Aus Erfurt berichtet Florian Gathmann
Erfurt - Als es spannend wird, wirkt Cem Özdemir plötzlich ganz cool.
Gerade hat er für den Grünen-Chefposten vorgesprochen, dann die obligatorischen fünf ausgelosten Fragen aus den Reihen der Delegierten beantwortet. In diesen Momenten sirren rund 800 Signale per elektronischen Stimmgeräten durch die Erfurter Messehalle, die auf dem Podium eine Zahl ergeben werden: Özdemirs Wahlergebnis.
Neuer Grünen-Chef Özdemir, Co-Vorsitzende Roth: Gute Ergebnisse
Er hat so viel ertragen in den vergangenen Wochen, jetzt sind diese Sekunden nur noch eine Kleinigkeit.
Auch Claudia Roth, die nun den Kameras und Fotoapparaten ihr überdrehtes Claudia-Roth-Lachen zeigt, erträgt er scheinbar stoisch. Dabei hat Roth, die zuvor mit überraschend guten 82,7 Prozent als Vorsitzende bestätigt wurde, damit die Messlatte für ihn noch höher gehängt.
Aber Özdemir weiß, dass er fast alles versucht hat, um ein gutes Ergebnis als Vorsitzender einzufahren: Zunächst hat der 42-Jährige Buße getan, nach 2002, als er wegen eines Kredits des PR-Manns Moritz Hunzinger und privat verflogener Bonusmeilen seine Wiederkandidatur für den Bundestag absagte. Dann hat Özdemir - nach einer politischen Auszeit - im Europaparlament bewiesen, dass er nicht nur der von den Medien geliebte "anatolische Schwabe" ist, sondern auch staubige Sacharbeit kann. Und von seinem baden-württembergischen Landesverband hat sich Özdemir auf dem Schwäbisch Gmünder Listenparteitag vor einigen Wochen so mies behandeln lassen, dass es beinahe einer Selbstkasteiung gleich kam. Denn dass er in zwei Kampfabstimmungen um aussichtsreiche Plätze für die Bundestagswahl unterlag, hatte sicher mit der fehlenden Unterstützung des Südwest-Oberrealos Fritz Kuhn zu tun.
Schwerer Schlag für Kuhn
Dass Kuhn seinem Landsmann nicht beistand, bekommt er am Ende eines langen Abstimmungs-Marathons zu spüren: Er scheitert überraschend beim Versuch, erneut in den 13-köpfigen Parteirat einzuziehen. Sechs Stimmen erhält er weniger als Gerhard Schick, der finanzpolitische Sprecher der Bundestagsfraktion. Neu in das Gremium schaffen es auch der Berliner Fraktionschef Volker Ratzmann und Arvid Bell, ein Vertreter der Grünen Jugend.
Allerdings gab es neben dem Ärger über seinen mangelnden Einsatz für Özdemir auch grundsätzliche Kritik an Kuhn im Vorfeld des Parteitags: Er profiliere die Bundestagsfraktion zu wenig, heißt es. Den Parteilinken passt zudem sein Afghanistan-Kurs nicht.
Glücklich ist über Kuhns Scheitern allerdings niemand. "Absoluter Mist" und ähnliches hört man von Realos wie Parteilinken. Einig ist man sich auch darin, dass es ein verheerendes Signal für das Bundestagswahljahr ist, einen so erfahrenen, aber auch qua Amt wichtigen Mann wie Kuhn aus dem Gremium zu werfen.
Wie immer bei den Grünen will niemand Schuld haben, wenn ein Parteipromi durchfliegt - so ist es auch diesmal. Realos und Vertreter der sogenannten Jungen Grünen, ähnlich den SPD-Netzwerkern, weisen jegliche Verantwortung von sich. "Niemand von uns wollte Kuhn abstrafen", ist zu hören. Also doch die Parteilinken? Nein, dafür könnten sie nichts, lautet deren Antwort.
Und was sagt Kuhn? Erstmal gar nichts.
Özdemir gab nach der Listenpleite nicht auf
Özdemir hat jedenfalls nach der Pleite in Schwäbisch Gmünd nicht hingeschmissen, obwohl das Grünen-Chef-Sein ohne Bundestagsmandat die Sache nicht einfacher macht - das konnte man bei seinem Vorgänger Reinhard Bütikofer erleben. Wohl auch, weil Realos und Junge Grüne auf ihn eingeredet haben. "Unser Lager braucht Cem" war ihre Losung, gegen Roth und Jürgen Trittin, die Ikonen der Parteilinken.
Aber braucht die Partei Cem?
Natürlich, wie immer bei wichtigen Grünen-Entscheidungen, haben sich die Flügel abzustimmen versucht. In diesem Fall lief das in etwa so: Ihr wählt Cem, wir dafür Claudia. Nur, in den zähen Stunden vor der Vorstandswahl, begannen irgendwann schlechte Nachrichten für Özdemir zu kursieren: "Die Linken wollen sich nicht an die Abmachung halten", hieß es. Oder: "Die Ansage der Linken war nicht klar."
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