein könnte", beteuert der Hotelier.
Irgendwann wird es dem CSU-Chef und dem Bürgermeister zu viel. Weder die Fremdenführerin mit ihrer Reisegruppe, noch eine Passantin auf dem Gehweg, auch nicht der Herr in dem stolzen, holzvertäfelten Haus an der Hauptstraße - alle winken ab. "Nein, wir waren's sicher nicht." Die CSU-Welt in Balderschwang sei immer noch heil. Ganz bestimmt.
Klaus Wittmann, ddp
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