Von Jochen Bölsche
Während die "FAZ" meldet, auf der Nase des Sozialdemokraten sitze nunmehr ein "futuristisches Modell", glaubt ihr Schwesterblatt, die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" ("FAS"), dort ein "Retro-Modell 'Kuba-Krise'" zu erkennen: Mit dem neuen Exemplar könne Schäfer-Gümbel "glatt in einem Hollywood-Film als Sicherheitsberater des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy auftreten".
Womöglich ist die "FAS" in diesem Punkt nicht ganz à jour. "Brillen, für die man früher ausgelacht wurde, sind jetzt das Accessoire der Stunde," schreibt eine Lifestyle-Autorin in der "Welt". Daher sei Schäfer-Gümbels "modernisiertes Buddy-Holly-Modell" ebenso "angesagt" wie auch die neueste Brille von Johnny Depp. Hessens CDU-Spitzenmann Roland Koch steche dagegen als "modischer Verlierer" ab: "Seine randlose Brille ist in dieser Saison so out wie Sarah Palin, die ebenfalls randlos trägt."
"Germany's next top model" im hohen Haus
Schäfer-Gümbel versteht es, auf die absurde Debatte angemessen zu reagieren - mit Humor. Schon in seinem ersten Rededuell mit Koch, anlässlich der Auflösung des hessischen Landtags am Buß- und Bettag, führt er aus, es sei ja schon viel über seine Brille geschrieben worden, um sich zu Koch umzudrehen und ihm feixend zuzurufen: "Wir machen hier aber keinen Wettbewerb 'Germany's next top model'. Im Übrigen: Diesen Wettbewerb würde ich gewinnen."
Der Brillenträger auf der Regierungsbank greift das Thema auf und antwortet dem "Kollegen Schäfer-Gümbel": "Wenn Sie glauben, Sie seien schöner als ich, akzeptiere ich das." Es komme aber bei einer Brille "nicht darauf an, dass das Design stimmt, sondern auf die richtige Sehschärfe". Das Protokoll verzeichnet Heiterkeit im hohen Haus.
In derselben Debatte liefert der Herausforderer auch die Antwort auf die gehässige Leserfrage, "ob in einem verlängerten Kopf auch Gehirn steckt" (welt.de). Zur Überraschung vieler Leser melden nun Blätter, die sich soeben noch über Schäfer-Gümbel lustig gemacht haben, der Mann könne "fast staatsmännisch und in geraden Sätzen" ("FAZ") reden.
"Soll ich die Brille noch mal zurechtrücken?"
Und die "Stuttgarter Zeitung" kommentiert, nach dem "gelungenen Debüt" im Parlament und einer respektabel bestandenen "Feuertaufe", einem Interview mit TV-Inquisitor Michel Friedman, müssten nun auch jene, die den Kandidaten "zuvor noch mit einem mokanten Lächeln" bedacht hätten, eines zugeben: dass Schäfer-Gümbel "politisches Talent hat und Roland Koch durchaus gefährlich werden könnte".
Dass der sperrige Nachname jedenfalls kein unüberwindbares Hindernis darstellen muss, zeigt sich, seit Wahlkampfhelfer den Fußballfan mit dem positiv besetzten Kürzel TSG vermarkten, das an den Bundesliga-Zauberer TSG Hoffenheim erinnern soll. Die bundesweit bekannte Brille nutzt der Kandidat, kurz zuvor noch ein Mr. Nobody, bei Wahlkampfauftritten nun selbstironisch zur Selbstpropagierung und zur Selbststilisierung: "Soll ich sie noch mal zurechtrücken?"
"Vielleicht unterschätzen wir ihn"
Im Web scheint sich unterdessen ein Wetterwechsel abzuzeichnen. Während ein "Blacky007" auf stern.de weiter auf den vermeintlichen "Volltrottel" eindrischt, gibt eine "Gisella" zu bedenken: "Vielleicht unterschätzen wir ihn." Andere empören sich auf derselben Plattform nun über das "unterirdische Niveau" vieler Postings und nehmen TSG vor dem Web-Mob in Schutz: "Man muss den Mann nicht mögen," schreibt "vubler", wer ihn aber "persönlich mit Schimpfwörtern beleidigt, zeigt selbst sein eigenes schlichtes Gemüt und auch seinen Charakter".
Seit TSG - zuvor als Ypsilantis "Marionette" karikiert - zu Monatsbeginn auf Distanz zum Wortbruch seiner Vorgängerin gegangen ist, korrigieren auch Printmedien frühere Urteile und Vorurteile über den SPD-Politiker, ohne allerdings ihre Fixierung auf dessen Brille aufzugeben. Originalton "Hamburger Abendblatt": "Die neue Brille ist nicht nur flotter als die alte", sie habe TSG "offenbar auch endlich zu einer klareren Sicht auf seine Vorgängerin Andrea Ypsilanti verholfen".
"Mehr Dioptrien wagen"
Der "Stern" staunt über die "selbstbewusste Medien-Performance" des Überraschungskandidaten, der "aus Schwächen Stärken" macht. Die "Zeit" sieht ihn gar schon auf dem Weg der "Kultwerdung". Unter der Überschrift "Mehr Dioptrien wagen" schreibt das Wochenblatt: "Zuerst lachten die Leute über den hessischen Müller-Lüdenscheid, dann gossen sie Häme über das Riesenbaby - und jetzt erkennen sie plötzlich, dass da etwas ist, was sie nicht gesehen haben, eine Qualität, eine Eigenschaft, die Respekt abnötigt. Die Fähigkeit, das Lachen und die Häme zu ertragen."
Da fehle nur noch als nächster Schritt die "ironische Überhöhung" - für die das Blatt gleich selber sorgte: auf einem "herausnehmbaren Plakat" mit dem Kandidaten-Konterfei und dem Obama-Slogan "HOPE". Kurz zuvor war etwas Ähnliches dem hannoverschen Designer Achim Schaffrina eingefallen, der im Netz "Schäfer-Gümbel '09" in der Pose des designierten US-Präsidenten zeigt, darunter statt "Yes I can" ein hessisches "Yo isch kann".
Inzwischen ist das Unglaubliche eingetroffen: Das Bild des Hessen-Obamas, von einigen Bloggern sogleich als Persiflage durchschaut, verbreitet sich nun in Windeseile nach Art des vieldiskutierten viralen Marketing von Website zu Website - und findet, allen Ernstes, Gefallen auch bei Sozialdemokraten.
Ein "Verarschungslogo" wird zum "Kult"
Zuerst setzte der Marburger SPD-Stadtverband Schaffrinas Logo für ein paar Tage auf seine Website, dann griffen Genossen anderswo zu. "Zum Niederknien" fanden etwa die Sozialdemokraten im Düsseldorfer Landtag das TSG-Obama-Emblem, das sie prompt auf ihre Seite blog.nrwspd.de setzten. Denn, so glauben sie: "'Yo isch kann' hat das Zeug zum Kult."
Das wiederum wundert einige Nutzer der Website von Designer Schaffrina. Dass die Sozialdemokraten das "Verarschungslogo einfach übernehmen", schreibt einer, sei "entweder sehr größenwahnsinnig oder sehr ironisch. Lustig aber so oder so." Ein anderer User, der sich "airpark" nennt, prophezeit dem Mann, dem so viele Spötter die Würde nehmen wollen, eine gute Zukunft: "Egal wie es weiter für ihn läuft - er kann nur gewinnen."
Schäfer-Gümbel tourt unverdrossen weiter durch Hessen. Der Name Gümbel, weiß er, geht auf den germanischen Rufnamen Gundbald zurück. Und "gund" heißt Kampf und "bold" heißt kühn.
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