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18.11.2008
 

Politiker auf Wikipedia

Wahlkampf oder Wahrheit

Von Friederike Freiburg, Björn Hengst und Annett Meiritz

Geschönt, gelöscht - oder abgeschaltet: Ein offenbar manipulierter Wikipedia-Eintrag alarmiert die Parteien und wirft die Frage auf, wie man mit dem Mitmach-Lexikon umgehen soll. Für den Wahlkampf 2009 setzen die einen auf die Kraft der Community, und andere legen selbst Hand an.

Berlin/Hamburg - Angenommen, Sie haben einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Nehmen wir weiter an, dort steht etwas, was Sie für falsch halten. Ändern Sie es selbst? Schicken Sie eine empörte Mail? Oder nehmen Sie sich einen Anwalt?

Politiker Söder, Beck, Al-Wazir, Heilmann: "Parteimitglieder versuchen immer wieder, auf Artikel Einfluss zu nehmen"
DPA; DDP; AP

Politiker Söder, Beck, Al-Wazir, Heilmann: "Parteimitglieder versuchen immer wieder, auf Artikel Einfluss zu nehmen"

Für Letzteres hat sich der Linkspartei-Bundestagsabgeordnete Lutz Heilmann entschieden - und die deutsche Seite des Angebots vorübergehend komplett sperren lassen.

Doch ob das ein geschickter Schachzug war, bezweifeln nicht nur Kritiker, sondern auch Parteifreunde. "Die Partei findet die Reaktion von Lutz Heilmann unangemessen", sagte Fraktionssprecher Hendrik Thalheim. Die Sorge der Linken liegt auf der Hand - als indirekte Nachfolgepartei der SED fürchtet sie, mit dem Vorwurf der Zensur in Verbindung gebracht zu werden. Und das wäre eine Steilvorlage für den politischen Gegner im Wahlkampf.

Konkret hatte sich der Politiker unter anderem gegen die Berichterstattung über einen Online-Sexshop seines Ex-Freundes gewandt. Das Lexikon hatte noch am 7. November geschrieben, Heilmann habe diesen Sexshop "mitbetrieben". "Dieses entspricht nicht der Wahrheit", heißt es in einem Schreiben seiner Anwälte.

Der Politiker pocht darauf, er habe nur seine Rechte wahren wollen. "Die Darstellungen sind geeignet, meinen Ruf zu schädigen", sagte der Linkspartei-Abgeordnete SPIEGEL ONLINE. Er habe in einem Schreiben von Wikipedia Deutschland die Tilgung der Passagen gefordert, so Heilmann, jedoch vom Verein Wikimedia e.V. eine Absage kassiert. Einzig eine in Florida "inkorporierte Stiftung mit Sitz in San Francisco" sei dafür verantwortlich. Der Verein könne daher "nicht dafür einstehen, dass bestimmte Äußerungen oder Inhalte dauerhaft aus dem für ihn fremden Angebot entfernt werden".

Den komplizierten Umweg über die USA wollte Heilmann nicht gehen - und ließ die Seite per einstweiliger Verfügung abschalten. "Ich habe keine andere Möglichkeit gesehen, meine Rechte zu wahren", sagt der Abgeordnete.

Stimmungsmache in "Edit Wars"

In den USA würde Heilmanns Geschichte wohl kaum jemandem auffallen. Dort scheint die Manipulation von Online-Lebensläufen längst eine Art Volkssport zu sein - sei es durch Schlechtmachen oder Aufpolieren. Politiker-Biografien werden geschönt, erfunden oder schlicht komplett ausgetauscht. "Edit Wars" nennt sich das auf Englisch, was so viel wie "Krieg der Bearbeiter" bedeutet. Da werden Einträge aufgehübscht - oder eben in die andere Richtung gedreht. Und Stimmung gemacht.

Heerscharen von Praktikanten sind in den Büros der Abgeordneten in Washington ausschließlich damit befasst, den Informationsfluss über "ihren" Politiker im Web zu verfolgen. Im Jahr 2006 manipulierten Unbekannte Hunderte Wikipedia-Einträge von US-Parlamentariern - die Spuren ließen sich bis in das Netzwerk zurückverfolgen, aus dem die Einträge stammten. Es waren Rechner mit IP-Adressen des US-Kongresses.

Ein solches Szenario scheint auch in Deutschland nicht mehr undenkbar - denn auch in der hiesigen Parteienlandschaft finden sich schon jede Menge Beispiele für peinliche Manipulationen. SPIEGEL ONLINE hat einige zusammengestellt:

"Parteimitglieder versuchen immer wieder, auf Artikel über Abgeordnete Einfluss zu nehmen", erklärt Kurt Jansson, Vorsitzender der Wikimedia Deutschland e.V., "aber oft gehen diese Aktionen nach hinten los". Denn plumpe Änderungen würden häufig binnen Minuten entdeckt, so Jansson, der auch für SPIEGEL WISSEN arbeitet. "Generell sollte man vom Wikipedia-Eintrag über die eigene Person die Finger lassen", rät er Politikern, "ganz besonders, wenn es um persönliche Standpunkte geht." Besser sollten sie Meinungsbeiträge auf Diskussionsseiten und Foren veröffentlichen oder sich direkt an die Autoren wenden.

"PR hat hier nichts verloren"

Spätestens 2009 sollte sich jede Partei darüber im Klaren sein, wie sie es mit Wikipedia halten will. Denn dann wird ein neuer Bundestag gewählt, und wie wichtig das Medium Internet im Wahlkampf sein kann, hat das Team des künftigen US-Präsidenten Barack Obama vorgemacht.

Die Grünen etwa wollen Wikipedia während des Wahlkampfes genau beobachten - und setzen im Umgang mit der Online-Enzyklopädie auf Transparenz. "Wir schätzen Wikipedia als führende Online-Enzyklopädie und wissen: PR hat dort nichts verloren", sagte Robert Heinrich. "Wenn Inhalte über Partei oder Vorstand sachlich falsch sind, weisen wir darauf hin und setzen auf die Kraft der Community, von der wir viel halten." Das meiste kläre sich dann, sagte er. "Probleme entstehen, wenn man versucht, Dinge schön zu schreiben."

Hinweise gäben die Grünen-Mitarbeiter stets mit ihren Klarnamen und ihrer Funktion, "auf keinen Fall machen wir so was über V-Leute. Transparenz ist uns wichtig". Die einzelnen Abgeordneten kümmern sich nach Angaben des Sprechers der Bundestagsfraktion, Christoph Schmitz, selbst um ihre Wikipedia-Einträge - oder lassen das ihre Büromitarbeiter erledigen.

In den Reihen der Union sind die Vorstellungen weniger detailliert. CDU-Abgeordnete kümmern sich in der Regel selbst um ihre Einträge, die Vorgehensweise bleibt ihnen überlassen. Die CSU sorgt sich nach Angaben ihres Sprechers Hans Michael Strepp im Grunde gar nicht um das, was sich in der Wikipedia-Welt tut. "Wir beobachten das Online-Lexikon nicht aktiv und nehmen auch keine Veränderungen vor", sagte er.

Die Linkspartei überlässt eine mögliche Kontrolle der Wikipedia-Einträge nach wie vor ihren Abgeordneten. In der Parteizentrale sind keine Mitarbeiter dafür zuständig, die Arbeit der Online-Enzyklopädie zu beobachten.

Bei der FDP hat jeder Abgeordnete seinen eigenen Eintrag im Blick, zwar nicht täglich, wie Gisela Piltz, innenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion, sagte, "aber immer mal wieder". Bei Bedarf allerdings "muss es jedermann im Rechtsstaat möglich sein, gegen ehrverletzende oder unwahre Tatsachenbehauptungen vorzugehen", forderte sie in einer gemeinsamen Erklärung mit ihren Fraktionskollegen, dem FDP-Internet-Experten Joachim Otto. "Es ist unverhältnismäßig, ein ganzes Informationsportal zu sperren, um einen einzigen Beitrag unzugänglich zu machen".

Von der SPD war trotz mehrfacher Nachfragen keine Stellungnahme zu erhalten.

Eintrag zum Irakkrieg grob manipuliert

Registrierte Autoren, Foren, Richtlinien - das sind die Kontrollmechanismen von Wikipedia. Ob das Prinzip der Selbstregulierung auch im Wahlkampf greift, wird sich 2009 zeigen. Es seien bislang keine "zentral gesteuerten" Maßnahmen geplant, um die Diffamierung politischer Gegner zu verhindern, sagt Jansson. Im Notfall - bei hartnäckiger Manipulation beispielsweise - wird der Eintrag vorübergehend gesperrt.

Wikipedia-Richtlinien: "Schädige niemanden"

Schreibstil

Du solltest in neutraler, unzweideutiger Weise dokumentieren, welche verlässlichen unparteiischen Quellen über den Betroffenen veröffentlicht haben und gegebenenfalls auch, was die Person über sich selbst veröffentlicht hat. Der Schreibstil soll neutral, faktenorientiert und zurückhaltend sein. Es sollten weder hagiografische noch sensationsheischende Töne vorkommen. (…) Wenn du über ein negatives Ereignis schreibst, berücksichtige auch entlastende Informationen, bemühe dich immer um Ausgewogenheit.


Verlässliche Belege

Personen des öffentlichen Lebens

Umgang mit Artikeln über sich selbst

Die Entwicklung in den USA, wo so manche Web-Innovation ihren Anfang nahm, gibt allerdings zu denken. Denn dort wird munter Geschichtsklitterung betrieben, wenn es der politischen Karriere nutzen könnte. Krassestes Beispiel: Der Eintrag zum Einmarsch im Irak 2003 wurde grob manipuliert. Zeitweise stand dort, Präsident George W. Bush habe zwischen den Attentaten des 11. September 2001 und dem Irak "nie eine Verbindung suggeriert" - stattdessen sei es als "zwingend angesehen worden, dass eine solche Verbindung bestanden" habe. Die Computer, von denen aus die Änderungen vorgenommen wurden, standen in Regierungsbehörden.

Wikipedia-Inhalte finden sich auch auf der größten kostenlosen Recherche-Datenbank im deutschsprachigen Internet, SPIEGEL WISSEN.

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