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08.11.2008
 

NPD-Demo

Nazis marschieren in Magdeburg ins Leere

Aus Magdeburg berichtet Natascha Gillenberg

"Tod den Kinderschändern!" Nach dem Missbrauch eines fünfjährigen Mädchens marschierten am Freitagabend knapp 200 Neonazis durch Magdeburg. Die Bevölkerung wollte von dem Aufmarsch der Rechtsextremen allerdings nichts wissen - anders als in Leipzig nach dem "Fall Michelle".

Magdeburg - Ab 18 Uhr sammeln sie sich im Dunkel der Bahnhofsunterführung: Junge Männer mit martialisch kurzgeschorenen Haaren, schwarzen Hosen und Pullovern der szenetypischen Marken Thor Steinar oder Lonsdale. Einige halten zusammengerollte schwarze Fahnen in ihrer Hand, die sie später an der Spitze des Zugs tragen werden. Vereinzelt sieht man ein paar junge Frauen, außerdem zwei, drei ältere Männer.

Nazi-Aufmarsch in Magdeburg: "Neun Millimeter für pädophile Täter!"
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recherche-nord.de

Nazi-Aufmarsch in Magdeburg: "Neun Millimeter für pädophile Täter!"

Sie alle sind dem Aufruf von NPD, den Jungen Nationaldemokraten (JN) und der "Freien Nationalen Strukturen" gefolgt - offiziell wollen sie gegen den sexuellen Missbrauch eines fünfjährigen Mädchens in Magdeburg-Neustadt demonstrieren. Fast 200 sind gekommen, nicht nur aus Magdeburg, auch aus Halle, Berlin und anderen Orten sind sie angerückt. 100 Polizisten stehen ihnen gegenüber, ein zusammengewürfeltes Team aus Magdeburg und Umgebung - denn die Kundgebung war erst einen Tag zuvor angemeldet worden.

Ursprünglich wollten die Neonazis ihre Demonstration am Neustädter Bahnhof vor der Synagoge beginnen - das aber haben das Magdeburger Bündnis gegen Rechts und Miteinander e.V. verhindert. "Ein solcher Aufmarsch an diesem Ort, zwei Tage vor dem 9. November und 70 Jahre nach der Reichspogromnacht - das ist unerträglich", sagt Waltraud Zachhuber, Pfarrerin aus Magdeburg. Sie hat eine Mahnwache vor der Synagoge angemeldet, mit ihr demonstrieren 80 weitere Bürger mit Kerzen und Plakaten gegen die Neonazis.

Nazis nutzen emotionales Thema aus

Davon aber haben sich die Rechtsextremen nicht abhalten lassen, denn der sexuelle Missbrauchs eines kleinen Mädchens in der vergangenen Woche ist ein guter Anlass, ihre Parolen auf die Straßen zu tragen. Eine "lebenslange Integrationsstörung" diagnostizieren die Neonazis den Opfern sexuellen Missbrauchs und fordern deshalb nichts weniger als die Todesstrafe für Kinderschänder. "Sie nutzen schon seit Jahren dieses emotional aufgeladene Thema und greifen bewusst die Ressentiments in der Bevölkerung auf, um sich zu Fürsprechern von Eltern zu machen", sagt David Begrich von der Arbeitsstelle Rechtsextremismus bei Miteinander e.V. Die Sprachlosigkeit der Politik schaffe ein Vakuum, das sich Rechtsextremen zu Nutze machten.

Gegen halb acht schließlich geht es los, die Gegendemonstration der Magdeburger Bürger setzt sich in Bewegung, in einigem Abstand dahinter folgen die Neonazis. Bis zur Nikolaikirche sorgt die Polizei dafür, dass beide Demonstrationen nicht aufeinander treffen. Dann aber stehen sie sich direkt gegenüber. Einige Neonazis bauen sich mit Kerzen neben der Kirche auf, eine Zeitlang brüllen sie ihre Parolen: "Frei! National! Sozialistisch!" und "Neun Millimeter für pädophile Täter!" - werden dann aber vom Geläut der Kirchenglocken übertönt.

Trotzdem klatschen die Rechtsextremen ihrem Redner Beifall, der per Megafon seine Ideen von der "gesunden, deutschen Familie" kundtut und den Staat kritisiert, der sich nicht um die Opfer von Sexualstraftätern kümmere. Dann geht der Aufmarsch der Rechten weiter durch Magdeburg-Neustadt. Das Gebrüll schallt durch die nächtliche Straßen. Angelockt durch das lautstarke Spektakel treten die Anwohner neugierig auf ihre Balkone und vor ihre Haustüren. Die Reaktionen bleiben verhalten, im Gespräch bekundet hin und wieder einer seine Zustimmung für die Forderung nach härteren Strafen für Sexualstraftäter. Aber Beifall klatschen für NPD und JN - das will hier an diesem Abend, anders als in Leipzig nach dem "Fall Michelle", niemand.

Verhöhnung von Kirche, Presse und Obama

In einer Seitenstraße formieren sich die Demonstranten noch einmal, ein Sprecher liest sich leicht stotternd durch sein Manuskript, das die "Solidargemeinschaft der DDR" und die "Volksgemeinschaft" beschwört und den heutigen "Individualismus" und die "Ellbogenmentalität" anprangert. Dass die Forderung nach der Todesstrafe für Kinderschänder in der Tat nur die Kulisse bildet für die üblichen rassistischen und rechtsextremen Botschaften, wird deutlich, als Matthias Gärtner ans Mikrofon tritt. Der Politikstudent ist Landesgeschäftsführer der JN Sachsen-Anhalt und Bundesschulungsleiter, er gilt als einer der intellektuellen Köpfe der Szene.

Mit schriller Stimme klagt er über Kirchen, die ihre Glocken läuten, statt die Rechtsextremen in ihren Anliegen zu unterstützen. Er verhöhnt die Presse, die angeblich über Vorfälle sexuellen Missbrauchs nicht berichte, weil sie zu sehr mit ihrer Begeisterung über dem "negriden Präsidenten Kanack ...äh ... Barack Obama" beschäftigt sei. Er hetzt gegen einen Staat, der sich um die vergebliche Therapierung von "Kinderschändern" kümmere, während andere im Land weder Geld noch Arbeit hätten. "Ein dreifach donnerndes Heil" will er von seinen "Kameraden" hören, dann ertönt sein Kommando, in Dreierreihen weiter zu marschieren.

Eine Weile noch skandieren sie ihre Parolen in den Straßen Magdeburgs, gegen halb zehn dann löst sich die Demonstration ohne weitere Vorkommnisse auf. Ein Erfolg war die Kundgebung wohl eher nicht.

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