Konflikt über BKA-Gesetz
Schäuble verlangt neue Abstimmungsregeln im Bundesrat
Der Innenminister fordert Konsequenzen: Nach dem Konflikt um das geplante BKA-Gesetz will Wolfgang Schäuble die Abstimmungsregeln im Bundesrat ändern lassen. In Zukunft solle die Mehrheit der abgegebenen Stimmen entscheiden - Enthaltungen würden nicht mehr gewertet.
Berlin - Innenminister Wolfgang Schäuble hat eine Reform der Abstimmungsregeln im Bundesrat vorgeschlagen - als Konsequenz aus dem Streit der Großen Koalition über das BKA-Gesetz.
DPA
Innenminister Schäuble: Für eine Reform der Bundesrats-Abstimmungen
In einem Brief an die Vorsitzenden der Föderalismuskommission sprach Schäuble sich dafür aus, dass künftig "im Zweifel die Mehrheit der abgegebenen Stimmen im Bundesrat entscheidend" sein sollen. Das sagte Schäuble am Freitag nach der Innenministerkonferenz in Potsdam.
Damit will der CDU-Politiker der Tatsache entgegenwirken, dass sich oft Länder bei strittigen Themen enthalten - wegen entsprechender Vereinbarungen in Koalitionsverträgen. Es müsse geprüft werden, ob diese Praxis dem Verständnis des Bundesrats entspreche, sagte Schäuble.
Eine Enthaltung wird im Bundesrat derzeit faktisch wie eine Nein-Stimme gezählt - denn nur mit genug Ja-Stimmen kommt ein Gesetz durch. Im Streit um das BKA-Gesetz haben zahlreiche Koalitionsregierungen eine Enthaltung angekündigt. Die umstrittene Reform wird deswegen voraussichtlich in der kommenden Woche am Freitag in den Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat verwiesen.
SPIEGEL ONLINE
Grafik: Stimmenverteilung im Bundesrat
In Koalitionsvereinbarungen auf Landesebene ist in der Regel eine Formulierung enthalten, nach der man sich im Streitfall im Bundesrat enthält. Für eine Änderung des Grundgesetzes ist eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Bundestag nötig. CDU/CSU und SPD stellen zusammen 445 von 612 Abgeordneten und haben damit die erforderliche Anzahl von Stimmen.
SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz hatte sich zuvor optimistisch gezeigt, dass es beim Streit über das BKA-Gesetz noch "vor Weihnachten" eine Einigung gebe. Das sagte Wiefelspütz am Freitag im ZDF-Morgenmagazin.
In der Politik wollten nun mal "viele mitreden", sagte der Sozialdemokrat mit Blick auf die Innenministerkonferenz. "Und auch die Bundesländer wollen vielleicht mal dem Bund für ein paar Tage zeigen, wo der Hammer hängt." Die Diskussion sei aber "kein Binnen-SPD-Problem", vielmehr gebe es "eine ganze Reihe von unionsregierten Ländern, die bislang auch ihre Zustimmung versagt" hätten, sagte Wiefelspütz. Zugleich räumte er den Ländern "ein durchaus legitimes Interesse" daran ein, an der Schnittstelle zwischen der Bundeszuständigkeit und der Landeszuständigkeit für Terrorismusabwehr "noch mal genauer hinzuschauen".
DIE ERGEBNISSE DER INNENMINISTERKONFERENZ
(Klicken Sie auf die Überschrift, um mehr zu erfahren)
Bund und Länder sind sich einig, dem Bundeskriminalamt
(BKA) größere Befugnisse in der Terrorabwehr zu übertragen. Doch
konnten Bedenken wegen Details der Online-Durchsuchungen sowie dem
Zeugenschutz von Berufsgeheimnisträgern nicht ausgeräumt werden. Nun
wird mit einem Kompromiss im Vermittlungsausschuss des Bundesrates
gerechnet.
Zur Bekämpfung der Jugendgewalt ist vorgesehen, die
länderübergreifende Zusammenarbeit unter anderem durch einen engeren
Datenaustausch über Schwerkriminelle zu verbessern. Polizisten sollen
in Schulungen lernen, Risikofaktoren für eine Fehlentwicklung von
Kindern und Jugendlichen schneller zu erkennen. Zudem sollen mehr
Polizisten mit Migrationshintergrund eingestellt werden.
Keine Einigung erzielten die Innenminister zum Vorstoß des
niedersächsischen Innenministers Uwe Schünemann (CDU), die
rechtsextreme NPD von der staatlichen Parteienfinanzierung
auszuschließen. Das Gutachten soll vor einer Bewertung zunächst
gründlich gelesen werden. Vor allem SPD-geführte Länder, die für ein
neues Verbotsverfahren plädieren, hatten den Vorstoß als ungenügend
gerügt.
Die umstrittene Organisation Scientology wird als
verfassungswidrig eingestuft und soll - zumindest in deren Zentren
vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Ein Verbotsverfahren wird
derzeit aber nicht angestrebt.
Deutschland ist bereit, im europäischen Rahmen bis zu 2500
Flüchtlinge aus dem Irak aufzunehmen und ihnen dauerhaften
Aufenthalt zu gewähren. Damit eine dauerhafte Integration abgesichert
wird, soll für eine "angemessene Vorbereitung" das Übergangslager
Friedland genutzt werden.
Vier Jahre nach Inkrafttreten des neuen Aufenthaltsgesetzes
soll das Ausweisungsrecht überprüft und vereinfacht werden.
Vorschläge dazu soll eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe erarbeiten.
Die Länder bekräftigen ihre Bereitschaft, mehr
Polizeiausbilder nach Afghanistan zu schicken. Im Rahmen der
europäischen Polizeimission EUPOL soll Deutschland bis zu 120
Experten bereitstellen. Zudem sollen bilaterale Polizeiprojekte
forciert werden.
Bund und Länder wollen sich erst nach einer neuen
Kostenschätzung über die Finanzverteilung des auf 500 Millionen Euro
geschätzten Vorhabens verständigen. Bisher will der Bund zehn Prozent
der Kosten tragen, das ist den Ländern zu wenig. Im Jahr 2011 soll im
Rahmen der EU in der Bundesrepublik ein sogenannter
registergestützter Zensus stattfinden, bei dem nicht mehr die gesamte
Bevölkerung befragt wird. Stattdessen wird auf Melderegister und
Daten der Bundesagentur für Arbeit zugegriffen.
Angesichts wachsender Zahlen von Betrügereien durch
manipulierte Geldautomaten fordern die Innenminister mehr
Sicherheitsvorkehrungen der Banken. Im vergangenen Jahr wurden rund
1350 Fälle registriert, die einen Schaden von etwa 21 Millionen Euro
verursacht haben. Im ersten Halbjahr 2008 wird von einer Steigerung
um fast 50 Prozent ausgegangen.
Die Innenminister fordern ein härteres Vorgehen gegen Drogen
am Steuer Hier solle es künftig die Möglichkeit geben, schon bei
Verdacht einer Fahrt unter Einfluss "harter Drogen" den Führerschein
zu entziehen. Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) soll einen
entsprechenden Gesetzentwurf vorlegen.
Mit einer bundesweiten Kampagne Anfang 2009 wollen die
Innenminister der steigenden Zahl von Motorradfahren an den
Verkehrstoten entgegenwirken. Unerlaubte technische Veränderungen
sollen mit höheren Bußgeldern belegt werden.
Amtliche Gefahrendurchsagen sollen über den
öffentlich-rechtlichen Rundfunk per satellitengestütztem Warnsystem
des Bundes (SatWas) ausgestrahlt werden. Die Innenminister
bestätigten dafür einen Vereinbarungsentwurf zwischen dem
Bundesinnenministerium und den in der ARD zusammengeschlossenen
Rundfunkanstalten sowie Deutschlandfunk.
cte/AP/dpa