Die "Süddeutsche Zeitung" (München) schreibt:
"Schäuble also wusste offenbar seit langem um die illegalen Seiten des Systems Kohl, dem er angehörte. Er verteidigt sich mit dem Satz: 'Aus heutiger Sicht hätte man mehr nachfragen müssen.' Nein, nicht nur aus heutiger Sicht. Wer einen Gesetzesbruch bemerkt, und sei es in seiner Familie oder seiner Partei, der muss sofort handeln - nicht erst, wenn es nicht mehr vermeidbar ist, weil er, wie Schäuble heute, die Entdeckung befürchten muss. Wer unter diesen Umständen schweigt, macht sich zum Mittäter, zumal wenn es um Geld geht, das er selbst gesammelt hat. Über die Spaltung der CDU, gar ihren Bankrott, sei er finanziell oder moralisch, ist bisher oft unseriös spekuliert worden. Nun aber, da Kohl weiter schweigt und Schäuble immer mehr sagen muss, steht die alte und die neue Führung in schlimmstem Misskredit. Die Ära Kohl ist zu Ende, eine Ära Schäuble wird es nicht geben."
In den "Lübecker Nachrichten" heißt es:
"Man sitzt davor, mitten im schleswig-holsteinischen Wahlkampf, versucht die Dinge zu begreifen, zu gewichten, nicht überzubewerten und schüttelt dann doch nur noch den Kopf. Wie lang ist diese Salami eigentlich noch, von der uns Woche für Woche Woche ein bis zwei Scheiben aufgetischt werden? Heute also: Wolfgang Schäuble. Dieser integre, hochintelligente politische Kopf bekommt am Rande eines - wir vermuten - Stehempfangs quasi nebenbei 100.000 Mark zugesteckt. In bar! Von einem Waffenhändler! Und denkt sich nichts dabei. Für einen Außenstehenden ist das einfach nicht mehr zu fassen."
Die "Sächsische Zeitung" (Dresden) kommentiert:
"Wolfgang Schäuble hat Farbe bekannt. Auch der heutige Parteichef der CDU ist in die 'Schwarzkonten'-Affäre verwickelt. Schäubles Geständnis des Geldgeschäfts wiegt vor allem schwer, weil der Kohl- Nachfolger bislang den Eindruck vermittelt hatte, Schreiber nur flüchtig zu kennen. Kann man einen Gesprächspartner vergessen, der einem 100.000 Mark in bar gibt? Das späte Geständnis des CDU- Vorsitzenden wird nicht nur Fragen nach seiner Glaubwürdigkeit, nach weiteren Verwicklungen aufwerfen. Es wird das Vertrauen der Wähler in die Parteien weiter zerrütten. Mehr und mehr drängt sich der Vergleich mit dem vollständigen Untergang der italienischen Democrazia Cristiana auf. Das Szenario war wohl doch nicht so weit hergeholt, wie es manche gerne gehabt hätten."
Die "Stuttgarter Zeitung" hält ein Ende von Schäubles Zeit als CDU-Chef für möglich:
"Die Folgen der gestrigen Enthüllung sind noch kaum absehbar. Zum Beispiel die Folgen für Schäuble persönlich. Seine "Ära" könnte, kaum dass sie begonnen hat, auch schon zu Ende gehen. Die Partei hat nach dem Verlust der Macht im Herbst 1998 nicht einen Moment daran gezweifelt, dass der Nachfolger Kohls nur Schäuble heißen konnte. Sie hat - bisher - nicht einen Moment daran gezweifelt, dass dieser Wolfgang Schäuble den amtierenden Kanzler bei der nächsten Bundestagswahl herausfordern würde. Und nun?"
Die "Badische Zeitung" (Freiburg) schreibt dazu:
"'Ein Stück Mitverantwortung', ein Stück weit erinnert das an einen fast vergessenen norddeutschen Sozialdemokraten. Daraus zu schließen, dass auch Schäuble bald dem Vergessen anheim fallen wird, wäre voreilig. Nicht ganz so voreilig ist die Vermutung eines Gegengeschäfts: Kohl hat dementiert, er plane den Sturz seines Nachfolgers. Schäuble revanchiert sich per Mitverantwortung. Ob das sein politisches Überleben sichert? Das Gegenteil ist wahrscheinlicher: Der Oberbereiniger der Affäre hat sich gestern selbst belastet. Er konnte kaum anders, kam neuen Enthüllungen wohl nur zuvor. Von jetzt an werden die Tage des CDU-Vorsitzenden Schäuble gezählt."
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