Von Franz Walter
Göttingen - Man hatte verblüffend lange warten müssen, bis man in Deutschland den Pauschalbegriff von den Personen mit "Migrationshintergrund" durch Differenzierung aufgelöst bekam. Genauer: Es dauert bis zum September 2007, als endlich eine erste umfassende Lebensweltanalyse der verschiedenen Migrationmilieus in Deutschland durch das Heidelberger Institut "Sinus Sociovision" vorgelegt wurde. Die Forschungen dazu sind fortgesetzt und durch weitere Befragungen zusätzlich fundiert worden. Am Dienstag wird in Berlin der neueste Befund der Expertise, die von acht Einrichtungen in Auftrag gegeben wurde, der Öffentlichkeit vorgestellt.
Zugrunde gelegt sind acht verschiedenen Milieus:
Wir reden von immerhin 15,3 Millionen Deutschen, wenn wir den Begriff "Migrationshintergrund" verwenden. Das sind 18,6 Prozent der Wohnpopulation hierzulande, wobei der Anteil in der jüngeren Generation noch steigt. Von den Kindern bis zu fünf Jahren wird jedes dritte in einer Familie mit Migrationsbiografie groß. In der Gesamtbevölkerung Deutschlands befinden sich 13 Prozent im Alter von 20 bis 29; unter Migranten liegt die Quote bei 23 Prozent. 15 Prozent aller Bewohner in Deutschland sind über 70, aber nur drei Prozent der Bürger, deren Familien zugewandert sind.
Die meisten Migranten stammen aus Russland
Das Herkunftsland Nummer eins ist die frühere Sowjetunion mit 21 Prozent der Migration in Deutschland, gefolgt von der Türkei mit 19 Prozent. Zwölf Prozent kommen aus südeuropäischen Ländern, elf Prozent aus Polen.
Die Migration ist also keineswegs mehrheitlich muslimisch, wie man zuweilen annehmen könnte, wenn man aufgeregte Kommentare zum Kampf der Kulturen liest. Vielmehr dominieren die Katholiken, die ein Drittel der Zuwanderungsmilieus ausmachen. Zu den Muslimen zählt dagegen lediglich ein Fünftel.
Religiöser Fundamentalismus ist es offensichtlich nicht, was die Migration in Deutschland charakterisiert: 84 Prozent der jüngst von Sinus Befragten vertraten die Meinung, dass Religion eine reine Privatsache sei. Noch dezidierter fiel die Zustimmung zu der Aussage aus, dass die Gesetze des Staates wichtiger seien als die Gebote auch der eigenen Religion.
Insofern scheinen die weltanschaulich-religiösen Barrieren, welche kulturelle und gesellschaftliche Integration vereiteln könnten, nicht ganz so groß zu sein, wie häufig ängstlich unterstellt. Hält man sich nur an die Ergebnisse der vorliegenden Studie, dann wäre im Gegenteil praller Optimismus angesagt. Für das Gros der Bürger aus Migrationsmilieus ist die Integration weder eine offene Frage noch ein ungelöstes Problem. Bemerkenswert ist in der Tat, dass der Anteil formal Hochgebildeter in den Gruppen der Migration höher liegt als im Rest der Bevölkerung, übrigens auch die Quote der Besserverdienenden. Dazu: Mehr als 80 Prozent äußern, dass sie "gerne" oder "sehr gerne" in Deutschland leben; und nur ganz wenige bezeichnen ihr Herkunftsland als "eigentliche Heimat".
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