Rezessionsbekämpfung
Nobelpreisträger Krugman attackiert Merkel und Steinbrück
Das sitzt: Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman wirft Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Peer Steinbrück Realitätsverlust vor. Im SPIEGEL-Interview spricht er davon, dass den beiden vielleicht die "intellektuelle Beweglichkeit" fehle, um das Ausmaß der Wirtschaftskrise zu erkennen.
Berlin - Der 55-jährige Ökonom sagt im SPIEGEL-Interview. "Sie denken immer noch in den Kategorien einer Welt, wie sie vor ein oder zwei Jahren zu sein schien, mit Inflation und Defiziten als größter Gefahr. Die Folge: Sie verkennen den Ernst der Wirtschaftskrise und verschwenden so wertvolle Zeit – für Deutschland und für Europa." Seine Vermutung: "Vielleicht fehlt ihnen intellektuelle Beweglichkeit."
Im neuen SPIEGEL 51/2008:
Die Geburt der Deutschen
Vor 2000 Jahren: Als die Germanen das Römische Reich bezwangen
Foto Westfälisches Landesmuseum Münster
Entschieden weist der Princeton-Ökonom außerdem Sorgen der Regierung zurück, die Deutschen müssten bloß für die Fehler und Probleme der anderen zahlen. "Das ist verständlich, aber kleinlich, wenn sich zugleich die europäische und besonders auch die deutsche Wirtschaft in großer Gefahr befinden."
Dass Steuersenkungen verpuffen könnten, sei "nur ein Argument für eine besseres Programm. Und kein Grund dafür, nichts zu tun", so Krugman weiter. Den Deutschen empfiehlt er, sich so weit es nur geht auf öffentliche Investitionen zu konzentrieren. Vor allem aber sollten sie rasch handeln: "Das Perfekte ist der Feind des Guten. Wir befinden uns in einem drastischen Niedergang und müssen schnell so viel wie möglich unternehmen. Nachhaltige Anreize sind entscheidend, egal in welcher Zusammensetzung". Wenn die Berliner Regierung nicht handle, drohe "ein sehr, sehr ernster Absturz mit den schlimmsten Arbeitslosenzahlen seit den dreißiger Jahren und im Anschluss womöglich ein verlorenes Jahrzehnt nach japanischem Muster", sagt der Wirtschaftsprofessor gegenüber dem SPIEGEL.
Vor dem Krisengipfel am Sonntag im Kanzleramt hatten sich einige deutsche Ökonomen und Politiker zu Wort gemeldet, die Merkel eine Politik der ruhigen Hand empfahlen. Andere befürworteten ein schnelles zweites Konjunkturprogramm.
Die Bundesregierung rechnet nach SPIEGEL-Informationen für das nächste Jahr mit einer tiefen Rezession. In einer aktualisierten Prognose sagen Konjunkturexperten der Regierung voraus, dass die deutsche Wirtschaft 2009 um zwei Prozent schrumpft. Weil als Folge Steuereinnahmen ausbleiben und Kosten für die Finanzierung höherer Arbeitslosigkeit anfallen, steige das Staatsdefizit auf drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Damit wird auch ein weiteres Konjunkturprogramm wahrscheinlicher. "Die Bundesregierung wird die wirtschaftliche Entwicklung wachsam verfolgen", heißt es im Entwurf des neuen Jahreswirtschaftsberichts, der Anfang des Jahres veröffentlicht wird. "Im Falle einer Verschärfung der internationalen Krise wird sie ihren Handlungsspielraum nutzen, um weitere entlastende und stabilisierende Maßnahmen zu ergreifen." Eine weltweit schwache Entwicklung der Auslandsnachfrage müsse "im Inland kompensiert werden, soll es nicht zu negativen Rückwirkungen auf den Arbeitsmarkt kommen." Deutschland stehe "im kommenden Jahr vor dem wohl größten Belastungstest zumindest seit der Wiedervereinigung", heißt es in dem Entwurf weiter.
KONJUNKTURKRISE IN EUROPA
... stehen die Zeichen auf Abschwung. Alle großen Ökonomien sind von der Rezession bedroht. Eine Übersicht zeigt, wie die Staaten unter der Wirtschaftskrise leiden.
… stellt sich auf eine Rezession ein, erwartet aber einen geringeren Einbruch als Deutschland. Offiziell sagt die Regierung für 2009 weiter ein Wachstum um 0,2 bis 0,5 Prozent voraus, allerdings mit dem Zusatz: "Wir werden ja sehen." Ein Konjunkturpaket in Höhe von 26 Milliarden Euro werde 2009 einen Wachstumsimpuls von 0,6 Prozent des BIP bringen. Es soll 80.000 bis 110.000 Stellen schaffen und damit den krisenbedingten Jobabbau größtenteils ausgleichen. Der Index für das Geschäftsklima sank im November auf den tiefsten Stand seit September 1993 und die Arbeitslosigkeit hat die wichtige Schwelle von zwei Millionen bereits wieder überschritten.
… rechnet mit einem Sinken der Hauspreise. Das Konsumklima ist bereits am Boden. Fast täglich werden Stellenstreichungen verkündet. Für 2009 erwartet die Regierung, dass die Wirtschaft zwischen 0,75 und 1,25 Prozent schrumpft. Die Zahl der Arbeitslosen könnte drei Millionen erreichen. Die Regierung hofft, dass das Hilfspaket von 20 Milliarden Pfund (23,7 Milliarden Euro) die Konjunktur wieder ankurbelt. Dabei baut sie auch auf die Wirkung der gesenkten Mehrwertsteuer. Allerdings wächst die Verschuldung des Staates im kommenden Finanzjahr durch das Rettungspaket auf 118 Milliarden Pfund - das sind acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
… erwartet, dass die Konjunktur 2009 ihren Tiefpunkt erreichen wird. Das Land erlebt eine Talfahrt wie kaum ein anderer Staat in Europa. Vor gut einem Jahr lag die Wachstumsrate noch bei 3,5 Prozent, und in Spanien wurden mehr Arbeitsplätze geschaffen als in den meisten anderen EU-Ländern. Die Zeitung "El País" erwartet für 2009 ein Schrumpfen der Wirtschaft um 1,0 Prozent. Bereits jetzt hat Spanien mit 12,8 Prozent die höchste Arbeitslosenquote in der Euro-Zone. Nach Schätzungen von Experten könnte die Arbeitslosenquote einen Wert 15 bis 16 Prozent erreichen.
… ist von einer Rezession bedroht. Es ist ungewöhnlich, wie stark sich die Lage am Arbeitsmarkt verschlechtert. Für 2009 wird von einer Arbeitslosigkeit von etwas über drei Prozent ausgegangen. Der Wirtschaftsverband Economiesuisse warnte angesichts der Hilfsmaßnahmen für die in Schieflage geratenen Banken vor Staatsinterventionismus. Der Verband geht für die Schweiz von einer Stagnation für 2009 aus. Der private Konsum werde durch weitere Zinssenkungen und die versprochenen Reallohnerhöhungen die Konjunktur stützen.
… befindet sich in einer Rezession. 2008 schrumpfte die Wirtschaft geschätzt um etwa 0,4 Prozent. Für 2009 wird ein Rückgang des Bruttoinlandsprodukts von einem Prozent vorhergesagt. Die Arbeitslosenquote liegt bei etwa 6,8 Prozent, Tendenz steigend. Nach Angaben des nationalen Statistikamtes ISTAT wird sie bis 2010 auf mindestens 8 Prozent steigen. Besonders besorgniserregend ist dabei die Jugendarbeitslosigkeit, die in Italien rund 20 Prozent beträgt. Viele Italiener fühlen sich in ihrer Existenz bedroht: Laut Umfragen sehen vier von zehn Beschäftigten ihren Arbeitsplatz gefährdet.