Aus Erfurt berichtet Florian Gathmann
Also saß Özdemir, während auf den Podium über Menschenrechte gestritten wurde, über die grüne Lösung der Finanzmarktprobleme und die Rechte von Frauen, auf seinem Platz und wartete. Viele lange Stunden, vor ihm die Manuskriptseiten mit seiner Rede. "Gut geht es mir", sagte er. Und dass er auf ein gutes Ergebnis baue. Dann musste sich Özdemir auch schon wieder umarmen lassen, viele wollten ihm sehr nachdrücklich Glück wünschen. "99,5 Prozent", sagte eine junge Frau, "ich habe darauf gewettet."
Was bleibt da anderes, als zu lachen.
"Wenn die Linken nicht liefern, gibt es richtig Ärger", sagte dann jemand mit Einfluss aus dem Realo-Lager. Abbekommen könnte diesen Jürgen Trittin, der gemeinsam mit Bundestagsfraktionschefin Renate Künast am Sonntag als Spitzenkandidat gewählt werden soll. "Alles Quatsch", hieß es zwar von den Parteilinken. Aber dass die Parteilinke nicht für ihre Disziplin bekannt ist, wurde eingeräumt.
Das lange Warten des Cem Özdemir
Und Özdemir saß da und wartete.
Dann war Claudia Roth an der Reihe. Die Herz-Schmerz-Vorsitzende sagte genau das in ihrer Bewerbungsrede, wofür sie ein Teil der Grünen liebt. Verlangte mehr "Bündnisse der Menschlichkeit" und prangerte die "Abschiebeknäste der Bundesrepublik" an. Pathos-Profi Roth traf wie immer den Nerv ihrer Fans. Lauter, dann stehender Beifall, auch Özdemir erhob sich und klatschte rhythmisch. Roth bekam über 15 Prozent mehr als bei ihrer letzten Wahl 2006 in Köln.
Danach stand Özdemir am Podium. Dass vieles von seiner Rede abhängen würde, hatte man nicht nur Journalisten erzählt. Also lobte er, klugerweise, zunächst Roth und den scheidenden Bütikofer. Das brachte den ersten Beifall ein.
Aber warum will er Parteichef werden?
"Das Interesse an uns Grünen ist nach wie vor groß", sagte Özdemir, das Programm der Partei sei großartig. Aber grüne Politik werde zu wenig umgesetzt - daran wolle er arbeiten. Ein bisschen Außen-, ein bisschen Innenpolitik, ein bisschen Finanzmarktschelte. Dann rügte Özdemir die Große Koalition, watschte "jene Partei ab, die sich FDP nennt" und kritisierte die "unterkomplexe Linke". Es war keine Joschka-Fischer-, aber eine gute Rede, auch mit Witz. Das zeigte der Beifall.
Und am Schluss traf der nüchterne Özdemir sogar den urgrünen Kern: "Alle müssen uns gleich wichtig sein - egal ob man aus Aserbaidschan oder Anatolien kommt oder aus einer Familie, die schon im Teutoburger Wald gegen die Römer gekämpft hat." Dafür wolle er sich einsetzen. Özdemir bekam ebenfalls Standing Ovations, auch Claudia Roth klatschte im Stehen ihr eigentümliches Seehund-Klatschen.
Nun aber rechnet der Computer der Parteitagsregie.
Und dann heißt es vom Podium: "Wir haben ein Ergebnis." Cem Özdemir schaut auf die große Leinwand, während die Zahlen vorgelesen werden - der Kandidat bekommt 79,2 Prozent.
In wenigen Schritten ist Özdemir am Rednerpult, trotz des Journalistenpulks um ihn herum. Er ist jetzt ein mit einem sehr ordentlichen Ergebnis gewählter Vorsitzender, das sehen auch seine Unterstützer so, sie nennen es ein "prima" Ergebnis. "Ich danke Euch", sagt Özdemir durchs Mikrofon, es klingt sehr erleichtert.
Noch erleichterter sieht Jürgen Trittin aus - bei Özdemir haben seine Parteilinken geliefert.
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