Mittwoch, 10. Februar 2010

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04.12.2008
 

Politische Streitkultur

Die Würde des Gümbel

Von Jochen Bölsche

Mümpel, Stümpel, Dümpel, Pümpel, Gimpel, Simpel - nie zuvor ist ein bundesdeutscher Politiker wegen Namen und Aussehen derart mit Hohn, Hass und Häme überschüttet worden wie der neue Spitzenmann der SPD in Hessen. Thorsten Schäfer-Gümbel hat keine Chance - aber er nutzt sie.

Die Anwürfe kommen von rechts und von links, von vorn und von hinten. Auf der Website der baden-württembergischen Grünen-Fraktion ist zu lesen, der frisch designierte hessische SPD-Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel wirke so, als rufe "er täglich bei der Mutter" an: "Wahrscheinlich zwingt ihn seine Frau dazu. 'Schaaatz... Denk daran...: das Eeeerbe.'"

"Bild" porträtiert den sozialdemokratischen Newcomer maliziös als Pantoffelhelden, der wisse, "was starke Frauen wünschen". Beweis laut "Bild"-Kolumnist Dr. Hugo Müller-Vogg: "Bei der Heirat mit der Historikerin Dr. Anette Gümbel fügte er brav deren Namen an seinen an."

"Jungs wie den haben wir auf dem Schulhof verprügelt"

Die marxistische "Junge Welt" lässt einen hessischen Comedian zu Wort kommen, der Schäfer-Gümbel ein "fliehendes Kinn" bescheinigt und hinzufügt, er und seine Freunde hätten früher "Jungs wie den regelmäßig auf dem Schulhof verprügelt".

Die Gestalt, die Brille und der Name des 39-jährigen Politikwissenschaftlers und dreifachen Vaters aus Hessen - all dies wird seit drei Wochen in deutschen Zeitungen sowie in deren Online-Foren und in Dutzenden von Weblogs unablässig thematisiert, besonders hämisch und höhnisch von Medien rechts der Mitte.

"Komisch geformtes Obst aus Hessen"

Die konservative "Welt" nimmt eine EU-Empfehlung, Obst nicht wegzuwerfen, "nur weil es komisch geformt ist", zum Anlass, um in einem als Satire deklarierten Beitrag zu fragen, ob es sich bei einer neu entdeckten hessischen Obstsorte namens Schäfer-Gümbel "um Fallobst, eine taube oder harte Nuss handelt".

Auf rechten Kommentarseiten etwa von welt.de oder pi-news.net wird der Abgeordnete als "rasierter Waldschrat" und als "Schießbudenfigur" verunglimpft, als "Schläfer-Simpel" und "Schäfer-Bembel", als "Gimpel", "Pümpel" und "Dümpel". Die Userin "feminissima" ergänzt: "Da reimt sich schnell auch Stümpel."

Wohl nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik ist ein Politiker - geschweige denn ein Newcomer - wegen seines Namens und wegen äußerer Attribute mit ähnlich viel Gehässigkeit bedacht worden. Fast scheint es, als habe sich eine Zeitenwende in der deutschen Streitkultur vollzogen (soweit von Kultur noch die Rede sein kann).

Früher galt "No jokes with names"

"No jokes with names" - nach der unsäglichen Verballhornung jüdischer Namen im antisemitischen "Stürmer" und in anderen Nazi-Blättern galt der angloamerikanische Benimm-Kodex sechs Jahrzehnte lang auch in der Bundesrepublik, im Parlament wie in der Presse. Einzelne Verstöße - etwa des einstigen SPD-Fraktionschefs Herbert Wehner, der den CDU-Mann Jürgen Wohlrabe als "Übelkrähe" verhöhnte und dessen Parteikollegen Jürgen Todenhöfer "Hodentöter" nannte - galten als Ausnahme, die, umgehend gerügt, die Regel bestätigte.

Geöffnet wurde die Schleuse, als Boulevardblätter wie "Bild" und "BZ" begannen, am Namen von Schäfer-Gümbels wortbrüchig gewordener Vorgängerin Andrea Ypsilanti herumzumachen, um sie abwechselnd als "Lügilanti", "Tricksilanti" oder "Tschüssilanti" vorzuführen. Nach dem überraschenden Antritt ihres Nachfolgers verbreitete die "Berliner Zeitung" unter Berufung auf anonyme "böse Zungen" die Wortschöpfung "Gümbelanti", während Blogger begannen, ihrem Hass auf "McMümpel", den "Aushilfsprömpel", freien Lauf zu lassen.

Mit noch mehr Hingabe als dem Namen widmen sich Web-Schreiber, aber auch Print-Journalisten seit Wochen der Physiognomie des SPD-Spitzenkandidaten. Auch das ist, jedenfalls in dieser Intensität, ein Novum in der bundesdeutschen Politik.

Die Physiognomie als beherrschendes Thema

Kanzler Kohl als "Birne" zu persiflieren, war in der Bonner Republik zwar den Witzbolden von "Titanic" im allgemeinen zugestanden worden. Als degoutant dagegen galt es, in Leitartikeln oder Parlamentsdebatten auf das Aussehen eines politischen Gegners anzuspielen oder es gar zum beherrschenden Thema zu machen. Völlig undenkbar war es jahrzehntelang, ein Interview etwa mit der Frage einzuleiten: "Herr Wehner, wann lassen Sie sich die Zähne richten?"

Diese Zeiten scheinen passé - fast so vergangen wie die Radio Days, als die Wähler einen Politiker eher zu hören als zu sehen bekamen. In der Epoche der Television und der Telekratie, der Supermodelsuche und des Markenterrors schon auf dem Schulhof droht die Äußerlichkeitsfixiertheit von Teilen des Publikums Aussagen über politische Ziele mehr und mehr zu überlagern.

"Über dem Untergesicht eine kleine schmale Denkbeule"

Ob jemand von "Focus" oder von der "Süddeutschen Zeitung" den Kandidaten Schäfer-Gümbel in jüngster Zeit interviewte - gleich in der ersten Frage ging's um dessen Sehhilfe. Die "FAZ" glänzte unterdessen mit dem Einfall, einen Optikermeister zu dem "Unding" zu interviewen. Der Kopf des Kandidaten, befand der Fachmann in dem Blatt für die klugen Köpfe, werde vom schwarzen Steg der Brille unvorteilhaft aufgeteilt in "80 Prozent Untergesicht" und "eine kleine schmale Denkbeule obendrauf".

So sieht sich denn der SPD-Spitzenmann während seines Kurzwahlkampfs immer wieder mal zu der Erklärung genötigt, dass sich seine stark fehlsichtigen Augen, minus 12 und 16 Dioptrien, nicht einfach "runterlasern" lassen, wie der "FAZ"-Optiker rät, und dass er Kontaktlinsen nicht vertrage. Brillengläser der notwendigen Stärke aber seien nun einmal derart klobig, dass dafür keine großen Fassungen in Frage kämen. Nachdem der Politiker dies anhand einer eigens mitgeführten Linse mit extrem dickem Rand einem "FAZ"-Mann demonstriert hatte, informierte die Redaktion ihre Leser: "Thorsten Schäfer-Gümbel ist auf eine kleine Brille angewiesen."

"Retro-Modell" oder "Accessoire der Stunde"?

Zwar hat sich der Kandidat mittlerweile eine anderes Gestell zugelegt - auch nicht größer, aber eckig. Damit jedoch ist das Thema längst nicht vom Tisch: Nun verwirrt Schäfer-Gümbels neue Brille die Branche erst recht.

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