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25.10.2008
 

CSU-Parteitag

Sieger Seehofer zeigt sich demütig

Von Sebastian Fischer

Emotionen pur: Edmund Stoiber wird ausgebuht, Noch-Ministerpräsident Beckstein umjubelt. Horst Seehofer gibt als neuer CSU-Chef den Integrator. Und Ex-Chef Huber? Der hält die beste Rede seiner Amtszeit. Nebenher wird noch der ungeliebte Koalitionsvertrag mit der FDP abgenickt.

München - Horst Seehofer will sich nicht feiern lassen. Gerade haben ihn die Delegierten mit knapp über 90 Prozent zum neuen CSU-Vorsitzenden gewählt – ein mehr als gutes Ergebnis für den einst gefürchteten Einzelgänger der Partei. Es ist Seehofers Sieg. Ob er die Wahl annehme? Der 59-Jährige stapft die acht Stufen zur Bühne hoch, zum Mikrofon, grinst in die Menge: "Ich denke schon." Siegerpose? Gibt's nicht bei Seehofer.

Neuer CSU-Chef Seehofer: Mehr Demut als Überschwang
REUTERS

Neuer CSU-Chef Seehofer: Mehr Demut als Überschwang

Als dann in der Münchner Messehalle rund tausend Stühle über den Boden knarzen, sich die Delegierten zum Applaus für den Gewählten erheben, da winkt Seehofer ab: "Schluss. Aus." Und ab.

Es soll kein Neuanfang im Jubel sein. Sondern einer in selbstkritischer Reflexion. "Wir haben verstanden", beteuert Seehofer mit Blick auf das 43-Prozent-Desaster bei der Landtagswahl immer wieder. Als Ministerpräsident und CSU-Chef wolle er "einen Dienst für Bayern leisten". Oder noch allgemeiner: "Politik ist ein Dienst für die Menschen", es gehe dabei nicht um "Machtausübung oder Selbsterhöhung".

Die CSU übt sich in Demut.

An ihrer Spitze exerziert das einer vor, der bisher als so gar nicht demütig galt. Seine Biographie werde man umschreiben müssen, verkündet Seehofer dem Parteitag. Was habe er nicht alles über sich lesen müssen? Dass er ein Chamäleon, ein Egomane sei; dass er sich tagelang mit Tütensuppe in sein Berliner Appartement zurückziehe. Nein, der Katholik Seehofer darf sich hier nicht feiern, wie das noch Günther Beckstein und Erwin Huber bei ihrem Start vor einem Jahr zelebrierten: Auf den Stuhl klettern, in die Menge winken. Dabei gehört zumindest Beckstein als Protestant einer eher spröden Ausprägung des Christentums an.

Es ist zuviel geschehen mit dieser Partei seit den Januarnächten von Wildbad Kreuth 2007, seit dem Sturz von Edmund Stoiber. Zu viele Wunden sind gerissen, zu viele Vermutungen von Stoiber-Rache bis bayerischem Stammeskrieg gehen herum.

Ein Parteitag voller Emotionen

Just bei der Eröffnung dieses Sonderparteitags am Morgen sind Emotionen pur in diese Richtung zu besichtigen.

Noch-Generalsekretärin Christine Haderthauer begrüßt den Noch-Ministerpräsidenten – und minutenlanger Jubel bricht los. Beckstein steht auf, verneigt sich knapp, presst die Lippen aufeinander. Als er sitzt, kommen die Tränen. Zwei Plätze weiter starrt Edmund Stoiber auf seine Unterlagen. Vielleicht ahnt er schon, was jetzt kommt.

Haderthauer begrüßt den Ehrenvorsitzenden – und hinten rechts, da wo Becksteins Franken sitzen, da bricht sich jetzt der ganze Ärger Bahn: Sie pfeifen und buhen, Stoiber schaut irritiert. Vorne links im Oberbayern-Block - dem Bezirk also, dem auch Seehofer angehört – schauen sie sich nur fassungslos an.

Es ist dann der evangelische Pfarrer Dieter Breit, der in seinen geistlichen Worten die Stimmungslage dieser verletzlichen Partei seziert. "Lernprozesse können bisweilen schmerzlich sein", sagt er. Es tue weh, "wenn Veränderungen nicht nur Vertrautes umstürzen sondern Vertrauen selbst erschüttern".

So aufmerksam wurde dem Pfarrer wohl nur selten zugehört. Der 50-Prozent-Mythos gebrochen, nach nur einem Jahr wieder ein neuer Parteichef, wieder ein neuer Ministerpräsident. Vertrautes umgestürzt. "Die Suche nach einem Sündenbock", sagt der Pfarrer noch, "das ist ein uraltes Spiel".

Seehofers Rolle als demütiger Integrator ist entsprechend gut gewählt. "Die Integration ist mein Auftrag", sagt der Neue, in den nächsten Wochen werde er "in ganz Bayern missionarisch tätig sein". Paradox: Seehofers Rede gilt eigentlich der Koalitionsvereinbarung mit der FDP, die der Parteitag billigen muss. Gleichzeitig aber ist es auch seine Bewerbung um den Parteivorsitz. Dieses Doppel musste wohl noch kaum ein werdender Parteichef stemmen. Schon gar nicht in der CSU, wo Koalitionsverträge bisher kaum bekannt waren.

Seehofer appelliert an das Selbstbewusstsein der CSU

Seehofer verspricht eine umfassende Analyse des Wahl-Debakels vom September. Weiterhin sehe er für die CSU ein "Potential von 50 bis 60 Prozent", denn die Wähler hätten keinen Richtungswechsel vollzogen, sondern sich mit FDP und Freien Wähler nur für "andere bürgerliche Varianten" entschieden. Es sei "notwendig und existentiell" für die CSU, wieder über die 50-Prozent-Marke zu kommen. Ein entscheidendes Thema, um "Prinzipientreue" zu zeigen, sei die Reform der Erbschaftsteuer, bei der die CSU mit ihren Berliner Koalitionspartnern CDU und SPD im Clinch liegt. Seehofers Ansage an Kanzlerin Angela Merkel: "Mein Arbeitsplatz liegt zukünftig in München, aber meine Kampfkraft wird sich auch auf Berlin erstrecken." Die CSU sei "ein Kraftpaket".

In der offenen Aussprache muss sich Seehofer kritische Töne anhören. Insbesondere fränkische Delegierte bemängeln, dass die CSU-Wähler am 28. September nicht für Seehofer, sondern den Spitzenkandidaten Beckstein gestimmt hätten. Einer sagt: "Wir in Franken haben einen Ministerpräsidenten Doktor Günther Beckstein gewählt und niemand anders, von einem Herrn Seehofer war niemals die Rede." Der nimmt es locker: Es sei ihm lieb, wenn der Ärger artikuliert werde, sagt er nachher. Man solle jetzt nicht mehr "die seit Jahrzehnten bekannten Rituale auf dem Parteitag abziehen". Alles müsse "natürlicher werden".

Erwin Huber jedenfalls, der den Münchner Parteitag als Vorsitzender eröffnete und ihn schließlich als einfacher Delegierter verlässt, hat das bereits umgesetzt. Schien ihm jeder öffentliche Auftritt seit seinem Antritt im September 2007 als Kraftanstrengung, so hält er an diesem Samstag seine beste Rede.

Huber gibt sich selbstkritisch

Er habe die Erwartungen "nicht voll erfüllen können", gesteht Huber ein. Selbstkritik sei angesagt, keiner dürfe mit dem Finger auf andere zeigen, "wir müssen bereit sein, uns auf die eigene Brust zu klopfen". Wie Seehofer wirbt Huber dafür, keine "innerparteilichen Frontstellungen" aufkommen zu lassen. Und wie Seehofer reitet auch er eine Attacke auf Merkel. Er hat ihr nicht vergessen, dass sie ihn mit seiner Forderung nach Wiedereinführung der alten Pendlerpauschale ausgerechnet während des Bayern-Wahlkampfs abblitzen ließ. Das habe die absolute Mehrheit gekostet, sagen viele an diesem Tag in München.

Es gebe da vielleicht manche in der CDU, die meinten, es schade nicht, "wenn diese selbstbewusste CSU ein bisschen kleiner wird", sagt Huber. Aber "diesen Gefallen" werde man der Schwesterpartei nicht tun. Dann ist der hessische CDU-Chef Roland Koch dran – ohne dass Huber dessen Namen nennt. In Anspielung auf ein gemeinsames Papier von Koch und SPD-Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, in dem sich die beiden ebenfalls kurz vor der Wahl im Freistaat gegen die Pendlerpauschale aussprachen, sagt nun Huber: "Ich verstehe das auch deshalb nicht, weil dieser Freund immer die besondere Solidarität der CSU erfahren hat." Der Parteitag jubelt.

Und noch einmal kämpft Huber um sein persönliches Renommee. Wegen der Milliardenlöcher bei der BayernLB musste er in der vergangenen Woche seinen Rückzug als bayerischer Finanzminister ankündigen: Er habe die "politische Verantwortung übernommen, aber wesentliche Entscheidungen waren längst vor meiner Zeit getroffen". Schon seine Mutter habe ihn zu einer Banklehre drängen wollen, er aber habe immer abgelehnt: "Ich bin seinerzeit der Bank ausgewichen, ich hätte das auch 2007 machen sollen." Soll heißen: Er hätte vor einem Jahr nicht ins Finanzministerium wechseln sollen.

Kurz vor Seehofers Wahl muss über die Entlastung des alten Vorsitzenden abgestimmt werden. "Entlastung, nicht Entlassung, gell!", scherzt Erwin Huber vorne in der ersten Reihe. Die Stimmzettel heben sich. Huber guckt nicht hin. "Sie erleben live mit, wie in diesem Augenblick die Amtszeit des Vorsitzenden Erwin Huber endet", sagt Erwin Huber.

Und lächelt befreit.

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Die neuesten Beiträge:
16.06.2011 von derweise: Seehofer ist prinzipienlos!

Seehofer handelt ohne Prinzipien. Das Umfallen beim Atomausstieg hat dies wieder einmal gezeigt. Seehofer ist zudem nicht klar, daß Photovoltaik ein bloßes Phantom ist: 2010 brachte es lediglich 2 % an der [...] mehr...

17.05.2011 von gelldaschaust: Klar...

schön wärs. Dann wäre zumindest so etwas wie eine klare Linie erkennbar. Leider scheint sich Seehofer selber abends mit Weihrauch zuzudröhnen, und kommt dann auf die wildesten Ideen. Und mit christlichen Werten sind die [...] mehr...

02.05.2011 von wahlberechtigter: Romhörige CSU

Egal, wer bei der CSU an der Spitze steht, die Entscheidungen in der Papistenpartei CSU werden in Rom getroffen. Seehofer holt sich dort regelmäßig die Richtlinien und Instruktionen. Merkel bleibt nichts anderes übrig als [...] mehr...

01.05.2011 von heuss: Perspektiven

Das ist nicht zu vermuten, Seehofer kennt die Umfragen und weiss wo die "Felle schwimmen". Die Karrrierepipeline JU hatte sich schon auf Guttenberg eingerichtet und bangt nun um ihre Entwicklungsperspektiven. Ihre [...] mehr...

01.05.2011 von ray4901: Wie zu den besseren Zeiten?

Sie meinen, zurück zur absoluten Mehrheit? ;-) 40% und eine Koalition mit Gelb (wenn die Quote schaffen) wird doch auch mit Angie noch drin liegen. Wir in BaWü drücken ihm alle Daumen. Er hat doch unserem designierten MP schon [...] mehr...

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