Von Franz Walter
Die neue Studie legt den Schluss nah, dass aus der Migration heraus ein produktiver und innovativer Leistungskern für die deutsche Gesellschaft erwächst. Vor allem bildet sich in den "intellektuell-kosmopolitischen" und "multikulturellen Performermilieus", wie sie von den Milieuanalytikern etwas sperrig bezeichnet werden, eine neue, für das 21. Jahrhundert formative Elite heraus, die immerhin schon ein Viertel der Gesamtmigration umfasst. Deren Träger - mehr Frauen als Männer - sind stolz auf ihre Bikulturalität, ihre Mehrsprachlichkeit, ihre lebensgeschichtliche Inspiration durch sehr verschiedenartige Philosophien. Aus diesem Erfahrungsreichtum ziehen sie ihr Selbstbewusstsein und begründen damit den Anspruch, als Leitformation einer kulturell spannungsreichen Weltgesellschaft eine Art Pionierrolle einzunehmen. In diesen beiden Milieus verfügt die Mehrheit über die deutschen Staatsbürgerschaft, während das im traditionell religiös-verwurzelten Milieu nur auf 16 Prozent der Zugehörigen zutrifft.
In vielerlei Hinsicht steht die Mehrheit der Migranten der Aufsteigermentalität in der deutschen Nachkriegsgesellschaft außergewöhnlich nah, ja verkörpert diese frühere deutsche Leitkultur inzwischen kraftvoller und vitaler als der Rest der deutschen Nation. Fast 70 Prozent der Menschen in Deutschland mit Zuwanderungsvergangenheit ist überzeugt davon, dass jeder, der sich anstrengt, auch nach oben zu gelangen vermag. Die deutsche Mitte sonst ist da mittlerweile weit skeptischer, auch resignierter, eher in Furcht vor dem Abstieg gefangen als durch Hoffnungen auf Aufstieg beseelt. Insofern haben es Apologeten des alten Sozialstaats in den neuen Migrationsgruppen künftig allerdings nicht leicht. Denn dort wird mehrheitlich sehr dezidiert das Postulat abgelehnt, dass es eine vorrangige Aufgabe des Staates zu sein habe, die sozial Schwachen verlässlich abzusichern.
Es ist ein bisschen so wie mit der neuen SPD unserer Tage. Nicht ganz wenige Kinder aus dem berufsstolzen, disziplinierten, traditionellen Arbeitermilieu der seinerzeit sogenannten "Gastarbeitergeneration" haben sich mittlerweile stärker nach oben gerobbt, ein wenig streberhaft, ziemlich ehrgeizig, jederzeit anpassungsbereit. Und wie die Parvenüs in der SPD hat man sich auch bei den erfolgreichen Migranten von den Zurückgelassenen unten getrennt und kulturell distanziert. Die neue Mitte der Einwanderung ist ebenso wie das Zentrum der klassischen Mehrheitsgesellschaft darauf erpicht, sich nur in solchen Wohnquartieren niederzulassen, in denen der Ausländeranteil gering ist.
Und so bleiben auch in der Migration nicht ganz wenige zurück - rund ein Viertel dürften es wohl mindestens sein. Der Aufstieg der einen lässt die anderen ihr Scheitern und ihre Rückständigkeit als noch schmerzhafter empfinden. In der Sinus-Studie firmieren sie als "entwurzelte" beziehungsweise "hedonistisch-subkulturelle Milieus". Hier wird am stärksten die Aussage bekräftigt, dass "Menschen mit einem Migrationshintergrund gerade in Deutschland Bürger zweiter Klasse" seien.
In diesen beiden Lebenswelten dominieren Männer mit geringer schulischer Qualifikation, unzureichender beruflicher Ausbildung. Das "entwurzelte Milieu" speist sich vor allem aus der meist nur wenige Jahre zurückliegenden Einwanderung aus der früheren Sowjetunion und Ex-Jugoslawien. Die Deutschkenntnisse sind sehr gering; weder im Familien- noch im Freundeskreis wird hauptsächlich Deutsch gesprochen. Man bleibt mithin unter sich, pflegt keine oder kaum Außenkontakte zu anderen Lebenswelten. Fast die Hälfte identifiziert sich mit dem Satz: "Mein Herkunftsland ist meine eigentliche Heimat; in Deutschlands verdiene ich nur mein Brot."
Das "hedonistisch-subkulturelle Milieu" hingegen - wo nur ein Viertel ein derartiges Bekenntnis abgibt - wird eher von jungen männlichen Türken geprägt, die größtenteils während der neunziger Jahre nach Deutschland gekommen sind, von denen aber auch überproportional viele hier bereits geboren worden waren. Über die Hälfte besitzt nicht die deutsche Staatsbürgerschaft, aber ihre Kenntnisse der deutschen Sprache sind bemerkenswert gut.
Wahrscheinlich ist dies der brisanteste Lebenszusammenhang, der die signifikant positive Integrationsperspektive der neuen Migrationsstudie bricht und relativiert. Es ist das Milieu junger, sich ihrem Selbstverständnis unsicherer Menschen, von denen viele sich vehement dagegen sträuben, in der deutschen Mehrheitsgesellschaft adaptiv aufzugehen. Sie wollen sich nicht unter Druck assimilieren, verhalten sich renitent, demonstrativ provokativ.
Nach wie vor trifft wohl zu: Diese Eigenkultur ist unzweifelhaft modern, aber sie hat mindestens Spuren oder Teilelemente auch der Traditionalität, des Rückgriffs auf Ethnie und religiösem Eigensinn aufgenommen, um sich von der verhassten Mehrheitsgesellschaft abzugrenzen und dadurch vielleicht eine eigene, gewiss schwierige Identität zu konstruieren.
Und dabei mag es sein, dass die Religion doch wieder mit ins Spiel kommt.
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