Von Philipp Wittrock
Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann reagierte schockiert auf die Tat. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE sprach der CSU-Politiker von einer "neuen Dimension rechtsextremer Verbrechen"; Bayerns Behörden hätten in jüngster "Zeit eine Zunahme an rechtsextremen Aktivitäten" verzeichnet - und in der Tat hat sich im Freistaat längst eine breite rechtsradikale Szene etabliert.
Rund 1100 gewaltbereite Rechtsextremisten zählt der Verfassungsschutz, bundesweit wird ihre Zahl auf etwa 10.000 geschätzt. Allein in der Region Passau verdoppelte sich die Zahl der rechtsextremistischen Straftaten in diesem Jahr im Vergleich zu 2007 auf 83.
Für einige Orte, vor allem in Franken, sind die Neonazis zur regelrechten Plage geworden. Im oberfränkischen Gräfenberg marschieren seit 1999 Rechtsradikale auf, früher nur einmal im Jahr, seit etwa zwei Jahren sogar monatlich. Ziel war ursprünglich ein Denkmal für Weltkriegsgefallene, doch die Gemeinde hat den braunen Demonstranten den Zugang inzwischen untersagt. Nun protestieren diese regelmäßige gegen das Verbot.
Üble Erfahrungen hat auch Wunsiedel gemacht, wo Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß begraben ist. Um dessen Todestag am 17. August herum melden dort Neonazis immer wieder "Gedenkmärsche" an. Noch 2004 kamen Tausende Rechtsextremisten aus ganz Europa in die oberfränkische Stadt. Zuletzt verboten die Behörden die Aufmärsche, seither suchen Neonazis regelmäßig Ausweichmöglichkeiten in der Region.
Die NPD hat in Bayern noch immer ihren mitgliederstärksten Verband. Der allerdings ist intern tief zerstritten. Schon vor der Landtagswahl bekämpften sich die verschiedenen Flügel der Partei gegenseitig. Besonders der Parteinachwuchs von den Jungen Nationaldemokraten (JN) ist nicht mit dem Kurs des Landesvorsitzenden Ralf Ollert einverstanden. Auf dem jüngsten Parteitag nahe Landau in Niederbayern wurde Ollert zwar wiedergewählt, anschließend verließ aber etwa ein Drittel der Delegierten demonstrativ den Saal. Der Chef der bayerischen JN trat gar aus der NPD aus. Die Radikalen in der Partei machen Ollert für das klägliche Wahlergebnis verantwortlich: Gerade einmal 1,2 Prozent holte die rechtsextreme Truppe, zumindest drei Prozent hatte die Führung als Ziel ausgegeben.
Auch aus der parteiungebundenen Neonazi-Szene verweigern immer mehr Ollert die Gefolgschaft. Der Kameradschaftsbund Hochfranken, stets in vorderster Front aktiv, wenn es um das jährliche Heß-Gedenken geht, beklagte unlängst den "Wischi-Waschi-Kurs" der Parteiführung.
Dennoch ist die NPD in Bayern nach wie vor stark verwurzelt. Bundeschef Udo Voigt lebt in Moosburg. Sascha Rossmüller, einer seiner Stellvertreter, kommt aus Niederbayern. Ihren Bundesparteitag hielt die NPD im Frühjahr in Bamberg ab. Wenige Wochen vorher marschierte die erste NPD-Garde in Nürnberg zur Maikundgebung auf.
Auch in Passau und Umgebung soll die NPD die rechtsextreme Szene beherrschen. Traudl's Café Stübchen in Mannichls Heimatort Fürstenzell soll seit dem Sommer einem NPD-Gönner gehören - darüber zumindest spekulierten lokale Medien laut Rechercheportal redok. Der neue Eigentümer mische "europaweit in der rechten Szene" mit.
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