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03.10.2008
 

Bayerische Stammeskunde

Das kleine Mir-san-mir

Von Dominik Baur

2. Teil: Am Anfang war der Komplex

Obwohl Altbayern natürlich das Kernland bildet, liegt die endgültige Einverleibung der übrigen Gebiete schon fast 200 Jahre zurück, so dass in den Franken und den Schwaben seit vielen Generationen schon zwei Herzen schlagen: ein bayerisches und ein fränkisches beziehungsweise schwäbisches. Die Altbayern wiederum haben zwar keine doppelten Identitäten, betonen aber gern das Gewicht, das dem bevölkerungsreichen und flächengrößten Bundesland zukommt. Dazu sind sie auf ihre fränkischen und schwäbischen Landsleute angewiesen. Und so kommt es, dass sich Altbayern, Franken und Schwaben näherstehen, als manchem unter ihnen lieb ist. Auch die Stärke der CSU war es stets, trotz eines im Allgemeinen eher altbayerischen Erscheinungsbildes, alle Landesteile gut zu integrieren. Der Proporz wurde dabei penibel geachtet.

Stellt sich frei nach einem Mann aus Bochum die Frage: Wann ist ein Bayer ein Bayer? Der Bayer, zumindest der Altbayer, selbst hat keine Zweifel daran, dass er er ist - "mir san mir", formuliert er es gern im Plural. Aber wer "mir" san und ab wann einer zu dieser vermeintlich homogenen Gruppe gehört, vermag auch er meist nicht darzulegen. So wird gern als notwendige Bedingung angeführt, der "Proband" müsse in Bayern gebürtig sein - und selbst den Eltern gestehen viele "echte" Bayern den Status der Zuagroasten nicht zu. Der Gegenprobe halten solche Anforderungen jedoch nur selten stand. Denn nur wenige Bayern sind gewillt, Landsleuten wie Edmund Stoiber (Mutter Rheinländerin), Ottfried Fischer (Vater Ostwestfale) oder gar Karl Valentin (Vater Hesse, Mutter Sächsin) die bajuwarische Identität abzusprechen. Und wer war noch mal die Mutter von Märchenkönig Ludwig II.? Richtig, Prinzessin Marie Friederike von - Preußen.

Das bayerische Mir-san-mir-Mantra kommt nicht von ungefähr. Gesegnet mit einem ordentlichen Minderwertigkeitskomplex muss sich der Bayer seiner eigenen Identität immer wieder versichern und damit vertuschen, dass er letztlich gar nicht so recht weiß, wer er eigentlich ist. Schließlich war Bayern nach dem Abzug der Römer erstmal ziemlich menschenleer, und erst später als andere deutsche Stämme fanden sich die Bajuwaren zusammen - als eine Folge aus Einwanderung und Vermischung verschiedenster Ethnien, also gerade dem, was der heutige Klischee-Bayer ablehnt, weil er dadurch seine Identität bedroht sieht.

Die bayerische Binnenwanderung

Auch innerhalb Bayerns wird übrigens noch heute rum-migrantelt, was das Zeug hält. Prominente CSUler geben dafür die besten Beispiele: Franz Josef Strauß etwa, der Münchner, der die CSU prägte wie kein Zweiter, entsprang einer mittelfränkisch-niederbayerischen Ehe. (Dass mittelfränkisch-niederbayerische Liaisons auch verhängnisvoll werden können, bewiesen nun Beckstein und Huber.)

Thomas Goppel wuchs als Sohn eines Oberpfälzers in Unterfranken auf, um sich nun schon seit 30 Jahren im oberbayerischen Landsberg am Lech in den Landtag wählen zu lassen, das wiederum im Grenzgebiet zu Schwaben liegt. Nun will er wie sein Vater Alfons Goppel selbst Ministerpräsident werden. Justizministerin Beate Merk wurde in Niedersachsen geboren, wuchs in Baden-Württemberg auf, um dann in Oberbayern und Unterfranken zu studieren, ihre Referendariatszeit in Niederbayern und der Oberpfalz zu absolvieren und schließlich im schwäbischen Neu-Ulm sesshaft zu werden.

Auch die je nach Standpunkt beschworene, kritisierte oder auch nur konstatierte Dominanz der Altbayern in der Geschichte der CSU relativiert sich bei näherer Betrachtung. Josef Müller, genannt Ochsensepp, zum Beispiel, der Begründer der CSU und ihr erster Vorsitzender, stammt aus dem oberfränkischen Steinwiesen. Hanns Seidel, Namensgeber der parteinahen Stiftung, kam aus dem unterfränkischen Aschaffenburg. 1955 setzte er sich bei der Wahl zum CSU-Chef gegen Strauß durch, auch Ministerpräsident war er für ein paar Jahre. Der Oberfranke Hans Ehard hatte ebenfalls beide Ämter inne. Der Schwabe Theo Waigel schließlich hielt sich zehn Jahre lang als Parteivorsitzender. Nur Protestanten gab es vor Beckstein nicht auf dem Stuhl des Ministerpräsidenten.

So stellt man letzten Endes fest: Der Bayer, auch wenn er Mitglied der CSU ist, stellt ein amorphes, in seiner Dialektik nicht zu greifendes Wesen dar - und je mehr er behauptet zu wissen, wer er sei, desto weniger sollte man ihm glauben.

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