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12.10.2008
 

Cem Özdemir

Die Rache des Pietcong

Ein Kommentar von Claus Christian Malzahn

Bundestag? Nein Danke! Noch vor seiner Wahl zum Grünen-Chef wurde Cem Özdemir von der Basis öffentlich gedemütigt. Der Vorgang zeigt, dass Multikulti dort im Ernstfall auch nur eine Phrase ist - und dass sich parteipolitisches Engagement inzwischen so lohnt wie ein Sprung ins Piranhabecken.

Berlin - Cem Özdemir, der anatolische Schwabe, steht bei den Grünen für mehr als für sich selbst. Während die meisten Apologeten dieser Partei bestenfalls die Summe ihrer historischen Irrtümer charakterisierten, brachte Özdemir frischen, liberalen Wind in die nicht mehr ganz taufrische Öko-Hütte. Er repräsentierte weniger die türkischen Einwanderer als vielmehr jene Migranten, die sich über alle ethnischen Grenzen hinweg dazu entschlossen hatten, in der Bundesrepublik nicht nur irgendwie anzukommen – sondern auch mitzumachen.

Grünen-Politiker Özdemir: Er scheiterte nicht an den Linken, sondern an den Realos
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DPA

Grünen-Politiker Özdemir: Er scheiterte nicht an den Linken, sondern an den Realos

Cem Özdemir wollte nicht, dass sich etwa eine Claudia Roth um ihn kümmert oder für ihn spricht. Er hat sich selbst gekümmert und reden kann er auch besser als die meisten Dorf-Joschkas in seiner Partei. Zur Playback-Generation, die der große Zampano nach seinem Abgang im Herbst 2005 erbschleichend im Anzug sah, gehört Özdemir eben nicht.

Nun haben ihn die Grünen, deren freundliches Gesicht Özdemir im November werden sollte, grundlos öffentlich gedemütigt und ihm bei zwei Kampfabstimmungen einen sicheren Listenplatz für den Bundestag verweigert. Doch bizarrerweise ist Özdemir nicht an den Parteilinken sondern an seinen vermeintlichen Freunden vom Realo-Flügel gescheitert. Anstatt den Weg für Özdemir freizumachen, der nach seiner Kandidatenrede sogar mit Standing Ovations gefeiert wurde, brachte man bei der letzten Abstimmung den Realo-Bürokraten Alex Bonde gegen ihn in Stellung. Manche Altvordere der Partei hatten wohl Angst, Özdemirs Stern könnte bald heller strahlen als der eigene.

Als Opfer des grünen Volksempfindens befindet sich der 42-jährige Wahl-Berliner freilich in guter Gesellschaft. Schon Petra Kelly, der Öko-Superstar der frühen Jahre, wurde von der sogenannten Basis gequält und an den politischen Rand gelabert, bis sie frustriert hinwarf. Özdemirs Altersgenosse Matthias Berninger, auch er ein politisches Nachwuchstalent, kehrte der Partei ebenfalls vor Jahren den Rücken.

Wer es bei den Grünen zu politischer Prominenz jenseits des Öko-Gartens brachte, der wurde vom politisch-korrekten Mittelmaß immer wieder gnadenlos an die Wand genagelt. Es ist ja kein Zufall, dass der langjährige heimliche Vorsitzende der Grünen, Joschka Fischer, nie ein Parteiamt angestrebt hat. Er wusste: Wer offiziell den Vorsitz übernimmt, der wird zur Zielscheibe. Fischer agierte lieber aus dem Hinterzimmer heraus – übrigens mit Erfolg. Der unberechenbaren Basis setzte er puren Machiavellismus entgegen; sein fast absolutes Herrschaftssystem war nicht im geringsten demokratisch legitimiert – und wurde ausgerechnet deshalb von der Basis achselzuckend hingenommen.

Kuhn blieb stumm - obwohl er wusste, dass es eng wird

Dass man bei den Grünen einem Repräsentanten die Instrumente aus der Hand schlägt, bevor er überhaupt in sein Amt gewählt wurde, kennzeichnet allerdings eine neue Qualität. Die Gründe liegen irgendwo zwischen Häme, nackter Eifersucht und Hysterie. Özdemirs Gegner werden mit dem wohligen Gefühl nach Hause gefahren sein, es "denen da oben" mal wieder ordentlich gezeigt zu haben. Dabei hat sich "da oben" in Baden-Württemberg am Samstag nicht so viel geändert – weder bei Mercedes-Benz, noch bei den Grünen. An der Spitze der Partei bleibt dort: Fritz Kuhn.

Kuhn, ein Super-Realo ohne großes Charisma und ausgesprochenem Hang zum Strippenziehen, wird nicht furchtbar unglücklich darüber sein, dass Özdemir in seinem Beritt gescheitert ist. Jedenfalls hat er auch nicht viel dafür getan, dass sich der um einiges jüngere und vor allem beliebtere Konkurrent im Landesverband durchsetzen konnte. Als es am Samstagabend in die entscheidende Abstimmung ging, blieb Kuhn jedenfalls stumm, obwohl er wusste, dass es eng wird. Nun bleiben die Verweser von 1968 und die Anhänger des schwäbischen Pietcong da, wo sie am liebsten sind: unter sich.

Sollte Özdemir an seiner Kandidatur zum Bundesvorsitzenden festhalten, muss er sich drei Dinge klarmachen. Erstens: Die Grünen waren in ihrer innerparteilichen Substanz immer eine Spur hinterhältiger und brutaler als andere Parteien. Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer, betitelte Goya 1799 eine Radierung - für die Grünen gilt das heute noch. Dort hat die Abwesenheit der verhassten bürgerlichen Ordnung nicht etwa eine menschelnde Alternative hervorgebracht – sondern menschliche Abgründe. Özdemir ist gestern hineingeworfen worden.

Zudem ist es zweitens denkbar, dass die Grünen einem anatolischen Schwaben zwar den politischen Aufstieg ermöglichen – aber keineswegs den politischen Erfolg gönnen wollen. Eine Multikulti-Mutti wie Claudia Roth, die stets tränenreich über das Elend der Welt lamentiert und über Migranten so spricht, als hätte sie es mit Behinderten zu tun, steht der nachhaltig verwirrten grünen Seele womöglich näher als ein Mann, der als inoffizieller Sprecher der aufgeklärten Einwanderer inzwischen von allen Seiten in die Pflicht genommen wird. Die riesige Chance, die darin für Migranten und Deutsche liegt, ist ausgerechnet von den Grünen, die immer am lautesten nach Multikulti gerufen haben, gar nicht begriffen worden.

Drittens – und das wiegt am schwersten – ist die seit 1979 vorgetragene grüne Offensive inzwischen zum ideologischen Rückzugsgefecht geworden. Özdemir aber wollte nie seine verkorkste linke Geschichte begradigen und seine Irrtümer abwickeln wie die meisten Senioren der Partei – weil er gar keine verkorkste Geschichte hat. Cem Özdemir wollte nach vorn, Geschichte neu schreiben. Es ist nicht ausgeschlossen, dass ihm das künftig noch gelingt. Die Grünen wollten ihn gestern zwar nicht. Aber ob im Gegenzug ein politisches Talent wie Özdemir die Grünen eigentlich braucht – das ist eine Frage, die der selbstgerechten Öko-Truppe noch erhebliche Kopfschmerzen bereiten könnte.

Wenn Özdemir sich nun gegen eine Kandidatur als Parteichef entscheiden sollte, kann man ihm das kaum übel nehmen: Hier geht es nicht nur um Karriere, sondern auch um Selbstachtung. Das gesellschaftliche Signal von Schwäbisch Gmünd ist jedenfalls ebenso deutlich wie fatal: Politisches Engagement, zumal für Einwanderer, lohnt sich am Ende doch nicht, weil deutsche Parteien ungefähr so kalkulierbar sind wie Piranhaschwärme. Wenn Özdemir trotzdem bei der Stange bleiben sollte, dann nicht den Grünen zuliebe - sondern weil er seine politische Verantwortung als prominenter Vertreter der Migranten-Community ernster nimmt als seine persönlichen Verletzungen.

Die Wunden sind freilich tief. Als Cem Özdemir in seiner schwäbischen Grundschule als kleiner Junge vor versammelter Klasse ankündigte, dass er aufs Gymnasium will, haben ihn seine Mitschüler ausgelacht. Ein Türke auf dem Gymnasium? Eine lustige Idee. Die pietistische Häme hat er nicht vergessen und es trotzdem geschafft. Seine Forderung, als Bundestagsabgeordneter und Parteivorsitzender auf gleicher Augenhöhe mit Claudia Roth agieren zu wollen, hat man in Schwäbisch Gmünd auch nicht ernst genommen. Auch das wird er sich merken.

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insgesamt 86 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
14.10.2008 von lis: nix verpasst

Hab ich doch nichts verpasst: Für Claudia Roth gilt die Trennung von Amt und Mandat nicht. Und Fritz Kuhn ist halt "nur" Mitglied im Parteirat (wie das Grünen-Präsidium korrekt heisst, was nicht als "Amt" [...] mehr...

14.10.2008 von elektronix: Dieser Artikel

ist des Spiegels unwürdig. Das ist kein Journalismus und keine Satire, das purer Zynismus und billige Effekthascherei ohne Übermittlung der eigentlich wichtigen Informationen. Furchtbar... mehr...

13.10.2008 von Volker_Detering: Wo bleibt der Gegenkandidat

Das ist ja mein Punkt - Oezdemir hat ja klare Schwachpunkte, aber es regt mich auf dass es keine Gegenkandidaturen gibt. Es ist eine gemeine Form von Feigheit der Basis mit Nein-Stimmen abzustrafen aber eine personelle [...] mehr...

13.10.2008 von heikoprasse: Grüner Pietcong?!?!?

Zu der recht einseitigen Ursachenanalyse des Artikels ist in anderen Kommentaren ja schon einiges geschrieben worden - mir fehlt auch das interne Fachwissen, um zu beurteilen, wie geeignet oder ungeeignet Cem Özdemir für Grüne [...] mehr...

13.10.2008 von lili13: Öko-Sektierer treffen auf Opportunisten...

Nach einem kurzen, aber ernüchternden Intermezzo in der Grünen Partei kann ich als "Ehemalige" sagen: So viele verbohrte Alt-68´er, Pharisäer und doppelmoralische, nur auf den eigenen Vorteil bedachte [...] mehr...

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