Von Annett Meiritz
Hamburg - Thorsten Schäfer-Gümbel ist kein Mann des höflichen Vorgeplänkels. Er kommt lieber direkt zur Sache. "Am 18. Januar 2009 sind Sie erneut zur Wahl des hessischen Landtags aufgerufen. Damit zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres", spricht er sachlich in die Kamera. Dann senkt er seine Stimme. "Dieser Wahlgang ist überschattet von der großen Debatte um den Wortbruch."
"Ich will sagen", fährt er leicht stockend fort, "dass wir einen großen Fehler als hessische SPD gemacht haben." Ausgerechnet in diesem Moment knarzt im Hintergrund unüberhörbar eine Tür.
Doch der Politiker lässt sich nicht aus dem Takt bringen, der "große Fehler", erklärt er weiter, sei gewesen, "eine Tolerierung der Linkspartei im vergangenen Jahr auszuschließen und es anschließend doch zu versuchen."
"Das hat Enttäuschung hervorgerufen", stellt Schäfer-Gümbel fest. Wieder knarzt die Tür.
Am Wochenende hat der Spitzenkandidat der Hessen-SPD auf seiner Internet-Seite den ersten eigenen Videoblog veröffentlicht. Das Setting wirkt auf den ersten Blick alles andere als glattgebügelt. Schäfer-Gümbel steht jackettlos vor einem Regal mit Fachbüchern und erweckt den Eindruck, als habe er spontan in der Mittagspause den Entschluss gefasst, sich per Internet-Botschaft ans Volk zu wenden.
"Online-Wahlkampf nach US-Vorbild"
Doch die Schlichtheit ist gewollt. Denn Wähler, das wissen auch Politiker mittlerweile, wollen keinen über-professionellen Hochglanzredner, der vom Teleprompter abliest. Deshalb stört es nicht, dass "TSG" eins, zwei Mal nach Worten sucht.
Immerhin steht die hessische SPD vor der Herausforderung, einen bis vor wenigen Wochen noch völlig unbekannten Politiker populär zu machen. Dazu haben Strategen und Berater nicht einmal zwei Monate Zeit. Nach "Tagesspiegel"-Informationen hat die Hessen-SPD deshalb eine Düsseldorfer Werbeagentur engagiert. Man habe sich geeinigt, "Elemente für einen Online-Wahlkampf nach US-Vorbild" zu verwenden, heißt es. Der "Videodialog" getaufte Blog soll nun offenbar die erste Aktion in Richtung Web-Wahlkampf sein.
Allerdings ist das Thema Wortbruch abgehakt, noch bevor die erste Blogminute zu Ende ist. "Im Wissen dieses Fehlers haben wir uns entschieden, den Blick nach vorne zu richten", spricht Schäfer-Gümbel, er klingt plötzlich viel dynamischer, zieht das Redetempo an. Flugs ist er bei den G8 gelandet, bei Studiengebühren, Mindestlohn, Energiewende und Finanzkrise.
"Um diese Themen erneut mit Ihnen zu diskutieren" bittet er seine Zuhörer, ihre "Anregungen" an ihn zu schicken. Er lächelt, vom reumütigen Spitzenkandidaten ist nichts mehr übrig. Schäfer-Gümbel verspricht, in der kommenden Woche ein neues Video zu veröffentlichen und auf das Feedback zu reagieren.
Reicht eine Entschuldigung für den Neuanfang?
Der Name Ypsilanti fällt in keiner Sekunde, auch differenziert er nicht zwischen denen, die den Wortbruch begangen haben, und denen, die ihn scharf kritisierten. Thorsten Schäfer-Gümbel entschuldigt sich stellvertretend für "die hessische SPD". Dabei zeigt doch das Drama um die vier Abweichler, der gescheiterte Versuch Ypsilantis, Roland Koch zu beerben, und die anschließende Not-Installation Schäfer-Gümbels, dass es diese eine, geschlossene Hessen-SPD nicht gibt. Doch all das hat keinen Platz in zweieinhalb Youtube-Minuten.
Vor einer Woche erst hatte sich der neue Spitzenkandidat schon einmal für den Wortbruch entschuldigt, in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung". Auch dort ließ er unerwähnt, dass er genau wie Ypsilanti vor der Landtagswahl entrüstet darauf bestand, keinerlei Bündnis mit der Linken eingehen zu wollen - und nach der Wahl den Parteibeschluss, es auf einen Pakt mit den Radikalen ankommen zu lassen, mitgetragen hat.
"Ich freue mich auf Ihre zahlreichen Antworten", sagt Schäfer-Gümbel zum Schluss, dann wird er ausgeblendet. Unter dem Videofenster folgt der muntere Aufruf: "Schreiben Sie mir!"
Eines haben die Strategen allerdings nicht bedacht. Das Youtube-System der Querverweise auf verwandte Videos blendet unmittelbar andere Beiträge zu Schäfer-Gümbel ein. Darunter jede Menge Spottmaterial, das Journalisten und Hobby-Lästerer in den vergangenen Wochen zuhauf verfassten - nutzerfreundlich gebündelt. Zum Beispiel die Karikatur von Schäfer-Gümbel als Obama ("Yo isch kann"), unterlegt mit deutschem Punkrock. Oder eine Fernsehsatire, in der der Spitzenkandidat als "Agent Doppelnull" verhöhnt wird. Oder Ausschnitte aus einem Fernsehinterview, in dem Michel Friedman Schäfer-Gümbel einen "Ypsilanti-Ersatz" und "politischen Lügner" nennt.
Wer den Web-Wahlkampf will, muss auch seine derben Nebenprodukte in Kauf nehmen.
Auf anderen Social Networks posten:
Bei den Neuwahlen 2014 dürfte die SPD wieder gute Chancen haben - wenn sie es nicht wieder selbst vergeigt. mehr...
Es fällt der deutschen Presse sehr schwer objektiv zu berichten. Diese kleinen Weltverbesserer-Journalisten glauben, sie müßten dem Bürger die Politik erklären ... wenn dann dieser Bürger seine eigene Meinung durch Wahlen [...] mehr...
Frau Ypsilanti hat vorgeführt wie man die SPD in den Abgrund führt. Die Genossen sind ihr wie die Lemminge brav gefolgt: Beck, Steinmeier, Münte (erst wenn-schon-denn-schon und jetzt mit "machtpolitschen Zeichen"). Die [...] mehr...
SPD in Hessen - wie sehen Sie die Chancen für einen Neuanfang? SPD in Hessen - ja gibt es denn noch eine SPD in Hessen ? Diese Partei ist doch schon lange tot ... Leute wie Nahles, Ypsilanti, Stegner haben diese Partei [...] mehr...
Stellen Sie sich bitte folgende Situation vor: Sie haben eine Fußballmannschaft mit 11 Spielern. Einer steht im Tor, 10 sollen auf das Tor des Gegners schießen. 1 Spieler zerstört jeglichen Angriff auf das Tor des Gegners und [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Deutschland | RSS |
| alles zum Thema Landtagswahl in Hessen 2009 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH